Geldern: 20 Jahre Papillon Life

Geldern: Zeitung machen für die Seele: 20 Jahre Papillon Life

In der Redaktion des Blattes „Papillon Life“ arbeiten Menschen, die von psychischen Problemen betroffen sind. Eines ihrer Ziele: Aufklärung.

Redaktionssitzung in den Räumen der des Sozialpsychiatrischen Zentrums von Papillon am Markt in Geldern. Redaktionsmitglied Alice – die Teilnehmer sind beim „Du“* – referiert, welche Geschichten für die nächsten Ausgaben der Zeitung „Papillon Life“ zur Diskussion stehen.

Ein Interview zu Erfahrungen in der Forensik zum Beispiel. „Es kann jeder schnell in der Forensik landen“, sagt Alice unaufgeregt: „Es ist schnell passiert.“ Und es gäbe eine Gesprächspartnerin, die zu einem Interview über so einen Lebensabschnitt bereit wäre.

Dann hätte man gerne einen Text über Hilfsangebote, die noch fehlen. Und: In einer Geschichte möchten die ehrenamtlichen Journalisten mal nicht die Menschen in den Fokus nehmen, die selbst in einer Krise stecken, sondern deren Angehörige.

Der Verein Papillon ist ein großer Anbieter im Bereich der Sozialpsychiatrie im Kreis Kleve. Seit nun 20 Jahren gibt es die Vereinszeitung „Papillon Life – Sozialpsychiatrische Nachrichten vom unteren Niederrhein“. Ein Blatt, gemacht von, oft über und immer für Menschen, die wissen, was eine seelische Ausnahmesituation bedeutet. Und insofern eine Erfolgsgeschichte: Die Redaktion besteht aus einigen hauptamtlichen Papillon-Mitarbeitern und aus Betroffenen.

Darüber, was ins Blatt kommt oder nicht, wird durchaus kontrovers diskutiert. Soll man zum Beispiel Kontaktanzeigen bringen? „Ist es Aufgabe des Papillon, Kontaktanzeigen anzubieten?“, fragt Redaktionsmitglied Wolfgang skeptisch. Dafür gebe es doch Foren. „Ich finde, es ist Aufgabe unserer Zeitung, Kontakte herzustellen“, sagt Ingrid Klösters abwägend, Leiterin des Gelderner Zentrums und ebenfalls Teil der Redaktion. „Ich weiß aber nicht, ob so eine Kontaktanzeige das Mittel der Wahl ist.“

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Es sei aber gut, wenn Leute bereit sind, sich zu öffnen, hält Alice dagegen: „Das kostet ja Überwindung.“ Und in einem „normalen“ Kontakte-Forum könne man kaum erwähnen, dass man psychische Probleme hat.

Die Betroffenen, die an Papillon Life mitarbeiten, haben dafür unterschiedliche Gründe. Daniel etwa, der seit fünf Jahren dabei ist, geht es um Denkanstöße und Fakten, „auf die kommt ein Normalmensch gar nicht“, sagt er. „Man kann den Luxus genießen, diesen Dingen mal nachzugehen in der Recherche.“

Anderen, wie Wolfgang, liegt einfach das Schreiben. Sein Kollege hingegen, der ihm gegenüber sitzt, sagt: „Mit geht es in erster Linie um Aufklärung.“ Er möchte nicht namentlich genannt werden – vielleicht wegen genau jenes Umstandes nicht, den er gerade beklagt: „Ein Großteil der Bevölkerung weiß überhaupt nicht Bescheid über psychische Erkrankungen.“ Dramatischen Fälle, etwa Gewalttaten durch Menschen im Zustand akuter Schizophrenie, gingen durch die Medien. Der „Normalfall“ eines Lebens mit Depression oder Schizophrenie aber, der interessiere kaum. Die Betroffenen hätten es umso schwerer, weil ihnen mit Misstrauen begegnet werde: „Die Vorurteile in der Gesellschaft sind enorm.“

Die Redaktionsmitglieder haben nicht nur ein Forum, indem sie bei dem Blatt mitmachen. „Das ist auch eine Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Lebenssituation“, so Ingrid Klösters. Und je nach Naturell können sie von der Arbeit auch ganz persönlich profitieren: „Wir finden schon, dass es das Selbstbewusstsein stärkt.“

* Einige Redaktionsmitglieder möchten nicht mit vollen Namen in der Tagespresse erscheinen.

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