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Künstlerin im Schatten - zum 100. Geburtstag von Tomma Wember

Kunst in Krefeld : Tomma Wember – Künstlerin im Schatten

Tomma Wember war Avantgardistin, Sprachkünstlerin, Spieleerfinderin. Die künstlerische Qualität der Ehefrau von Paul Wember ist spät und zu wenig gewürdigt worden. Am Sonntag wäre sie 100 geworden. Eine Annäherung an eine beeindruckende Frau, die kein Protegé sein mochte.

Wenn im Hause Wember die Mutter die Familie zum Spielen rief, war die Erwartungshaltung groß. Denn Tomma Wember präsentierte ihren sieben Kindern keine Spielwaren aus dem Laden, nichts, was sie bei Freunden schon einmal gesehen hätten. Tomma Wember war Künstlerin, eine Spiele-Erfinderin der hochkarätigen Art. Sie schrieb Gedichte auf Spielkarten, schnitt Papierstreifen zurecht mit Anweisungen. Statt „Ziehe eine Karte und gehe über Los“ war darauf zum Beispiel ein Becher abgebildet. Der Hinweis für den Spieler hieß: Trinke einen Schluck Wasser. Mit Mineralwasser, Brötchen und anderen Alltäglichkeiten brachte sie Menschen zur Interaktion. Als Gegenposition zu den Gewinnspielen, die damals boomten, schuf sie Spiele ohne Gewinner und Verlierer. Sie entwickelte Bücher, deren Texte so liefen, dass mehrere Personen sie von verschiedenen Seiten gleichzeitig lesen konnten. Verbindungsstiftend, oder wie ihre Zeitgenossen der Fluxusbewegung in den 60er Jahren es formuliert hätten, sie schuf „Handlungsanweisungen nach Art der dadaistischen Simultanpoesie, die in einer interaktiven Gruppenlesung realisiert werden“. Zum Beispiel auch für Spaziergänge, wo das Papier nicht nur Schrittfolgen vorgab, sondern auch die Anweisung, den Duft der Bäume zu erschnuppern. Partituren, um das Leben sinnlich zu entdecken.

Tomma Wembers Werk spielt mit den Elementen von Dadaismus, Performance, konkreter Poesie. Doch es lässt sich nicht in feste Begrifflichkeiten pressen. Da sind die Arbeiten so frei und eigenständig wie die Urheberin. Der Schweizer Künstler Daniel Spoerrie, einer der maßgeblichen Vertreter der Objektkunst, war fasziniert von den Arbeiten Tomma Wembers und hat seinem Künstlerkollegen Dieter Roth davon in einem Brief vorgeschwärmt. Es waren die entscheidenden Zeilen, die letztlich zu einer späten Anerkennung führen sollten.

Die Kunsthistorikerin Katerina Vatsella stieß bei Recherchen für ihre Doktorarbeit auf Spoerris Brief und wurde neugierig. Sie nahm Kontakt zu der Krefelderin auf und bescherte ihr 2002 in der Kunsthalle Bremen mit der Ausstellung „3 Worte nur oder vier“ späten Ruhm. Damals war Tomma Wember bereits 83. „Ihre sparsamen, strengen Gesten waren sehr poetisch. Tomma Wember war absolute Avantgarde in ihrer Zeit. Aber es wusste ja niemand“, erzählt Vatsella.

Auch in Krefeld, wo Tomma Wember 2008 starb, war ihre künstlerische Qualität unentdeckt. Die am 24. Februar 1919 geborene Hamburgerin hatte Innenarchitektur studiert, sich mit Sprache und Literatur beschäftigt, aber niemals öffentlich ausgestellt – aus Rücksicht auf ihren Mann. Paul Wember war in den bewegten 50er und 60er Jahren als Leiter des Kaiser-Wilhelm-Museums eine beeindruckende, aber durchaus umstrittene Persönlichkeit. Mit seinem Gespür für die Moderne stieß er nicht nur auf Wohlwollen. Dass die jungen Wilden, die mit blaugepinselten Leinwänden oder schockierenden Performances die Gemüter erregten, später zu Stars der Nachkriegskunst avancieren würden, ahnte kaum jemand. Wember schon. Er schwamm gern gegen den Strom. Und seine Ehefrau schwamm mit: „Meine Mutter empfand es als wichtig, ihm da den Rücken freizuhalten, zu ihm zu stehen und nicht noch eigenes Aufsehen zu erregen“, erinnert sich Sohn Valentin Wember. „Die Anfeindungen damals waren enorm. Das reichte von Beleidigungen, mein Vater solle besser Direktor der Krefelder Müllabfuhr werden, bis zu Morddrohungen. Meine Mutter war eine enorm starke Frau, aber gleichzeitig auch der Familie dienend.“

Und das war ein Vollzeitjob: sieben Kinder, ein Ehemann, der durch seine Kriegsverletzung ständige Schmerzen litt, zahlreiche Reisen und Begegnungen mit Künstlern. „Meine Mutter hatte einen mindestens so guten Blick für Kunst wie mein Vater“, berichtet Valentin Wember.

Kunst spielte im Familienleben immer eine Hauptrolle. Bis Mitte der 1960er Jahre lebten die Wembers in der oberen Etage des Museums Haus Lange – umgeben von Kunst. „Das prägt. Die Ästhetik der Architektur durchdringt ein Kind mit allen Sinnen“, sagt Valentin Wember. „Wir haben uns immer gegenseitig unsere künstlerischen Arbeiten gezeigt und darüber gesprochen. Meine Mutter hat stets um ein kritisches Feedback gebeten. Wir Kinder waren die Ersten, die ihre Spiele ausprobieren durften und konnten unsere Erfahrungen einfließen lassen.“ Das Urteil der Kinder nahm Tomma Wember ernst. „Beide, mein Vater und meine Mutter, waren extrem initiative Menschen, die uns Kindern die Kraft vermittelt haben, gegen den Strom zu schwimmen“, erzählt Valentin Wember.

Dass sie ihre Kunst im Verborgenen schuf, darüber hat sich Tomma Wember niemals beklagt: „Der echte Künstler findet seine Erfüllung im Tun“, fasst Valentin Wember die Haltung seiner Mutter zusammen. Aber es sei ihr schon eine tiefe Befriedigung gewesen, als die Ausstellung in Bremen ihr Werk an die Öffentlichkeit brachte. Vor allem, weil die Kunstwelt sie losgelöst vom schillernden Namen Paul Wember als eigenständige Künstlerin entdeckte. Sie wollte kein Protegé des einflussreichen Ehemannes sein.

Ihre Ansichten konnte die zarte Frau energisch vertreten. „Sie konnte zwei sehr unterschiedliche Seiten perfekt kombinieren: die totale Selbstständigkeit und die dienende Seele. Sie hatte einen sehr bestimmten Ton wie ein General, aber sie war die warmherzigste Person“, sagt der Sohn.

Katerina Vatsella hat die damals 83-Jährige als elegante Dame von großem Ernst kennengelernt. „Statt lange zu reden, hat sie eines ihrer Werke ausgepackt und wir haben losgespielt“, sagt sie. Gerne erinnert sie sich an die Begegnungen im Bahnhofscafé. Tomma Wember lebte damals überwiegend in Hamburg und hat häufig den Zug über Bremen genommen.

In Krefeld ist Tomma Wembers Kunst nicht gezeigt worden. Kuratorin Vatsella: „Der damalige Museumsdirektor hatte daran kein Interesse.“