Reporterin aus New York besucht Entomologen

Krefeld : Reporterin aus New York besucht Entomologen

Für einen Bericht im New York Times Magazine über die  „Insektenapokalypse“ besuchte eine US-Journalistin die Entomologen.

Wie sieht eine Amerikanerin Krefeld? Neben allen wissenschaftlichen und ökologischen Fragen ist auch das ein Aspekt, der einen neugierig macht auf diesen Artikel im  „New York Times Magazine“ mit dem Titel „The Insect Apocalypse Is Here. What does it mean for the rest of life on Earth“ (Die Insektenapokalypse ist da. Was bedeutet das für den Rest des Lebens auf der Erde?). Die amerikanische Journalistin Brooke Jarvis hat für einen 15 DIN-A-4-Seiten umfassenden Bericht über den weltweiten Insektenschwund auch den Niederrhein besucht und ein paar Zeilen über Krefeld geschrieben. Freundliche Zeilen. Ihr Besuch galt aber vor allem dem Entomologischen Verein, seiner Sammlung und seinen Experten.

Krefeld also, gesehen mit den Augen einer Amerikanerin: „Krefeld liegt eine halbe Autostunde entfernt von Düsseldorf, nahe dem Westufer des Rheins. Es ist eine Stadt der Ziegelhäuser und der Gärten voll leuchtender Blumen und einem „stadtwald“ (so geschrieben im englischen Original)  – ein öffentlicher Wald und Park, wo Paddelboote auf einem See schwimmen, Sonnenschirme einem Biergarten Schatten spenden und (ich konnte nicht umhin, es zu bemerken) das Nachmittagslicht durch die Bäume hindurch kleine Schwärme von tanzenden Insekten beleuchtet.“  Eine Amerikanerin sieht Krefeld  als sommerliche Nachmittagsidylle. Tut auch mal gut.

Die Journalistin Brooke Jarvis besuchte die Krefelder Entomologen. Das Foto stammt von ihrer Homepage; Adresse: https://www.brookejarvis.net/. Foto: Schaulandt / Screenshot

Die kleine Passage ist aufschlussreich für einen Artikel, der in erfrischender Weise persönliche Beobachtungen bei der Recherche mit Fakten mischt. Jarvis fällt auf, dass das Hauptquartier des Entomologischen Vereins nur  mit einem Papierschild, nicht größer als eine Kreditkarte, bezeichnet ist. Keine Petitesse, sondern zwischen den Zeilen Erstaunen darüber, dass ein Verein, der eine Sammlung bewahrt, die mindestens deutschlandweit ihresgleichen sucht, und der zu einer wissenschaftlichen Leistung in der Lage ist, die die Welt aufgerüttelt hat, so bescheiden residiert. Stimmt. Und vielleicht muss man hoffen, dass irgendein amerikanischer Milliardär den Artikel liest und ein kleines Museum mit großem, modernen  Archiv für diese einmalige Sammlung stiftet. Deutschland hat das bislang nicht geschafft. Was nicht am Rang der Sammlung liegt. Sie  ist ein Denkmal und hat historische Bedeutung.

Schön ist auch, wie die Amerikanerin ihre ersten Eindrücke von Martin Sorg vom Entomologischen Verein beschreibt. Sorg sei „ein Mann, der seine Zigaretten selbst dreht und eine John-Lennon-Brille trägt und dessen graues Haar lang über die Schultern fällt und der nicht locker ist, wenn es um die Forschungsarbeit des Vereins zu Insekten geht.“   Stimmt haarscharf. Auch die schroffe Ablehnung der Bitte, ein paar biografische Notizen über die  Akteure des Vereins zu nennen, passt. Die Amerikanerin zitiert Sorg mit den Worten: „Wir glauben, dass Details über die Natur und abnehmende biologische Vielfalt wichtig sind und nicht Details über das Leben von Entomologen.“ Sorg will auch nichts über sich sagen, über seine Kindheit und wie das Interesse an Insekten erwacht ist. „Wir berichten über Lebensläufe normalerweise nur, wenn jemand stirbt“, sagt er der Reporterin aus den USA. Auch das passt, denn Sorg und seine Mitstreiter sind  beides: uneitel, bescheiden, vielleicht zu bescheiden, und auch misstrauisch gegenüber der Presse. Richtig wohl fühlt einer wie Sorg sich vor allem, wenn er in wissenschaftlichen Zeitschriften Ergebnisse vortragen kann und in jeder Silbe Herr des Textes ist.

Aus gutem Grund, und auch darauf kommt die Amerikanerin zu sprechen. Wieder und wieder, schreibt sie, seien die Mitglieder des Entomologischen Vereins als „Amateure“ denunziert worden, und es gab auch den Versuch, die Ergebnisse als Übertreibung einer Hobbytruppe darzustellen, die auf einer Wiese in Krefeld Insekten gezählt und ihr Ergebnis als Deutschlandkatastrophe übertrieben haben. Nichts davon ist wahr. Die Ergebnisse sind allesamt  sauber dokumentiert; die Schlussfolgerungen waren behutsam und mündeten in der Forderung nach mehr Forschung. Die Studie, die dann weltweit für Furore sorgte, ist wiederum statistisch grundsolide und wurde nicht nur von den Krefelder Entomologen getragen, sondern von Universitäten, Kommunen, Verbänden. Deshalb, also weil die Ergebnisse unangreifbar waren, haben sie ihre Wucht entfaltet und letztlich dafür gesorgt, dass sich eine US-Reporterin auf den Weg nach Krefeld gemacht hat.

Mit dieser Montage illustriert das New York Times Magazine den Bericht über die Insektenapokalypse: Über einem Insekt erhebt sich eine gigantische Rauchwolke wie nach einer Explosion. Foto: Schaulandt / Screenshot

Was Brooke Jarvis auch schön herausarbeitet, ist das quasi episch Neue an der Forschung der Entomologen: Sie haben nicht mehr einzelne Arten betrachtet, sondern die pure Biomasse an Insekten gemessen. Erst dieser Blick machte deutlich, dass fast 80 Prozent der Insekten einfach weg waren. Jarvis bettet ihre Krefeld-Beobachtungen ein in eine große Erzählung über diesen Erkenntnisschock: die Entdeckung der Insektenapokalypse. Vorher  gab es Einzelbeobachtungen – erst die Krefelder Studie legte das ganze Ausmaß einer unheimlichen ökologischen Katastrophe offen.

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