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Stahl-Demo in Duisburg — 16.000 Beschäftigte für Erhalt ihrer Jobs

Demonstration in Duisburg : Krankes Herz aus Stahl

Zehntausende Stahlbeschäftigte in ganz Deutschland demonstrieren für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze – in einem seltenen Schulterschluss mit ihren Chefs, mit Verbandsfunktionären und Politikern. In Duisburg sind es 16.000 Menschen.

Zehntausende Stahlbeschäftigte in ganz Deutschland demonstrieren für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze — in einem seltenen Schulterschluss mit ihren Chefs, mit Verbandsfunktionären und Politikern. In Duisburg sind es 16.000 Menschen.

Wie oft standen sie hier schon, die Stahlarbeiter, um zu demonstrieren. Auf dieser Wiese in Duisburg, die eingerahmt wird von der leicht angerosteten Fassade des Duisburger Stahlwerks auf der einen Seite und dem patinagrünen Gebäude der Thyssenkrupp-Steel-Verwaltung auf der anderen. Ein überlebensgroßes Plakat hängt dort heute. Es zeigt zwei Hände, sie halten ein Herz. Ein Herz aus Stahl.

Vor der riesigen Bühne sammeln sich die Demonstranten an diesem strahlend schönen Tag. Die Countryband Mavericks hat den Song "Rollin' On The River" von Creedence Clearwater Revival zu "Duisburg hat ein Herz aus Stahl" umgedichtet. Es herrscht Volksfeststimmung — doch der Anlass ist ein ernster.

Denn jedes Mal, wenn die Arbeiter auf dieser Wiese demonstrieren, geht es um die Zukunft ihrer Jobs. Jedes Mal hoffen sie, dass es am Ende doch nicht so schlimm kommt wie befürchtet. So auch heute. 16.000 sind nach Angaben der IG Metall nach Duisburg gekommen, um für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu kämpfen. Und nicht nur nach Duisburg. Auch im Saarland und in Thüringen, in Hessen oder vor dem Bundeskanzleramt in Berlin sind sie an diesem Stahlaktionstag zusammen gekommen, rund 45.000 sollen es bundesweit sein.

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Zwei Themen sind es, die sie zu Tausenden auf die Straße treiben und die Produktion weitgehend stillstehen lassen: Stahl aus China, der auf dem Weltmarkt teils zu Dumpingpreisen verkauft wird. Und die Verschärfung des Handels mit CO2-Zertifikaten, wie die EU sie zurzeit plant. Sollte es dazu kommen, würden deutsche Stahlkonzerne über Gebühr belastet, heißt es übereinstimmend bei Stahlmanagern, Arbeitnehmervertretern, im Arbeitgeberlager, bei Gewerkschaftern und Politikern.

Bewiesen ist das nicht, eine Studie des Fraunhofer-Instituts etwa kommt zu dem Ergebnis, dass die Stahlindustrie noch nicht alle CO2-Einsparmöglichkeiten ausgeschöpft hat. Auch nicht die, die leicht zu realisieren sind. Der Umweltschutzverband BUND rechnet gar vor, dass die Stahlindustrie mit CO2-Zertifikaten bisher ein ganz gutes Geschäft gemacht hat.

Doch in NRW wird im Frühjahr 2017 gewählt, im Bund nur wenige Monate später. Und so machen sich auch NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und ihr Parteikollege, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, heute für die Sache der Stahlarbeiter stark.

"Stahl ist Zukunft", ruft Kraft und macht den Arbeitern Mut: "Wir wollen, dass das Herz aus Stahl weiter schlägt." Die Ministerpräsidentin weiß genau, was hier von ihr erwartet wird: "Ihr habt nichts geschenkt bekommen", sagt sie und zeigt sich in ihrem roten Blazer, passend zum Logo der IG Metall, auch rein äußerlich voll und ganz solidarisch: "Die effizientesten Anlagen müssen gratis Zertifikate bekommen." Damit spricht sie aus, wie ein Kompromiss in Brüssel aussehen könnte. Nämlich die saubersten Stahlwerke von einer Verschärfung der CO2-Regeln auszunehmen.

Vizekanzler Gabriel wird noch ein wenig konkreter. Die besten zehn Prozent der Stahlwerke müssten bevorzugt werden, sagt er, und fordert zugleich, dass die Anti-Dumpingverfahren in der Europäischen Union beschleunigt werden müssten. In den USA dauere es nur zwei bis drei Monate, bis Zölle verhängt würden, um die Einfuhr des Billigstahls aus China zu blockieren. Die EU hingegen brauche dafür ein Jahr. "Daran müssen wir etwas ändern", ruft Gabriel unter dem Applaus der Demonstranten.

Auch der Wirtschaftsminister verspricht seine Unterstützung bei allem, was da auf die Branche noch zukommen mag. Und damit meint er auch die jüngsten Informationen über Gespräche zur Konsolidierung der Stahlindustrie. "Die Eigentümer müssen wissen, was wir hier erhalten wollen", sagt er, und das seien Tarife, Mitbestimmung und Arbeitsbedingungen. Immerhin gehe es um 85.000 Arbeitsplätze, die direkt betroffen seien, und um weitere Hunderttausende, die vom Stahl abhängen. Im Gespräch ist zurzeit ein Zusammenschluss der niederländischen Tata-Werke mit Thyssenkrupp Steel.

Den Demonstranten auf der Wiese ist offenkundig klar, worum es künftig noch geht — jenseits von China und CO2: "Wenn wir wirklich mit Tata Steel zusammengehen, dann rollen Köpfe", meint Ralf Bügers, der bei Thyssenkrupp Steel in der Logistik arbeitet. Es dürfte nicht das letzte Mal sein, dass die Stahlarbeiter auf dieser Wiese stehen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Stahlkocher demonstrieren in Duisburg

(RP)