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Galopp: Als es am Hessentor noch großen Sport gab

Galopp : Als es am Hessentor noch großen Sport gab

Die Geschichte der Neusser Galopprennbahn ist voller ungewöhnlicher Ereignisse. Der "Schnee-Renntag" an Silvester 1978 ist eines davon.

Neuss Am kommenden Dienstag wird der zweite Grasbahn-Renntag unter Flutlicht auf der Neusser Galopprennbahn gelaufen. Zur Premiere am 21. Oktober hat die NGZ im Rahmen der Serie "Sportgeschichten" über ungewöhnliche Ereignisse der Neusser Rennsport-Vergangenheit berichtet. .

Dazu zählt auch der Silvester-Renntag am 31. Dezember 1978. Nordrhein-Westfalen war unter einer dichten Schneedecke förmlich begraben, die Autobahnen waren im Grunde kaum befahrbar. Im Lande herrschte an diesem Vormittag eine eigentümliche Stille. Wer das Haus nicht verlassen musste, der tat es auch nicht. Aus dem von Neuss rund 450 Kilometer entfernten Iffezheim bei Baden-Baden hatte sich aber die Familie Gülcher auf den Weg gemacht, denn es sollten die beiden Pferde Fegorsun und Goldreiter in Neuss laufen. Die NGZ erreichte Wolfgang Gülcher in Iffezheim, wo er schon lange den Stall seines Vaters Siegfried weiterführt, der die Iffezheimer Trainingszentrale einst gründete.

Wolfgang Gülcher war damals Jockey am Stall des Vaters: "Wir sind zu Hause bei ganz normalen Wetterverhältnissen losgefahren. Ungefähr ab Köln sind wir nur noch im Schneckentempo nach Neuss gekommen. Eigentlich hatten wir damit gerechnet, dass der Renntag abgesagt würde. Dort herrschte das blanke Chaos, aber die Rennleitung entschied sich dafür, die Rennen auf dem relativ festen Schneeboden laufen zu lassen." Allerdings gab es eine kleine Einschränkung: Das erste Rennen um 12 Uhr mittags war ein Hürdenrennen, wurde dann aber ohne Hürden als Flachrennen gelaufen.

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Wolfgang Gülcher ritt den 196:10 Außenseiter namens Fegorsun, Wettfavorit war für eine Quote von 52:10 im Feld der fünf Pferde die Stute Swenja mit Rainer Ulrich, die der kürzlich verstorbene Besitzertrainer Hans-Heinrich Jörgensen aus dem hohen Norden nach Neuss schickte. Wolfgang Gülcher: "Wir waren auf solche Verhältnisse überhaupt nicht vorbereitet. Ich habe unglaublich gefroren, meine Hände waren total steif, als ich im Ziel war. In der Jockeykabine haben wir sie mit warmen Wasser erst einmal wieder aufgetaut." Gülcher konnte sich allerdings auch noch fast 36 Jahren an ein weiteres Detail exakt erinnern: "Ich habe mit großem Vorsprung gewonnen." Ausweislich des Rennberichtes im Jahreskalender des Dachverbandes auf Seite 971 waren es nach 3000 Metern und knapp vier Minuten wirklich mehr als zehn Längen.

Das zweite Gülcher-Pferd Goldreiter mit Klaus Hildenbrand im Sattel kam später als 28:10 Favorit nicht ins Ziel. Unter den Hufen hatten sich Schneeklumpen gebildet und er rutschte aus, ohne sich zu verletzten. Nur am Rande: Alle elf Rennen sind damals zu Ende gebracht worden - auch das Jagdrennen wurde als Flachrennen gelaufen. Es gewann Rainer Ulrich mit Deal Health, den mit Ervin Simko ebenfalls ein Trainer aus Iffezheim ins Rheinland geschickt hatte. Gülcher: "Wir sind dann so schnell wie möglich zurück nach Hause gefahren, denn in der Festhalle wartete die große Silvesterparty. Als wir dann morgens früh nach Hause gingen, lag auch in Iffezheim Schnee. Am anderen Tag sind wir in den Skiurlaub gefahren." Insgesamt sind 65 für die Rennen gemeldeten Pferde aufgrund der Witterungsverhältnisse nicht angetreten. Das ist bis heute ein unerreichter Nichtstarter-Rekord in Deutschland.

Drei Jahre vor diesem Schneegestöber feierte der Neusser Reiter-und Rennverein sein 100-jähriges Bestehen. Mit einem vom damals noch jungenhaften Präsidenten Dr. Ernst Heitzmann organisierten Festakt im Zeughaus. Aber in diesem Jahr 1975 auch mit großem Sport auf der Grasbahn bei einer Kulisse, deren Fotos heute nicht nur in Neuss, sondern auch in vielen anderen Orten ungläubig bestaunt werden.

Höhepunkt war der Herbst-Stutenpreis der International Harvester Company (IHC) um 102 000Deutsche Mark und am Start war alles, was hierzulande Rang und Namen hatte. Der große Trainer Heinz Jentzsch gewann das Rennen mit der schon mit klassischen Ehren dekorierten Stute Idrissa aus dem Gestüt Schlenderhan. Jockey Joan Pall besiegte Kandia aus dem Mitzlaff-Stall mit Peter Remmert, die Schlenderhanerin Babylon mit Ralf Suerland wurde Dritte. Es könnte sein, dass nie mehr danach bessere Pferde in Neuss gelaufen sind.

Nicht minder bemerkenswert sind die Worte, die Präsident Heitzmann am Ende seiner Festrede zur Neusser Rennbahnzukunft sprach: "Bescheidenheit hat die Neusser schon immer ausgezeichnet, und welches Niveau oder welchen Zuschnitt unsere Rennveranstaltungen in Zukunft haben werden, müssen ausschließlich die Mitglieder bestimmen, sowie sie es 100 Jahre lang in aller Bescheidenheit im Rahmen der wirtschaftlichen Möglichkeiten, aber mit großem Erfolg getan haben. Unsere Verpflichtung, die sich aus der 100-jährigen Geschichte herleitet, gepaart mit dem Vertrauen auf den weiteren Aufschwung des Galopprennsports in diesem Lande, lässt uns bei allen Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten zuversichtlich in das zweite Jahrhundert der Vereinsgeschichte eintreten. Ein Verein, der 100 Jahre lang in härtesten Zeiten bestanden hat, in dem sich niemand auf dem Erreichten auszuruhen gedenkt und in dem man sich immer aufgeschlossen für alle Neuerungen und notwendigen Wandlungen gezeigt hat, muss eine Zukunft haben."

(kgö)