Die Opern-Scouts zur Premiere von "Schad, dass sie eine Hure war"

Opern-Scouts zu „Schade, dass sie eine Hure war“ : Derbe Sprache und hervorragende Musik

Nach anfänglicher Skepsis sind unsere Beobachter von der Premiere des Stücks begeistert.

Zeitgenössische Musik und ein blutiges Inzest-Drama – würde man diesen Abend wirklich genießen können? Nach der Premiere von „Schade, dass sie eine Hure war“ hatte sich die Skepsis zu einer (fast) einhelligen Begeisterung gewandelt.

Jenny Ritter, Tai-Chi-Lehrerin: „Ich hatte arge Bedenken und erwartete Schreckliches. Allein schon der Titel! Aber dann gefiel mir alles richtig gut. Die Musik, die bunte Bühne, die Kostümwechsel, die Besetzung, sogar die komödiantischen Figuren. Vor allem überraschte es mich, wie man heute so eine Oper schreiben kann, auch mit der Derbheit der Sprache. Geärgert hat mich nur, dass immer die Frau die Hure ist.“

Stefan Pütz, Buchhändler: „Ein grandioses Bühnenbild mit tollen Ideen – der Fliegenpilz, der Bauhaus-Bungalow. Schöne Kostüme von barock bis modern. Und hervorragende Musik, deren raffiniert platzierte Brüche wunderbar herausgespielt wurden. Ein abwechslungsreiches und beeindruckendes Medley. Mich erinnerte es an das britische Kino der 80er Jahre, auch mit seinem hintergründigen Humor. Erstaunlich, dass es bei den vielen Elementen gar kein Verzetteln gab.“

Susanne Bunka, Gastronomin: „Eine spannende Inszenierung. In ihr wurde vieles angedeutet, was mich zu Gedankenspielen anregte. Bühnenbild und Sänger waren toll. Nur die klamaukigen Szenen kamen mir etwas übertrieben vor, da war der Bruch dann doch zu stark.“

Markus Wendel, Feuerwehrmann: „Komponist Anno Schreier wollte unterhalten, dieses Konzept ging voll und ganz auf. Eine unglaublich vielseitige Musik mit Wow-Effekten und eine Inszenierung mit schönen Überraschungen, bis hin zum tödlichen Fliegenpilz. Wir hörten viele Wörter, die wohl noch nie gesungen wurden. Ich musste oft lachen und mich bei manchen Szenen richtig beherrschen. Großartig auch die atmosphärische Dichte und Gradlinigkeit, etwa bei dem dekonstruierten und im zweiten Teil wieder zusammengesetzten Bühnenbild.“

Sandra Christmann, Kulturmanagerin: „Splatter, Shakespeare, commedia dell arte, trashy – alles drin. Manchmal dachte ich, das bringen die jetzt nicht wirklich. Und dann taten sie es doch. Den Abend habe ich genossen, nur die Schimpfwörter störten mich. Mein architektonisches Wohlfühl-Highlight war das sensationelle Bühnenbild im zweiten Teil.“

Michael Langenberger, Wirtschafts-Mediator: „Ich muss etwas Wasser in den Wein schütten. Mein Zugang ist immer die Musik. Hier fand ich sie dissonant und anstrengend. Bei mir kam nichts an. Bühne, Kostüme und Sänger ließen rein gar nichts vermissen. Aber bei allem Respekt vor der Qualität: Ich glaube, ein Reißer wird das nicht.“

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