Nettetal: Niedieck-Schornstein kippt mit einem Seufzer um

Nettetal: Niedieck-Schornstein kippt mit einem Seufzer um

Der Abbruch des Niedieck-Textilwerks in Lobberich hat am Mittwoch einige hundert Schaulustige angezogen. Ehemalige Mitarbeiter verfolgen die Arbeiten mit gemischten Gefühlen.

Ein kurzer Aufschrei des Baggerführers begleitete den Fall des Schornsteins auf dem Niedieck-Gelände in Lobberich. Er kippte nicht, wie allgemein erwartet, in östlicher Richtung um, sondern knickte in etwa zwei Metern Höhe weg und sackte halbwegs nach Norden und halbwegs in sich selbst zusammen — nahezu ohne Geräusch. Ein Seufzer ging durch die Menge der Schaulustigen auf dem Lidl-Parkplatz nebenan, triumphierende Juchzer bei den Abbruchspezialisten der Firma Laarakkers — das war's.

Auch das Verwaltungsgebäude muss bald weichen

Foto: Busch

Gegen 15.15 Uhr fiel der über Jahrzehnte weithin sichtbare Schornstein mit der Aufschrift "Niedieck" am früheren Kesselhaus. Jetzt steht an der Niedieckstraße nur noch die mit weißen Fliesen bedeckte Fassade des Verwaltungsgebäudes. Auch sie wird in einigen Tagen fallen. Dann wäre auch das letzte sichtbare Zeichen des Textilunternehmens, in dem in Spitzenzeiten etwa 1300 Menschen arbeiteten, aus dem Weichbild Lobberichs verschwunden.

Einige hundert Menschen, die meisten ausgerüstet mit Handy- und Tablet-Kameras, viele aber auch mit Fotoapparaten und Videogeräten, verfolgten den unspektakulären Abbruch vom völlig überfüllten Lidl-Parkplatz aus. Unter sie gemischt hatte sich auch das Stadtprinzenpaar Wolfgang I. und Anne I. mit Prinzenführer Horst Peschkes und einigen Begleitern. "Hier verbinden sich Tradition und Brauchtum", sagte Wolfgang Koch, der sich gut eine Stunde Zeit zwischen Terminen genommen hatte.

Ehemalige Niedieck-Beschäftigte erzählen

"Beides gehört zusammen. Textilindustrie und Karneval haben für die Menschen hier in Lobberich und Umgebung immer sehr viel bedeutet." Sein Vater Heinz, der 1973 auch Stadtprinz gewesen war, hatte bei Niedieck gearbeitet.

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Der Schneidermeister baute im Unternehmen Anzüge, wie man damals sagte. Etwas abseits verfolgten der Breyeller Heinz Apitzsch (85) und der Lobbericher Heinz Jansen (75) den Fall des Schornsteins. Beide haben jahrzehntelang im Kesselhaus gearbeitet.

1943 begann Apitzsch im Unternehmen die Lehre, vor gut zwanzig Jahren ging er in Rente. "Wir waren für die gesamte Energie- und Wasserversorgung des Werks verantwortlich", berichtet Apitzsch. Anfangs wurde die Anlage mit Schlammkohle und Grus, dann mit Fettkohle gefeuert. Nach Umbau und Erweiterung waren Schweröl, später leichtes Heizöl die Energieträger. Ganz zum Schluss war die Anlage auf Gas umgestellt worden."Im Winter haben wir bei höchster Last 60 bis 65 Prozent des Energiebedarfs über die Anlage dort selbst gedeckt", erzählt Heinz Jansen.

"Der Niedergang tut immer noch verdammt weh"

Die beiden Männer und ihre Kollegen haben in drei Schichten die Energie- und Wasserversorgung sichergestellt. Schreiner, Elektriker und Schlosser arbeiteten hier. Niedieck war für sie alle ebenso wie für die Weber und anderen Textilfacharbeiter ihr Leben. Bei Störungen wurde das gesamte Wochenende geschuftet, damit die Maschinen montags in der Frühe reibungslos Samt, Cord und andere hochwertige Gewebe fertigen konnten.

Heinz Apitzsch fasst sich ans Herz. "Der Niedergang tut immer noch verdammt weh", sagt er. Wie viele Niedieck-Mitarbeiter ist er fest davon überzeugt, dass der Untergang auch selbst verschuldet wurde — vor allem durch interne Fehlentscheidungen. "Manchmal träume ich auch heute noch von meiner Arbeit bei Niedieck", sagt er. Heinz Jansen nickt: "Ja, ich auch."

(RP)