Die Neusser Jazzsommernacht fand zum ersten Mal im und am Globe statt

Jazz im Globe Neuss : Ein Jazzsommernachtstraum

Im Vorfeld waren die Bedenken groß: Nimmt das Neusser Publikum den neuen Spielort der Jazzsommernacht, das Globe-Theater, an?

Durch den Umzug vom angestammten Ort, der Alten Post und ihrem Vorplatz, in das Globe-Theater am Rand der Neusser Galopprennbahn hat die jährlich im Spätsommer stattfindende Jazzsommernacht Neuss jedenfalls atmosphärisch gewonnen. Vor allem die beiden Open-Air-Konzerte profitierten vom neuen Ambiente ebenso wie von den lauschig-lauen Temperaturen dieses Spätsommerabends. Vom Zwielicht der untergehenden Sonne etwa, das die Konturen der Gesichter der Menschen vor der Bühne auf dem Platz des Globe-Theaters verwischte und die Konzentration des Publikums ganz auf den musikalischen Vortrag der beiden die Jazzsommernacht eröffnenden Bands zu lenken versuchte.

Swingenden Close-Harmony-Gesang präsentierte das „Les Blue Jay Sisters“ um die beiden Sängerinnen Maja Lührsen und Nina Lentföhr, das Programm „Fly Me To The Moon“ der Neusser Vokalistin Danny Donatz kehrte das Erotisch-Sinnliche in der Jazz- und Popmusik der 1930er- bis -80er Jahre unterhaltend-nonchalant hervor.

Ein Grill fehle, mokierten sich einige im Publikum, ein Barbecue hätte das Heimelige dieses Feierabends perfekt gemacht – zusammen mit Bier, Wasser und Wein gleichsam als passende Begleitung zum stimmungsvollen Vortrag der beiden Acts auf der Bühne. Doch das hätte das Klischee vom Trad-Jazz als Soundtrack in lärmigen Bierzelten auf Volksfesten tatsächlich bestätigt. Vielmehr hätte man sich gewünscht, dass Philipp van Endert, der das Programm der über das Jahr ausgetragenen Konzertreihe „Blue In Green“ in der Alten Post ebenso verantwortet wie das für die Jazzsommernacht, mutiger gewesen wäre und im Vorprogramm etwas avanciertere Musik gebracht hätte, um die recht konservative Haltung des Publikums stärker gegen den Strich zu bürsten.

Die Düsseldorfer Jazzmusiker von „JE:D“ traten im Globe selbst auf und markierten zweifellos den Höhepunkt der Jazzsommernacht. Foto: Andreas Woitschützke

„Hammer“ war das meist verwendete Wort in den Moderationen von Peter Fessler, der das Hauptprogramm im voll besetzten Globe eröffnete. Wer den Witz dieses Sängers, der gerade seinen 60. Geburtstag und sein 40. Bühnenjubiläum gefeiert hat, verstehen will, muss wissen, dass das Globe an der Hammer Landstraße liegt. Doch Fessler ist weit entfernt, mit den Plattitüden eines Alleinunterhalters das Publikum für sich zu gewinnen. Er ist ein Entertainer bester, weil amerikanischer Güte, der mit humorvollem Esprit die Zuhörer für sich und seine Musik gewinnt.

Seit geraumer Zeit konzentriert er sich als Solokünstler auf Latin-Jazz, allen voran auf die Klassiker der brasilianischen Bossa Nova und des Samba. Stücke von João Gilberto, Luis Bonfa oder Baden Powell, selbst ein Schlachtross wie „The Girl From Ipanema“, entkernt er, um diese sich einzuverleiben und neu zum Strahlen zu bringen.

Mit seiner mehrere Oktaven, von den tiefsten Tiefen bis in die höchsten Höhen, umfassenden Stimme öffnet er sein Innerstes und lässt sein Publikum teilhaben am Prozess der Umgestaltung dieser Lieder. Wie selbstverständlich singt er über die Taktstriche des Metrums hinweg, mit dem Wortwitz des improvisierenden Vokalisten transformiert er die Lieder in eine eigene Sprache, um die Menschen im Parkett und auf den Rängen des Globe-Theaters auch und gerade emotional zu packen.

Das Trio Accordion Affairs um den blinden Akkordeonisten und Pianisten Jörg Siebenhaar lieferte den Kontrast zu Fesslers fulminanten Auftritt. Introspektiv und mit lakonischem Humor spielten sich Siebenhaar, Peter Baumgärtner (Drums) und Konstantin Winstroer (Bass) durch ein leises, ruhig fließendes Repertoire mit einer auch durch Folklore geprägten Improvisationsmusik.

Zum Schluss hängte sich Kurator van Endert selbst die halbakustische Gitarre um und betrat mit dem Jazzensemble Düsseldorf die Bühne im Globe. Das Konzert der sechs Düsseldorfer zeigte wieder einmal, was Jazz von Heute auch heute noch bedeutet: mit ausufernder Kreativität und tiefgründiger Intuition die Realität drum herum zu verändern. Chapeau!