Adiam Hailesillassie aus Krefeld ist die Malerin der geheimnisvollen Augen

Südgang in Krefeld : Die Malerin der geheimnisvollen Augen

Adiam Hailesillassie ist Krefelderin. Aber ihre Wurzeln liegen im afrikanischen Kulturkreis der Nubier. Ihre Herkunft ist Thema ihrer Kunst. Beim „Südgang“ am Sonntag, 17. November, öffnet auch Hailesillassie ihr Atelier.

In Adiam Hailesillassie steckt Forschergeist. Auf Reisen nach Afrika sammelt sie Wissen über ihre Vorfahren. Ihre Familie gehört zum Kulturkreis der Nubier, die zwischen dem heutigen Sudan und dem südlichen Ägypten beheimatet sind. „Ich male oft Bilder, die wie Höhlenmalerei aussehen“, erzählt die Künstlerin in ihrem Krefelder Atelier, das sie am Sonntag beim „Südgang“ öffnen wird.

Für Hailesillassie ist die Herkunft immer Thema ihrer Kunst: „In mir steckt schon sehr viel von meinem Ursprung, ich bin in Tessenei, Eritrea, geboren und meine Vergangenheit hat mich sehr geprägt - davon erzählen meine Bilder.“ Jedes ihrer „Lichtbilder“ hat eine Geschichte. Sie betont, wie wichtig ihr die einzelnen Arbeitsschritte sind. Zunächst spannt ihr Schreiner die Leinwand auf die selbstgebauten Rahmen, hier wählt Hailesillassie zwischen unterschiedlichen Materialien, meist verwendet sie grobe Baumwolle oder Jute. Im zweiten Schritt trägt sie Strukturpaste mit Gabeln, Löffeln oder Holzstiften auf. Danach trocknet die erste Schicht und es kommt Farbe ins Spiel: „Ich frage mich, was die Struktur hergibt, und versuche die Formen immer wieder zu variieren. Mir ist wichtig, dass der Betrachter etwas darin sehen kann“ beschreibt Hailesillassie und geht mit ihren Händen über die Oberfläche ihrer jüngsten Arbeit – ein Lichtbild, das wie in Gold getaucht in alle Himmelsrichtungen strahlt.

Die Künstlerin ermutigt zum Anfassen ihrer Kunst. Die Formate ihrer Bilder variieren, manchmal sieht Hailesillassie eine Fläche, die sie unbedingt bemalen möchte, wie bei ihrem alten Schrank. Sie montierte Türen und Wände ab und bemalte sie, indem sie die Holzmaserung nachspürte. In ihren Bildern finden sich ungezählte Linien, die das Auge verfolgen möchte, rätselhafte Zeichen, die auffordern, entschlüsselt zu werden, Farben, die kraftvoll leuchten, und das vielleicht charakteristischste Merkmal ihrer Bilder: mandelförmige Augen, meist schwarz umrandet, die angeblickt werden wollen. Die Augen erinnern an die berühmte Büste der Nofretete und die Kunstschätze des Alten Ägypten. Das 1,60 x 1,60 Meter große Bild „Spiel des Lebens“ ist übervoll mit abstrakten Formen, Farben und Augen. So spielt die Künstlerin auf ihre spirituelle Prägung an, ihr drittes Auge oder, wie sie es nennt, ihr „Seelenauge“.

Nach dem Beuys’schen Kunstbegriff, jeder Mensch sei ein Künstler und könne somit Kunst hervorbringen, arbeitet die Künstlerin mit Jugendlichen, von denen einige noch nie gemalt haben. „Ich hole mir viel Inspiration bei Kindern.“ Sie gibt dann praktische Anweisungen, wie „mal doch mal einen Luftballon“, und schon nimmt das Spiel aus Farben und Formen seinen Lauf.

Es finden sich geometrische wie organische Formen in ihrer Kunst, ausdrucksstarke Farben und die typischen, schwarz umrandeten Augen. Porträts wie „Das Unsichtbare“ oder „Der Gedanke“ zählen ebenfalls zu ihren Malereien. Hailesillassie hat beobachtet, dass die Reaktion von Betrachtern auf Porträts oft zurückhaltend fast ablehnend ist: „Viele Leute haben Angst vor Porträts“ erzählt die Künstlerin und zeigt auf ein Bild, das sie gerne in einer Kirche sehen würde. „Das Geheimnis in uns“ zeigt ein stark verschwommenes Gesicht, helle, gedeckte Farben dominieren das Bild, nur die Augen sind noch als schwarze Konturen sichtbar. Wer blickt aus diesem Bild hervor? Was sieht das Auge? Und was sieht das „Seelenauge“?

Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgard hat kürzlich gesagt, dass die Kunst des Malens darin besteht, den Abstand zwischen dem Gesehenen und dem Gemalten möglichst klein zu halten. Diese unmittelbare Nähe zum Betrachter ist charakteristisch für Hailesillassies Bilder, jeder kann etwas anderes in den Formen und Strukturen lesen, wichtig ist nur, dass sich der Betrachter Zeit nimmt, sich zu verlieren und wiederzufinden.