Mönchengladbach: Thomas Hoeps gibt Leitung des Kulturbüros auf

Thomas Hoeps gibt Leitung des Kulturbüros auf : „Ohne Kultur ist eine Stadt nichts“

Im Gespräch mit der Rheinischen Post erklärt Thomas Hoeps, warum er die Leitung des städtischen Kulturbüros aufgibt und wie sich die freie Szene in Mönchengladbach entwickelt hat.

Sie leiten das städtische Kulturbüro seit 15 Jahren. Seitdem hat sich viel getan. Wissen Sie noch, wie alles anfing?

Hoeps Ich bin im Juli 2004 nach Mönchengladbach gekommen und hatte die Aufgabe, im Kulturbereich konzeptionell zu arbeiten, zu koordinieren und – Zitat – zu sehen, was zu tun ist. Das Kulturbüro war neu eingerichtet worden, und ich konnte die Arbeit entwickeln. Dafür hatte ich eine volle Stelle plus Sachbearbeitung. Diese Sachbearbeitungsstelle haben wir 2007 in ein Volontariat umgewandelt. 2010, als das Kulturbüro die c/o-Kunstförderung übernommen hat, kam ein zweites Volontariat hinzu. Und 2016 konnten wir mit der Übernahme der Musikförderung nochmals auch stellenmäßig wachsen.

Das heißt, Sie sind personalmäßig gut aufgestellt im Kulturbüro?

Hoeps Wir sind gewachsen, aber wir haben auch immer mehr Aufgaben übernommen. 2015 wurde der Kulturförderetat eingeführt. Eine tolle Sache, seitdem stehen jährlich 112.500 Euro für die freie Kulturszene zur Verfügung. Wir wickeln das seitdem ab, es ist aber nicht in die Personalentwicklung eingepreist. In diesem und dem nächsten Jahr stehen zusätzlich noch einmal 50.000 Euro bereit. Das ist eine großartige Entwicklung, bedeutet aber auch, dass wir mittlerweile gut 80 Anträge der freien Kulturszene einschließlich Beratung, Begutachtung und Nachbereitung bearbeiten. Natürlich hoffe ich, dass der Etat so bleibt. Wir haben in Mönchengladbach eine dynamische Szene, die sich durch die finanzielle Förderung weiter entwickeln kann.

Trotzdem werden Sie das Kulturbüro verlassen.

Hoeps Ja, aber ich gehe ja nicht weg aus Mönchengladbach. Ich fühle mich hier sehr wohl. Ich wechsele nur die Etage im Kulturdezernat. Es ist eine Stabsstelle geschaffen worden, die eine halbe Stelle umfasst und die sich schwerpunktmäßig mit Konzeption und Netzwerkarbeit in der Region und der Stadt beschäftigen soll. Auch eine Hilfe bei der Drittmittelakquise der freien Szene gehört zu den Aufgaben.

Warum wechseln sie von einer vollen auf eine halbe Stelle und von der Leitung des Kulturbüros in eine Stabsstelle?

Hoeps Ich habe 15 Jahre lang die Arbeit des Kulturbüros aufgebaut und entwickelt und damit den Auftrag erfüllt, den ich einmal bekommen habe. Ich habe das immer sehr gern gemacht, aber für einen Teil der Aufgabe hatte ich immer weniger Zeit. Die konzeptionelle Arbeit wurde von der praktischen überlagert. Das wird sich für mich jetzt wieder ändern. Das Kulturbüro wird dadurch entlastet und für mich ist es eine neue Herausforderung in einem bekannten Umfeld. Ich freue mich sehr, dass diese Stabsstelle neu geschaffen wurde.

Es ist eine halbe Stelle. Was werden Sie mit der restlichen Zeit tun?

Hoeps Die Reduzierung der Arbeitszeit war für mich eine biografisch wichtige Entscheidung. Ich werde mehr Zeit zum Schreiben und vielleicht auch hin und wieder ein freies Wochenende haben. Ich habe während der ganzen Zeit weiter als Schriftsteller gearbeitet und immerhin fünf Romane geschrieben. Dazu kamen rund 170 Lesungen. Da blieb kaum Freizeit übrig.

Wenn Sie auf die Arbeit des Kulturbüros blicken: An welchen Projekten haben Sie die größte Freude?

