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Neuss: "Viele Arbeitslose verzweifeln"

Neuss : "Viele Arbeitslose verzweifeln"

Der Mordfall im Neusser Jobcenter hat Angela Stein-Ulrich tief bewegt. Die Arbeitslosenberaterin bei der Neusser Diakonie kennt die Hilflosigkeit, die viele Arbeitslose im Umgang mit der Behörde spüren.

Wenn Arbeitslose zur Beratungstelle bei der Neusser Diakonie kommen, lassen sie bei Angela Stein-Ulrich erst einmal Dampf ab. Sätze wie "ich bring die alle um" kennt die Sozialarbeiterin. Darüber denkt die 61-Jährige in diesen Tagen häufig nach. Denn der Mord im Neusser Jobcenter hat die Arbeitslosenberaterin tief bewegt.

Sie kennt die Ohnmachtsgefühle der Betroffenen, die Wut über Bürokratie, die Stigmatisierung, unter der besonders Hartz-IV-Empfänger leiden. "Bei uns lassen die Menschen diese Emotionen raus", sagt Stein-Ulrich. Das sei ein wichtiges Ventil, betont die Expertin, die sich seit 28 Jahren für Arbeitslose aus dem Rhein-Kreis einsetzt.

Ohnmacht und Wut

Gewalt beim Arbeitsamt ist in dieser Zeit nie das Thema gewesen, wohl aber hat Stein-Ulrich bemerkt, wie sehr die Verzweiflung bei den Betroffenen – vor allem durch das als Hartz IV bekannte Arbeitslosengeld II – zugenommen hat. Das zeigt sich auch an den Beratungszahlen der Einrichtung: Im Jahr 2004 zählte die Diakonie 810 Beratungen. Im Jahr 2011 waren es mehr als doppelt so viele, 1800 Termine nahmen die Berater wahr.

In den Gesprächen mit den Arbeitslosen geht es oft um rechtliche Fragen, etwa wenn Widerspruch gegen Bescheide eingelegt werden soll. Genauso wichtig ist der Diakonie auch die psychologische Betreuung. So hat Angela Stein-Ulrich etwa eine Zusatzausbildung zur Familientherapeutin absolviert, um den Betroffenen genauso wie den Angehörigen helfen zu können.

Im Rhein-Kreis gibt es rund 15 000 sogenannte Bedarfsgemeinschaften, etwa 30 000 Arbeitslose leben in der Region. "Die allermeisten sind an ihrer Situation nicht schuld", sagt Stein-Ulrich, die sich immer wieder über Vorurteile über vermeintlich "faule" Arbeitslose ärgert. Dabei sei Arbeitslosigkeit nur sehr schwer auszuhalten und beeinträchtige das Selbstbewusstsein bis zur Depression. "Deswegen ist die Arbeit mit den Familien so wichtig", sagt die Sozialarbeiterin.

Denn auch wenn sich Ohnmacht und Wut bei den Betroffenen beim Gang zum Amt höchstens verbal äußern, kann es in den Familien ganz anders aussehen. "Dort werden wir häufiger mit Gewalt konfrontiert", erzählt Stein-Ulrich, die sich in ihrer Arbeit als Schnittstelle sieht zwischen den Betroffenen und der Arbeitsagentur und dem Jobcenter. Die Verzweiflung über die Bürokratie, die viele Arbeitslose quält, ist auch ihr bekannt. Seit gut einem Jahr kann die Beratungsstelle die Sachbearbeiter nicht mehr persönlich erreichen, muss über eine ortsfremde Servicestelle Kontakt aufnehmen. "Manchmal kann ich da nur mit dem Kopf schütteln", sagt Stein-Ulrich.

(NGZ)