Mönchengladbach: "Orpheus in der Unterwelt" als Persiflage auf DDR

Premiere in Mönchengladbach : Operette als Klamauk-Kabarett

Hinrich Horstkotte inszeniert Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ als schrille Persiflage auf die DDR. Der Götterhimmel wird zum Staatsrat, im Westen lockt die Unterwelt. Klamauk, aber mit Niveau.

Der Abend ist total durchgestylt: Schon die Ansage ans Publikum, die Mobiltelefone auszuschalten, erfolgt in sächselndem Tonfall. Am besten treffen diesen später Sopranistin Sophie Witte als Eurydike und Intendant Michael Grosse als Faktotum des Unterweltgottes Pluto.

Was hat die 1858 in Paris uraufgeführte Operette „Orpheus in der Unterwelt“ von Jacques Offenbach mit Sachsen und der früheren DDR zu tun? Regisseur Hinrich Horstkotte hat diese Neudeutung der Handlung, deren Verwurzelung im Mythos vom Sänger Orpheus schon im Original nur als Fassade für karikierende Zeitkritik diente, riskiert und konsequent durchgespielt.

Das ergänzte Vorspiel, ein albernes Schockvideo, wird von der personifizierten „Öffentlichen Meinung“ (Gabriela Kuhn) eilig abgebrochen. „Es war ja nicht alles schlecht“, eröffnet sie entschuldigend die Premiere unter Diego Martin-Etxebarria mit den Niederrheinischen Sinfonikern, Theaterchor, Ballett und Statisterie.

Die DDR rückt in den Fokus: mit Hammer und Sichel auf der Nationalflagge, Sandmännchen, geschmacklosem Kücheninterieur, einem Plakat der Rockband „Karat“. Wenn der Olymp sich mit verschlafenen Göttern auf der von Martin Dolnik gestalteten Bühne bevölkert, widmen Porträts von Breschnew und Honecker den Ort zum Politbüro oder Staatsratsbau um.

Orpheus (David Esteban), der mit Ehefrau Eurydike im Eheclinch lebt, baut ihr eine Falle. Ob Eurydike im Kornfeld von einer Schlange gebissen wird oder auf eine Opium-Spritze tritt, ist für den Gang der Dinge unwichtig. Nur das Ergebnis zählt: Orpheus ist sie los, und Eurydike freut sich auf ein aufregendes Leben mit Höllenfürst Pluto. Sein Reich, die Unterwelt, liegt in Westberlin. Eurydikes Abschiedsbrief („Mir war bei dir zu fad es, drum ging ich in den Hades“) sprüht Pluto (Markus Heinrich) direkt auf die Berliner Mauer. Die wird dank einer von Götterboss Jupiter herbeigeführten Explosion am Ende einstürzen und so die Vereinigung der beiden deutschen Staaten einleiten. Orpheus erschrickt, schaut sich verbotenerweise nach Eurydike um – und muss nun ohne sie zurück in den Osten. Seine Frau wird zur Weinkönigin im Dirndl verzaubert und darf im Westen bleiben.

Horstkotte hat die Operette neu vertextet, dabei macht er keine Anstalten, seine überschießende Fantasie zu bändigen. Ein Gag folgt dem andern, eine kabarettreife Idee jagt die nächste. Immerhin  rettet Kapellmeister Martin-Etxebarria die Musik mit besonnenem Überblick. Susanne Seefing ist als Cupido zur nöligen Nina Hagen mutiert – famos ihr Kuss-Couplet wie überhaupt ihr Spiel.  James Park (Tenor) oszilliert als Doppelagent zwischen Götterbote Merkur und Stasi-Minister Erich Mielke. Tenor Markus Heinrich gibt den Pluto als wurstigen Hell’s Angels-Rocker mit Udo-Lindenberg-Sprech. Debra Hays als kratzbürstige Juno ist leicht als Margot Honecker zu identifizieren, ihr Gemahl „Jupiti“ (Hayk Deinyan) als Generalsekretär ist ein schlimmer Schürzenjäger.

Köstlich die Szene im Séparée der Unterwelt-Disco, wenn der als Stubenfliege kostümierte Jupiter sich durch ein überdimensionales Schlüsselloch den Weg zu Eurydike bahnt. Mit der Artikulation von Sprechtext jedoch tut Deinyan sich schwer. Ein Highlight der superkomische Auftritt von Michael Grosse als John Styx, der in seinem Couplet tränentriefend Vergangenes besingt: „Einst war ich König in der Zone, im Fernsehn war ich gar ein Star“, erinnert Grosse in Tonfall wie Kostüm an den DDR-Komiker Eberhard Cohrs.

Trotz brillanter Unterhaltungs-Effekte ist festzuhalten, dass die Regie das Werk bis zur Unkenntlichkeit überladen hat. So gab‘s am Ende warmherzigen Applaus, aber keine Ovationen.