Krefeld: "Prostitution ist ein Magnet für Kriminalität"

Interview mit Krefelder Polizeipräsident : "Prostitution ist ein Magnet für Kriminalität"

Polizeipräsident Rainer Furth ist seit zehn Jahren in Krefeld im Amt. Wir sprachen mit ihm über die Auswirkungen rund um das neue Prostituiertenschutzgesetz, das Mitte 2017 in Kraft getreten ist und auch die Arbeit der Polizei beeinflusst.

Herr Furth, am 1. Juli 2017 ist das Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG), in Kraft getreten. Was hat sich dadurch für die Arbeit der Polizei in Krefeld verändert?

Rainer Furth Für die praktische polizeiliche Arbeit hat sich seit dem 1. Juli 2017 nur bedingt etwas geändert. Prostitutionsstätten und Prostituierte werden nach wie von der Polizei aufgesucht. Das Prostituiertenschutzgesetz und die damit verbundene Anmeldepflicht erleichtert den Beamten die Überprüfung. So sichten sie Ausweispapiere und Dokumente der Frauen und suchen auch das Gespräch mit den Prostituierten. So gesehen hat sich an der Arbeitsweise nichts geändert, gleichwohl hat das Gesetz die Möglichkeiten verbessert. Die Erfahrung im vergangenen Jahr hat allerdings auch gezeigt, dass einige Prostituierte das Prostituiertenschutzgesetz umgehen, indem sie sich für Haus- und Hotelbesuche im Internet anbieten. Auch diese Prostituierten werden von der Polizei aufgesucht und kontrolliert, soweit sie uns bekannt werden.

Gibt es in Krefeld Schwerpunkte illegaler Prostitution?

Furth Zunächst ist der Begriff illegale Prostitution zu klären. Das neue Gesetz dient dem Schutz der Frauen, die in der Prostitution arbeiten. Der Schutz beginnt mit der Anmeldung und gesundheitlichen Beratung bei der Stadt Krefeld. Machen wir uns nichts vor, wenn eine 18-jährige Rumänin in Krefeld auf dem Straßenstrich arbeitet, ist zu befürchten, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt schon Opfer von Straftaten geworden ist. Denn keine junge Frau in Rumänien träumt davon, sich für 20 Euro auf der Straße in Krefeld zu verkaufen. Hier setzen die Möglichkeiten des neuen Gesetzes an. Frauen, bei denen der Verdacht besteht, dass sie zum Beispiel aufgrund ihres Alters nicht ganz freiwillig der Prostitution nachgehen, können bei der Anmeldung beraten und gegebenenfalls an die Polizei verwiesen werden. Illegalität liegt bereits dann vor, wenn Frauen sich der Anmeldung und Gesundheitsberatung entziehen und endet bei schweren Straftaten gegenüber den Frauen, die von Nötigung, Körperverletzung bis zum Menschenhandel reichen.

Gibt es Fortschritte im Kampf gegen die als besonders problematisch gebrandmarkte Wohnungsprostitution?

Furth Die Polizei hat in der Vergangenheit menschenunwürdige Prostitution im Bereich von Wohnungen festgestellt und darauf gedrängt, dass mit den Mitteln des (Bau-) Ordnungsrechts dagegen vorgegangen wird. So wurden in jüngster Vergangenheit endlich mehrere Häuser, in denen Prostitution unangemeldet ausgeübt wurde, überprüft und wegen baulicher Mängel geschlossen. Dies ist ein Erfolg. Aktuell existiert lediglich ein Haus, in dem die Ausübung der Prostitution genehmigt wurde.

Kann man was zur Anzahl der illegalen Prostituierten sagen, die sich in der Stadt aufhalten?

Furth Nach polizeilicher Einschätzung sind es derzeit etwa 30 bis 40 Frauen, die nicht angemeldet sind und ihre Dienste im Internet anbieten. Die Nichtanmeldung stellt eine Ordnungswidrigkeit dar. Die Polizei informiert die Stadt darüber und bietet den Frauen die Gelegenheit, die Anmeldung nachzuholen.

Was für Menschen handeln mit Menschen?

