Neuss: Theater mit Gänsehaut-Garantie

Neuss: Theater mit Gänsehaut-Garantie

Walter Kiesbauer und Kai Wolters haben für das RLT einen Theaterabend geschaffen, der gängige Grenzen ignoriert. In "Auszeit! Ein musikalischer Seelenritt" wird gespielt, aber nicht gesprochen.

Losgegangen sind sie als Typen, angekommen sind sie als Menschen. Der Manager, die Journalistin, der Lehrer, die Ehefrau, der Checker, die Heilpraktikerin und die Langzeitstudentin. Und am Ende werden sie zu Hans Jürgen, Cécile, Max, Ursel, Jimmy, Penelope und Irmgard. Auch wenn wir, die sie ein Stück begleitet haben, ihre Namen nur aus dem Programmheft kennen. Denn direkt anreden — das findet auf dieser Bühne nicht statt.

Überhaupt gibt es keine Dialoge, keine richtigen Monologe, sondern nur viel Musik. Nur Musik? Nein, die Musik! Mit der Produktion "Auszeit! Ein musikalischer Seelenritt" im RLT hat Komponist, Arrangeur, Musiker und Regisseur Walter Kiesbauer ein neues Genre geschaffen, das mit den bisherigen erfolgreichen Theater-Liederabenden eines Franz Wittenbrink ("Sekretärinnen", Mütter") nur begrenzt zu vergleichen ist.

Einzig wohl in dem Punkt, dass beide in der Musikgeschichte räubern und bekannte Lieder neu arrangieren. Auch Kiesbauer bedient sich: bei Madonna, Pet Shop Boys oder Metallica und auch bei Schubert und Brahms. Doch er montiert nicht nur Song an Song, sondern erzählt über sie eine Geschichte. Von eben sieben Menschen, die der Zufall auf dem Jakobsweg zusammengebracht hat und von denen jeder einen anderen Grund hat, diesen Weg zu gehen.

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Kommunikation und Interaktion, die Charakterisierung findet einzig über die Lieder statt. So lange des Managers Handy an seinem Ohr klebt, ist er überzeugt: "Ich muss noch kurz die Welt retten" (Tim Bendzko). So lange die Langzeitstudentin nicht weiß, wohin mit ihrem Leben, spiegelt sich das bei "Frei, das heißt allein" (Roland Kaiser) in ihrer verkniffenen Mimik. So lange der Checker nicht merkt, dass er gar nicht so cool ist, glaubt er: "Ich bin zu geil für diese Welt" (Fantastischen Vier).

Kiesbauer hat jedem sein Lied auf den Leib arrangiert, Kai Wolters hat passende Texte geliefert; die Live-Musiker sind phantastische Begleiter und die Schauspieler spielen, was sie singen. Wie Katharina Dalichau von der mürrisch-verzagten Studentin Irmgard zur weichen jungen Frau wird; wie Linda Riebau die gehorsame Ehefrau abstreift und ihren Mann, André Felgenhauers bräsigen Max, hinter sich lässt; wie Rainer Scharenbergs Hans Jürgen zum mitfühlenden Gegenüber der kranken Cécile wird und sie Queen's "Who wants to live forever" singen — das berührt, begeistert und hat oft genug auch geistreichen Witz.

Großartige Charakterstudien liefert dieser Abend nicht, aber viele kleine und sprechende Momente über Menschen, die sich verändern können, wenn sie es wollen. Die allegorische Figur des Ur-Pilgers Jakob ist dabei eine wirksame Brücke zum eigenen Ich. Das Bühnenbild mit einer großen Spiegelfläche birgt für den Zuschauer noch den besonderen Reiz einer Draufsicht auf diese Suchenden. Der absolut perfekte Schlusspunkt ist dann Leonard Cohens "Halleluja". Ein Gänsehaut-Finale.

(NGZ)
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