Meerbusch: Die Frau, die das Lexikon überflüssig macht

Meerbusch: Die Frau, die das Lexikon überflüssig macht

Alice Wiegand arbeitet seit Sommer im Vorstand der Wikimedia-Stiftung mit. Heute um 11 Uhr erklärt die Referentin des Meerbuscher Bürgermeisters, wie man selbst Beiträge für das Online-Lexikon Wikipedia schreiben kann

Als Alice Wiegand ein junges Mädchen war, kuschelte sie sich bei Besuchen ihrer Großmutter häufig in deren gemütlichen Ohrensessel. Auf den Knien hielt sie dann ein dickes Buch - ein Lexikon. "Meine Oma hatte eine fünfbändige Brockhaus-Reihe. Ich habe es geliebt, darin zu blättern, weil ich immer etwas neues gefunden habe", sagt die 47-Jährige. "Dinge, die außerhalb meiner Vorstellungskraft lagen. Zum Beispiel Insekten, die ich noch nie gesehen hatte."

21 Auflagen erlebte "Der große Brockhaus", seit er 1796 als "Conversationslexicon" erstmals erschien. Nachzulesen ist das im Wikipedia-Eintrag zur "Brockhaus-Enzyklopädie". Die 21. und womöglich letzte Ausgabe in 30 Bänden mit Goldschnitt hat sich Wiegand vor sechs Jahren gekauft. Vielleicht als eine Art Wiedergutmachung. Denn die Referentin des Meerbuscher Bürgermeisters hat einen gewissen Anteil daran, dass "die Zeit, in der man sich eine hervorragende Enzyklopädie von anderthalb Meter Umfang ins Regal stellt, um sich dort herauszusuchen, was man wissen will, ... vorbei zu sein scheint", wie Brockhaus-Verlagssprecher Klaus Holoch vor knapp vier Jahren feststellte.

Wer heute etwas wissen will, sucht bei Wikipedia. Alice Wiegand, gelernte IT-Spezialistin, arbeitet ehrenamtlich im zehnköpfigen Vorstand der Wikimedia-Stiftung mit Sitz in San Francisco. Die wichtigste Aufgabe der 138 Mitarbeiter starken Stiftung: das Internet-Lexikon Wikipedia am Leben zu erhalten und zu verbessern. "Es geht darum, die technische Infrastruktur zu verbessern und die Spenden bestmöglich zu verteilen", erklärt Wiegand. Das Budget liegt mittlerweile bei 46 Millionen Euro.

Heute um 11 Uhr wird Wiegand in der Stadtbibliothek am Dr.-Franz-Schütz-Platz erklären, wie Wikipedia funktioniert und wie man selbst einen Eintrag für die Online-Enzyklopädie schreibt. Acht Jahre liegt es zurück, dass Wiegand selbst zum ersten Mal für Wikipedia in die Tasten griff. "Ich hatte eine Ausstellung besucht und suchte mehr Informationen über den belgischen Künstler. Bei Wikipedia fand ich nichts. Aber da stand, man könne das selber machen." Also besorgte sich Wiegand Bücher über den Künstler und verfasste ihren ersten eigenen Lexikon-Eintrag. "Das war unglaublich aufregend. Ich fühlte, dass ich etwas wirklich bedeutsames tue." Eine eigentliche Redaktion gibt es bei Wikipedia nicht. Das Prinzip basiert vielmehr auf der Annahme, dass sich die Benutzer gegenseitig kontrollieren und korrigieren.

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Elf Jahre ist es her, dass der US-Amerikaner Jimmy Wales diese Idee ins Internet brachte und Wikipedia online stellte. Mit großem Erfolg: Wer heute etwas googelt, findet bei den Suchergebnissen fast immer auch an vorderer Position den entsprechenden Wikipedia-Eintrag. Heute ist der charismatische Erfinder Wales Ehrenvorsitzender der Wikimedia Foundation. Wiegand hat ihn erst vor wenigen Tagen in San Francisco getroffen, bei der Herbsttagung der Stiftung. Wie ist Wales so als Privatmensch? Wiegand lächelt. "Sehr verliebt. Er befand sich eigentlich in den Flitterwochen, hat dann aber trotzdem bei der Tagung reingeschaut." Und Fotos seines Babys gezeigt.

Ein Jahr nach ihrem ersten Wikipedia-Eintrag engagierte sich Wiegand in der Organisation dahinter. "Ich habe gesehen, was das Online-Lexikon kann und wollte mithelfen, dass das erhalten bleibt", sagt sie. "Ich wollte mich um Strukturen und Organisation kümmern. Ich hatte schnell das Gefühl: Viel mehr Leute können das mit dem Schreiben besser als ich." 2005 wurde sie Mitglied von Wikimedia Deutschland, saß drei Jahre im Vorstand. Nach einem Jahr Pause kandidierte sie für den Beirat der Wikimedia Foundation, ist jetzt eines der beiden Mitglieder, die aus den Landesvertretungen kommen.

Vermisst sie es nicht manchmal, in ihrem Lexikon zu schmökern? "Ich mag den Geruch und die Haptik von Büchern", sagt Wiegand. Dennoch kauft sie mehr E-Books als gedruckte Werke. "Es ist praktischer." Und aus demselben Grund nutzt sie auch Wikipedia. "Die Informationen sind aktueller, und ich kann sie von überall her sofort abrufen." Und einen Ohrensessel hat Alice Wiegand zu Hause ohnehin nicht stehen.

(RP/ac)
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