Hoeps Wir sind  kein Veranstaltungsbüro, aber die Kulturnacht gehört schon zu den Highlights. 2005 gab es das erste Mal „Nachtaktiv“ und die freie Szene hat direkt mitgemacht. Viele sind von Anfang an dabei, viele sind im Laufe der Zeit dazu gekommen. Es ist eine wichtige Auszeichnung, dass der Kulturausschuss inzwischen Mittel für die externe Projektleitung durch Oliver Leonards bereitstellt. Und dass wir Geld haben, um auch Künstlerhonorare zu zahlen. So wird anerkannt, dass diese Veranstaltung für die Stadt wichtig ist. Ich bin aber auch auf die Bildungsprojekte stolz. Für die  Förderung der kulturellen Bildung durch das Landesprogramm Kultur und Schule sowie den Kulturrucksack stehen jedes Jahr 130.000 Euro zur Verfügung. Damit werden rund 50 Projekte gefördert.

Wie wichtig ist die Kultur als Standortfaktor für die Stadt?

Hoeps Ganz klar: Ohne Kultur ist eine Stadt nichts. Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Der Mensch kann sich Gedanken über den Sinn der Existenz machen. Er versucht sich selbst zu verstehen. Daraus erwachsen Philosophie, Religion, Kultur. Kultur ist nicht nur die notwendige, sondern auch die hinreichende Bedingung für menschliche Freiheit.

Finden Sie, dass nur Kultur genügend Freiraum für menschliche Entwicklung schafft?

Hoeps Viele Wege sind möglich, um Freiräume zu schaffen und zu erreichen. Marathonläufer haben einen anderen Ansatz als Künstler. Aber Kultur ist natürlich auch ein sehr weiter Begriff. Jugendliche werden immer ganz blass, wenn sie das Wort hören und sind dann überrascht zu erfahren, dass auch ihre Musik, Videos oder Games zur Kultur gehören. Kultur ist ja nicht nur Hochkultur.

Wie wichtig ist die freie Kulturszene für Ihre Arbeit im Kulturbüro?

Hoeps Das Kulturbüro ist oft gelobt worden, und das hören wir natürlich auch sehr gern. Aber für den Erfolg braucht man mehr als ein Kulturbüro. Nämlich erstens als wichtigsten Teil eine lebendige freie Szene, die ernst genommen wird. Zweitens eine Stelle in der Verwaltung, die Bewusstsein schafft. Drittens engagierte Kulturpolitik und viertens ein Publikum, das die Angebote wahrnimmt. Weil es in Mönchengladbach diese Kombination gibt, funktioniert die Arbeit.

Das Kulturbüro ist auch für die c/o-Kunstförderung zuständig. Welche Entwicklung hat die lokale Kunstszene genommen?

Hoeps Die Entwicklung der Besucherzahlen spricht hier eine sehr erfreuliche Sprache. Parc/ours, das Wochenende der offenen Ateliers und Kunstorte,  zieht immer mehr Besucher an. Man kann die Entwicklung auch gut am  Projektraum EA71 erkennen. Im letzten Jahr haben sich dort die Besucherzahlen verdoppelt. Der Ort ist etabliert, und es gibt ein interessiertes Publikum, das das Angebot nutzt.

Gehört Kultur in Mönchengladbach an den Abteiberg, den Kulturhügel?

Hoeps Unbedingt. Allerdings mag ich das Wort Kulturhügel nicht, das klingt so nach Bayreuth. Wir brauchen keine Wagnerfestspiele, sondern eine wilde und raue Szene im Herzen der Stadt. Die Kunstaktionen im Hotel Oberstadt sind ein gutes Beispiel.

Aus den Stadtteilen hört man Klagen, dass kulturelle Angebote dort sehr ausgedünnt beziehungsweise nicht vorhanden sind.

Hoeps Die Sparanstrengungen der Städte führen zu Konzentrationsprozessen. Im Zweifelsfall wird der Bücherbus gestrichen und auf eine gute zentrale Bibliothek gesetzt. Kulturangebote wird es in den Stadtteilen vor allem dann geben, wenn die Bürger selbst aktiv werden. Wir fördern das, und neuerdings auch das Kultursekretariat NRW.  In den Stadtteilen werden oft mit viel Liebe Bauwerke erhalten. Sie müssten mit Leben gefüllt werden. Dabei sollte man nicht sofort über Geld, sondern erst einmal über Ideen reden.

Sie waren nie nur Leiter des Kulturbüros, sondern immer auch Schriftsteller. Mitte Juli kommt Ihr neuestes Buch heraus. Wie sieht Ihre Zukunft als Autor aus?

Hoeps Mein niederländischer Kollege Jac. Toes und ich haben mit „Die Cannabis-Connection“ erstmals einen Thriller geschrieben. Es ist eine Lesereise geplant. Aber ich arbeite längst an einem neuen Roman, für den ich gerade eine Woche in Paris recherchiert habe. Aber da stehe ich noch ganz am Anfang.