Furth Sie sprechen hier den Tatbestand des Menschenhandels an, nur eine Straftat von vielen, die im Zusammenhang mit Prostitution an der Tagesordnung sind. Die meisten Menschenhändler sind ausländische Täter, die nach der "Loverboymethode" vorgehen. Das heißt, sie gehen angebliche Liebesbeziehungen zu den meist ausländischen Opfern ein und führen sie hier unter falschen Versprechungen der Prostitution zu. Unter dem Druck von Gewalt, Freiheitsberaubung, etc. werden sie immer wieder gezwungen, zumeist in "Clubs" oder auf der Straße zu arbeiten. Diese Masche trifft aber auch für deutsche Opfer zu. Darüber hinaus gibt es auch weibliche Täter aus überwiegend Westafrikanischen Ländern, die Prostituierte aus ihren Heimatländern nach Deutschland, unter dem Vorwand hier ein besseres Leben zu führen, schleusen.

Hat die Polizei Informationen über die Herkunft der Täter?

Furth In Krefeld haben wir verstärkt Täter osteuropäischer (Rumänien, Bulgarien) bzw. südosteuropäischer Herkunft (Türkei) ermittelt. Bei den Ermittlungsverfahren mit afrikanischen Opfern waren ausschließlich nigerianische Täter beteiligt.

Wenn Zuhälter und Frauen aus dem Ausland kommen, erschwert das die Arbeit der Polizei?

Furth Fremde Sprachen und Kulturen stellen oftmals ein Hemmnis dar. Die Polizei ist bei ihrer Arbeit auf die Zusammenarbeit mit Dolmetschern angewiesen. Im direkten Kontakt mit den Frauen erschwert das die Kommunikation. Dazu kommt, dass Opfer in der Regel zunächst wenig Vertrauen in die Arbeit der Polizei haben. Ihr Bild von der Polizei im Heimatland ist oftmals problematisch. Die Täter nutzen das aus und machen den Frauen bewusst Angst vor der Polizei.

Warum gehen die Frauen fast nie zur Polizei oder nutzen sonstige Hilfsangebote?

Furth Rund 90 Prozent der Prostituierten, die polizeilich in Krefeld überprüft wurden, kommen aus dem Ausland. Sie sprechen kein Deutsch und können oftmals überhaupt nicht lesen und schreiben. Die einzige Bezugsperson ist der Täter. Er macht dem Opfer Angst und setzt es unter Druck. Das steht einer Anzeige oftmals entgegen.

Zeigen Täter, die gefasst werden, eine emotionale Reaktion oder sogar ein schlechtes Gewissen?

Furth In den uns bekanntgewordenen Fällen nicht.

Stehen hinter den Tätern in Krefeld größere kriminelle Strukturen?

Furth Dazu nehmen wir keine Stellung.

Wer beherrscht die Szene?

Furth Es gibt noch keine Vormachtstellung in Krefeld.

Wie werden Fälle von Zwangsprostitution aufgedeckt?

Furth Durch regelmäßige Kontrollen im Milieu und durch Opfer selbst, wenn es irgendwann keinen anderen Ausweg sieht und sich an die Polizei wendet.

Nimmt die Zahl der Fälle in Krefeld zu oder ab?

Furth Die Anzahl der Fälle von Menschenhandel ist in Krefeld konstant und hängt vom Engagement der eingesetzten Beamtinnen und Beamten ab. Es handelt sich um das Hellfeld. Über das Dunkelfeld kann man nur spekulieren.

Die Prostitution wird das älteste Gewerbe der Welt genannt. Hat das nicht auch seine Berechtigung?

Furth Nichts von dem, was ich in Krefeld im Zusammenhang mit Prostitution wahrnehme, hat nach meinem Welt- und Menschenbild irgendeine Berechtigung. Die von der Prostitutionslobby in Talkshows vorgegaukelte Welt von selbstbestimmter Prostitution trifft auf 99 Prozent der Frauen nicht zu. Prostitution ist ein Magnet für Kriminalität jeder Art, von der Steuerhinterziehung bis zum Menschenhandel. Man muss eben genau hinsehen. Es bleibt nur zu hoffen, dass das neue Schutzgesetz wenigstens in Einzelfällen das oft menschenunwürdige Leben der Prostituierten in Krefeld verhindert.

(RP)
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