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Gesucht: Die Wahrheit über Krefeld für 159.000 Euro

Stadtplanung : Gesucht: Die Wahrheit über Krefeld

Die Stadt plant, eine „Kulturhistorische städtebauliche Analyse“ auszuschreiben. Die Kosten über 159.000 Euro werden aus dem „Stadtumbau West“ bezahlt. Gesucht wird jemand, der Krefelds Städtebau kulturhistorisch analysiert.

Es sind zwiespältige Gefühle, die einen erfüllen, wenn man diese Vorlage für die Sitzung des Planungsausschusses am 27. Februar zur Hand nimmt.

Gefühl Nummer eins: Fassungslosigkeit. Die Stadt schickt sich an, 159.000 Euro für ein weiteres Gutachten zur Innenstadt auszugeben; diesmal soll es eine „kulturhistorische städtebauliche Analyse“ sein. Noch ein Gutachten? Es tröstet wenig, dass das Geld nicht aus dem Stadtsäckel, sondern aus dem Programm „Stadtumbau West“ des Bundes stammt. Ist Krefeld nicht schon zigmal rauf- und runteranalysiert worden? Der Letzte, der den Krefeldern erklärt hat, dass der Grundriss mit den vier Wällen Krefelds eigentlicher städtebaulicher Schatz ist, war Prof. Klaus Gumpert. Er hat 1990 den „Rahmenplan Innenstadt“ ausgearbeitet. Hat’s was genutzt? Nein. Das einzige Ergebnis ist, dass der Name Vagedes ehrfürchtig wie eine Monstranz durch alle Stadtplanungsdebatten getragen wird. Meist ist dann auch Schluss. Vagedes heute ist eine Leerstelle, Anfang und Ende der Krefelder Ratlosigkeit, was man aus der eigenen Stadt machen könnte. Vagedes jedenfalls ist keine Antwort, Vagdes ist in Krefeld in Wahrheit der Anfang aller Fragen. Und jetzt?

Die vier Wälle sind in ihrer Großartigkeit nur auf dem Papier nachzuvollziehen. Die Wälle selbst sind unverbunden und dem Charakter nach völlig verschieden; wer auf dem Nordwall geboren und zum Westwall gebeamt würde, käme nie auf die Idee, zwei Straßen zu sehen, die etwas miteinander zu tun haben.

Es gab mal die Idee, die Wälle durch Lichtinstallationen als Einheit sichtbar zu machen. Daraus wurde zu recht nichts. Licht zum Zeichen des Zusammenhangs ist sinnlos und lügnerisch, wenn es nichts Zusammenhängendes zu beleuchten gibt. Die Wälle sind an sich keine Einheit, sie begrenzen keine Einheit, sie stehen faktisch für sich. Wenn Vagedes’ Entwurf heilig ist, ist alles, was danach kam, ein Unfall der Geschichte: Abweichung vom Wahren und Schönen. Deshalb raunt man den Namen heute nur noch und verbindet damit kein Programm, keinen Entwurf, keine Vision. Was tun mit diesem Erbe?

Damit ist man bei Gefühl Nummer zwei. Es dämmert herauf, je länger man den Namen Vagedes durchkaut. Was, wenn Krefeld Vagedes noch überhaupt nicht verstanden hat?

Der Name hat hindernde Kraft, gerade weil er sofort und immer fällt, wenn es um Städteplanung geht. Die Ausschreibung der Stadt für die Analyse braucht gerade zweieinhalb Zeilen, bis der Name Vagedes fällt; nebst der „so unverwechselbaren rechteckigen Form“, die er der Innenstadt gab. Da ist es wieder: das heilige Raunen. Hätte Vagedes wie geplant, ein Quadrat machen dürfen, hätte Krefeld heute keine Probleme, eine echte Mitte zu haben. So hat Krefeld ein Handtuch als Mitte, und jeder Akteur in der City kämpft darum, selber Mitte zu sein. Krefeld, die Stadt der vielen Mitten. Das ist mehr Fluch als Segen.

Vagedes’ heiliges Rechteck ist heute vielfach zerschnitten, zerdehnt, zerbröselt, eine Ansammlung von Mini-Problemen mit Mini-Bezirken, die gleichwohl sofort Großprobleme und Empörung auslösen, wenn man irgendwo etwas verändern will. Selbst der 150 Meter lange Auto-Umweg rund um das Kaiser-Wilhelm-Museum wird als Untergangsszenario diskutiert. Die Erreichbarkeit der City leide, heißt es. Durch 150 Meter Umweg?

Vielleicht ist das Gefühl dahinter aufschlussreicher als die Spezialdebatte um den Umweg ums Museum. Das verbreitete Gefühl in Krefeld ist: Es klemmt und knarzt überall. Der Handel hat seinerzeit ein Verkehrskonzept gefordert. Gibt’s nicht. Planungsdezernent Linne hat nur angedeutet, dass man die St.-Anton-Straße in Höhe Theaterplatz wohnlicher gestalten und ihr den Charakter einer Autobahn-Schlucht nehmen müsste – schon brach sich ein Sturm von Befürchtungen Bahn: Alles bricht zusammen. Und schon ist es wieder da, dieses lähmende Gefühl, dass es klemmt und knarzt in der Innenstadt.

Dabei ist die St.-Anton-Straße, wenn man Vagedes’ Grundriss anschaut, Krefelds größter Sündenfall: Sie zerschneidet das heilige Handtuch, zerschneidet, was als Einheit gedacht war, zerschneidet all die Bezüge, die Vagedes stiftete, als er mit seinen vier Wällen einen großen Stadtinnenraum schuf. Wir Heutigen fallen in Ohnmacht, wenn jemand am Charakter der St.–Anton–Straße-Straße rüttelt. Das ist Krefelds innere Verfassung: Erstarrung in Mikado-Position. Keiner darf sich bewegen, weil sonst alles zusammenbricht. Also bewegt sich nichts.

Wieder ist dieses Gefühl aufschlussreicher als alle Spezialprobleme zusammen. Es spricht dafür, dass Strukturen gewachsen sind, die massiv gegen die innere Logik der Stadt verstoßen. Insofern ist dieses neue Gutachten vielleicht der Ausweg. Vielleicht müssen wir Vagedes und diese Stadt endlich verstehen. Gesucht wird: Vagedes 4.0.

So ist Gefühl Nummer zwei, dieses neue Gutachten betreffend, in einem Wort zu fassen: Endlich