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100 Jahre Junges Rheinland: Rheinisch frei

100 Jahre Junges Rheinland : Rheinisch frei

Am 24. Februar 1919 gründete sich die Künstlergruppe Junges Rheinland in Düsseldorf. Wir feiern mit: Am Sonntag wird die Zeitung zum Museumsticket.

Ein Vulkanausbruch ist ja trotz allem ein recht zuverlässiges Ereignis: Es gibt Erschütterungen, der Vulkan spuckt Feuer, dunkle Wolken ziehen auf, und irgendwann ist auch mal wieder gut. Insofern muss der Künstlergruppe Junges Rheinland ein hohes Maß an Selbstreflexion bescheinigt werden, dass sie sich ausgerechnet einen Vulkan als Markenzeichen gab. Konfliktscheu waren die Künstler jedenfalls nicht. „Die Führer waren sehr heftige Menschen mit vielem, vielem Schimpfen“, erinnerte sich der Maler Walter Ophey. „Schimpfen war Lebenselixier geworden.“

Dabei fing alles harmonisch an: Schon im November 1918 hatten Adolf Uzarski, Herbert Eulenberg und Arthur Kaufmann in einem Aufruf ihre Absicht verkündet, eine Gruppe zu gründen, „um den jungen rheinischen Künstlern den ihnen gebührenden Platz im deutschen Kunstschaffen zu erobern“. Ausstellungen wolle man zu diesem Zweck organisieren, hieß es. „Es soll sich dabei nicht um einseitige Förderung irgend einer Richtung handeln; Voraussetzung soll nur die Jugendlichkeit und Ehrlichkeit des Schaffens sein. Jugendlichkeit wohl verstanden, nicht in Beziehung auf das Alter gemeint, sondern auf die Stärke und Frische des künstlerischen Strebens.“ An 40 Künstler ging der Aufruf damals raus, am 24. Februar 1919 gründete sich schließlich das Junge Rheinland. Am Sonntag vor 100 Jahren.

Zu ihrem Namen hatte sich die Gruppe inspirieren lassen. Im Januar 1918 war im Kölnischen Kunstverein eine Ausstellung rheinischer Avantgardisten zu sehen. Titel: „Das Junge Rheinland“. Dass sich die Gruppe bediente, ging wohl in Ordnung, waren unter den Ausstellenden doch spätere Mitglieder wie der Niederrheiner Heinrich Nauen und der Kölner Max Ernst. Ausstellungsmacher Walter Cohen war zudem Direktorialassistent der städtischen Kunstsammlungen in Düsseldorf. Dort hatten Uzarski, Eulenberg und Kaufmann sogar vorgefühlt: Man habe Direktor Karl Koetschau sowie Cohen die Gedanken zur Gründung der Gruppe vorgelegt, „die sich damit einverstanden erklärt haben und ein Zustandekommen des Planes sehr begrüßen würden“, hieß es. Im Juni 1919 eröffnete die erste Ausstellung des Jungen Rheinlands in der Städtischen Kunsthalle mit 113 beteiligten Künstlern. Ende des Jahres folgte eine Schau in Barmen, Anfang 1920 zog die Ausstellung nach Essen um.

Man darf das Junge Rheinland nicht nur als Gruppe rheinischer Maler missverstehen, es zählten auch Architekten, Bühnenbildner, Dichter und Journalisten dazu. Beispiel: Adolf Uzarski, ein Maler und Werbefachmann, den sein Düsseldorf-Roman „Möppi – Memoiren eines Hundes“ 1921 berühmt machte. Auch Herbert Eulenberg war Schriftsteller. Arthur Kaufmann, na gut, der war nur Maler.

Das Gemälde „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Eluard und dem Maler“ von Max Ernst. Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, Bildquellennachweis: www.museenkoeln.de/rba.de), © VG Bild-Kunst, Bonn, 2018

Unter den bildenden Künstlern der Gruppe herrschte fröhlicher Eklektizismus: Konservative Impressionisten trafen auf rheinische Expressionisten, religiös motivierte Malerei traf auf Gotteslästerei. Zumindest sah das der Kölner Erzbischof beim Anblick von Max Ernsts Gemälde „La vierge corrigeant l’enfant Jésus devant trois témoins“ so. Dass die Jungfrau Maria das Jesuskind auf dem Bild verdrischt, war das eine. Schwerer wog noch, dass dem Jungen dabei der Heiligenschein vom Kopf gefallen war. Der findet sich am Bildrand liegend wieder, und dann hatte Ernst auch noch die Chuzpe, darin seine Signatur zu hinterlassen. Darauf weist Daniel Cremer hin, der mit Kay Heymer eine Ausstellung zum Jungen Rheinland kuratiert hat, die zurzeit im Kunstpalast zu sehen ist. Ernsts Gemälde sei nicht nur nach außen, sondern auch nach innen eine Provokation gewesen, sagt Cremer. Die ging etwa gegen die Weißen Reiter, eine christliche Künstlervereinigung, deren Mitglieder teilweise auch im Jungen Rheinland organisiert waren.

Wie jede Bewegung, die sich vornimmt, Verhältnisse aufzumischen, vergewisserte sich das Junge Rheinland seiner selbst durch Distinktion. Man verstand sich in Abgrenzung zur als konservativ geltenden Kunstakademie und deren Direktor Fritz Roeber; als dann Heinrich Nauen 1921 eine Professur an der Akademie annahm, knallte es gewaltig. Verrat, warf ihm die Gruppe vor. Nauen trat aus. Ein Jahr später erklärte die Mitgliederzeitschrift des Jungen Rheinlands den Streit für beendet. „Man hatte eingesehen, dass Roeber dem Ruf nach Modernisierung nachgegeben und mit Nauen einen fortschrittlichen Künstler an die Akademie berufen hatte“, schreibt Anne Rodler im Katalog zur Kunstpalast-Schau.

1922 rief die Vereinigung dann zum Boykott der „Großen Kunstausstellung“ auf – heute: „Die Große“ –, weil dort nur Düsseldorfer Künstler zugelassen waren. Im selben Jahr veranstaltete die Gruppe stattdessen eine viel beachtete „Internationale Ausstellung“ im Warenhaus Tietz – heute Galeria Kaufhof – mit 300 Künstlern aus 19 Ländern.

1923 gab es schließlich Ärger um Adolf Uzarski. Der hatte erfahren, dass Kunsthändlerin Johanna Ey Besucher ins Hinterzimmer geführt haben soll, um ihnen dort „richtige“ Kunst von Max Ernst und Gert Wollheim zu zeigen – vorne stellte sie Uzarski aus. Auch andere Künstler fühlten sich von Ey benachteiligt, die die Gruppe seit jeher protegiert hatte. Uzarski verließ das Junge Rheinland und gründete die Rheingruppe. Sein Groll richtete sich fortan vor allem gegen Wollheim.

Nach dem Bruch verlor das Junge Rheinland an Bedeutung, neue Gruppen gründeten sich, etwa die Rheinische Sezession, die 1938 von den Nazis verboten wurde. Das Junge Rheinland stellte zum letzten Mal 1932 aus. Manche Künstler hatten bis dahin längst das Weite gesucht. Otto Dix etwa zog es nach Berlin, ebenso Gert Wollheim, der Düsseldorf mit einem letzten Gruß den Rücken kehrte. „Abschied aus Düsseldorf“ heißt ein Gemälde von 1924. Unten links im Bild: ein kleiner Kläffer. Eine Anspielung auf Uzarski und dessen Roman „Möppi“.