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Einrichtung am Westwall: Die gute Seele von Haus Karin

Einrichtung am Westwall : Die gute Seele von Haus Karin

Niemand wohnt so lange in der Einrichtung am Westwall wie Waltraud Halling. Nun feiert sie ihr 35-jähriges „Jubelfest“.

Dreimal die Woche läuft Waltraud Halling zum Supermarkt. Etwa fünf Minuten sind es zu Fuß vom Haus Karin am Westfall. Waltraud Halling, von vielen nur Walli genannt, braucht einen Rollator. Das Laufen klappt nicht mehr so gut, mit ihrem rechten Arm stützt sie sich auf dem Griff ab. Langsamer ist sie deswegen aber nicht. Wer nicht laut genug ruft, an dem flitzt Walli vorbei.

Ihr Ziel ist das Zeitschriftenregal. Am liebsten kauft sie die Gala oder die Bunte. Noch besser, wenn darauf das Gesicht von einem der Royals aus dem britischen Königshaus zu sehen ist. Walli ist ein großer Fan der Queen, Prinz William und Herzogin Kate mag sie auch, Prinz Harry und Meghan Markle eher weniger und Camilla, die kann sie gar nicht leiden. „Bloß nicht Camilla“, ruft sie dann, sodass es alle hören können. Auch Süßigkeiten, Walli nennt es „Lecker“, landen im Korb.

Dass Walli die Adelsgeschichten am liebsten liest, Schokolade isst und Märchenfilme guckt, wissen die anderen Bewohner und Betreuer im Haus Karin ganz genau. Waltraud Halling lebt schon so lange in der Wohngemeinschaft für psychisch kranke Menschen wie sonst niemand. Vor 35 Jahren ist Walli dort eingezogen und will „bis zum Ende“ da bleiben. Das sagt sie immer wieder: Es ist ihre letzte Station. „Man verpflanzt mich nicht in neue Erde, einen alten Baum wie mich“, sagt die 67-Jährige. „Siebenundsechzigeinhalb“, wie Walli selbst sagt.

Dabei ist ein Ende noch gar nicht in Sicht. Walli läuft nicht nur schnell, sie ist auch sonst kaum zu bremsen. Im Bewohnerbeirat wirkt sie mit, ist Vermittler zwischen Bewohnern und Personal. Sie putzt und hilft in der Küche, besonders gerne schält sie Kartoffeln. Sie hilft aber auch beim Wäsche falten, geht zur Gymnastik und macht jeden Ausflug mit. Ins Theater oder zum Minigolf. Nur Schwimmen hat sie nie gelernt.

Geboren wurde Walli 1951 am Rand der Eifel, in Euskirchen. Ihr Leben hat sie seitdem fast immer in Heimen verbracht, wie sie selbst sagt. Als Kind zieht sie nach St. Bernardin in Kapellen, eine Wohnanlage für Menschen mit Behinderung. „Dort bin ich zur Schule und zur Kommunion gegangen“, sagt Walli. In Bedburg-Hau machte sie eine Arbeitstherapie in der LVR-Klinik. Als Walli 31 Jahre alt ist, am 17. Januar 1984, zieht sie ins Haus Karin. Sie ist ein wenig anders als viele Bewohner der Wohngruppe. Sie braucht vor allem Hilfe im Alltag. „Damit ich nix auf dem Herd stehen lasse“, sagt sie. Und dabei hat sie im Haus Karin ihr Zuhause gefunden. So lange wie Walli bleiben die wenigsten, sagen die Mitarbeiter. Haus Karin soll seinen Bewohnern helfen, langsam wieder ins Leben zurückzufinden. Als Zwischenstation für ein paar Monate oder ein paar Jahre, bis sie in ein betreutes Wohnen ziehen. Waltraud Halling aber bleibt für immer.

Lange hat sie in Geldern auch gearbeitet, in der Werktstatt in Haus Freudenberg. Walli war für Verpackungen zuständig. Alles mögliche habe sie verpackt, Duschgel fällt ihr als erstes ein. Seit drei Jahren ist sie in Rente. Den Anschluss hat sie aber nicht verloren. Alle zwei Wochen besucht sie ihre früheren Kollegen in der Werkstatt. „Ich hab schon viele hier kennengelernt, schon viele überlebt“, sagt sie über Geldern und Haus Karin. Ein paar mal ist sie im Haus umgezogen, hat das Zimmer gewechselt. Viele der Bewohner und Betreuer seien neu dazu gekommen, viele seien gestorben. Im Haus ist sie bekannt als hilfsbereit, sie übernimmt gerne Dienste, kauft für andere ein.

Am Donnerstag, wenn sich Waltraud Hallings Ankunft an Haus Karin, zum 35 Mal jährt, soll es eine Feier geben. „Jubelfest“ nennt Walli es selbst. Auch ein Geschenk wird es geben, das ist klar. Was das sein wird, weiß Walli aber noch nicht. Über eins würde sie sich freuen: „Geld für den Supermarkt“.