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Analyse zur Stadtplanung: Planlos in Krefeld

Analyse zur Stadtplanung : Planlos in Krefeld

Die zweite Auflage des Junker&Kruse-Gutachtens hinterlässt bei Fachleuten Ratlosigkeit; ein Workshop der Kommunalpolitischen Vereinigung mit Innenstadtakteuren fordert einen Gesamtplan für die City-Entwicklung.

Die zweite Auflage des Junker&Kruse-Gutachtens hinterlässt bei Fachleuten Ratlosigkeit; ein Workshop der Kommunalpolitischen Vereinigung mit Innenstadtakteuren fordert einen Gesamtplan für die City-Entwicklung.

Das zweite Junker&Kruse-Gutachten zu Perspektiven für die Innenstadt Krefeld stößt auf Skepsis. Für Markus Ottersbach, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes, enthält das Gutachten wenig Neues in der Analyse und wenig Vorschläge für konkrete Maßnahmen zur Weiterentwicklung der Innenstadt: "Ich hätte mir konkretere, mehr zugespitzte, mutigere und wegweisendere Vorschläge erhofft", sagte er gestern auf Anfrage unserer Redaktion. Parallel dazu hat ein Workshop der Kommunalpolitischen Vereinigung (KPV) der CDU zu dem Ergebnis geführt, dass ein Plan für die Innenstadt hermuss. So verfestigt sich der Eindruck: Krefeld kennt die Herausforderungen der Zukunft, hat aber noch keinen Plan, wie es nun weitergehen soll.

Adolph Anton von Vagedes legt 1817 erstmals Pläne für eine Stadterweiterung Krefelds vor; es sind Pläne für die Erweiterung einer Stadt; Krefeld hat bestenfalls einen Siedlungskern; die Stadt als Ganzes liegt innerhalb der vier Wälle. Foto: Düsseldorferjonges

Die Analyse im neuen - wieder von der Stadt in Auftrag gegebenen - "Junker&Kruse"-Gutachten referiere die bekannten, für viele Innenstädte geltenden Trends, erläutert Ottersbach: Der Einzelhandel werde an Fläche verlieren, Arbeiten, Wohnen, Kultur und Freizeit werden wichtiger. "Der Nutzungsmix wird stärker, das wissen wir im Prinzip seit Jahren."

Diskussionsbedarf sieht Ottersbach bei der Junker&Kruse-These, dass es neben der Haupthandelsachse entlang der Hochstraße zwei weitere Achsen gebe: zum Westwall hin einen Wohn-Bereich und zum Ostwall hin einen Arbeitsbereich. "Das erscheint mir zu konstruiert. Für eine attraktive Innenstadt ist eine gelungene Durchmischung der Nutzungsformen anzustreben. Ansätze werden in der Analyse zwar aufgezeigt, in der Quintessenz aber nicht konsequent umgesetzt und dargestellt."

Die Rheinstraße 1911: pulsierendes Leben. Aus dem alten Stadtgebiet von Krefeld des Jahres 1817 ist die Innenstadt Krefelds geworden; die Stadt ist weit über die vier Wälle hinaus zur Großstadt gewachsen. 1888 wurde die 100.000er-Einwohnermarke überschritten. Foto: Stadtarchiv Krefeld

Überlegungen wie die Idee, die südliche Hochstraße für den Autoverkehr zu öffnen, würden nicht konkret genug überprüft und mit einer Handlungsempfehlung verbunden. Überhaupt: Es mangele an Vorschlägen, wie jener Nutzungsmix, der als Zukunftstrend ausgemacht sei, städteplanerisch unterstützt werden könne. "Da ist das Gutachten noch zu ungenau", sagt Ottersbach.

Es gibt keinen Plan: Zu dem gleichen Befund kam ein hochkarätig besetzter Workshop der KPV - hochkarätig insofern, als rund 35 Innenstadt-Akteure aus Bürgerschaft, Handel, Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Verwaltung teilgenommen haben. Gastredner waren der Bonner Stadtplaner a.D. Sigurd Trommer und Krefelds Planungsdezernent Martin Linne, der über "Situation, Herausforderungen, Perspektiven der Innenstadt Krefeld" sprach. In der Diskussion schälte sich heraus, dass der Zustand der vier Wälle als "teils desolat" empfunden wird; erforderlich sei ein "Gesamtkonzept" zur Entwicklung der Wälle wie überhaupt der Innenstadt.

Der Krefelder Neumarkt war 1960 noch Straßenraum mit Autoverkehr; zwei Jahre später wurde die erste Fußgängerzone Krefelds eingerichtet: die Hochstraße nördlich des Neumarktes. Der Trend war klar: Aus der Innenstadt wurde die "City", verstanden als Open-air-Einkaufs-, Restaurant-, Kultur. und Freizeitzone. Foto: kaufhof

Die Bilanz: Während das "Mittelstück" des Ostwalls bereits umgestaltet worden sei, fehlten auf der einen Seite noch die "Teilstücke" bis zum Hauptbahnhof einschließlich Bahnhofsvorplatz und auf der anderen Seite der Bereich bis zum Nordwall. Die Neugestaltung des Südwalls müsse ebenfalls auf den fehlenden Teilstücken vollendet werden. Der Westwall befindet sich nach Ansicht vieler Workshop-Teilnehmer in einem "desolaten Zustand", der dringend einer Neugestaltung bedürfe. Ein Vorschlag: den Wochenmarkt vom Westwall auf den Theaterplatz zu verlegen.

Das Gesamtbild ist von einer historisch zu nennenden Wende geprägt: Die Innenstadt wird offenbar wieder das, als was sie einst erfunden war: als Raum, in dem man wohnt, arbeitet und einkauft. Der Anglizismus "City" meint das ja gerade nicht, sondern markiert die neuere Entwicklung, wonach eine Innenstadt vor allem Open-air-Einkaufszone ist, in die man hinein- und aus der man wieder hinausfährt. Dieses Rollenbild aber erfüllt sie heute immer weniger. So könnte man sagen: Die "Stadt" (Vagedes) wurde zur Innenstadt (erste Hälfte des 20. Jahrhunderts), dann zur City (zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts) und mutiert jetzt wieder zur Stadt, heißt: zu klassischem Stadtraum, wie Vagedes ihn verstand.

Krefeld hat ganz offensichtlich noch keinen Plan, wie dieser Prozess zu steuern ist. Denn eines steht fest: Es ist noch keine strukturelle Entwicklung, wenn in der City einige Neubauten entstehen und einige hässlichen Ecken verschwinden. Mit seiner langgestreckten Einkaufsfußgängerzone steckt die Stadt strukturell in den 60er Jahren fest.

(RP)