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Rhein bei Walsum: Kinder gerettet - in die Fahrrinne geraten

In die Strömung geraten : Besatzung der Rheinfähre „Glückauf“ rettet bei Walsum zwei Kinder

Die Besatzung und ein Passagier der Fähre, die zwischen Orsoy und Walsum über den Rhein pendelt, haben zwei Kinder vor dem Ertrinken gerettet. Ein vierjähriger Junge war von der Strömung zur Mitte des Flusses gezogen worden. Seine zwölfjährige Cousine wollte helfen.

Der Mann der Stunde war Schiffsführer Raimund Behrens. Mit der „Glückauf“-Rheinfähre, die täglich zwischen Orsoy und Duisburg-Walsum über den Fluss pendelt, war der 33-Jährige am Donnerstagnachmittag, es war etwa gegen 16 Uhr, gerade auf der Orsoyer Seite am Anleger. Er ließ den Blick übers Wasser schweifen, sah Badegäste am Ufer, planschende Kinder – und dann eine Szene, die leicht in einem Drama mit zwei toten Kindern hätte enden können.

„Ich habe aus dem Augenwinkel gesehen, dass da was nicht stimmt“, erzählt er am Freitag. Ein Kind schien zu weit draußen zu sein, ein vierjähriger Junge, wie sich später herausstellen sollte. „Der Vierjährige war am Paddeln und kam nicht vorwärts. Er ist in Richtung Strommitte getrieben“, beschreibt Behrens. „Dann habe ich die Zwölfjährige hinterherschwimmen sehen.“

Wie die Polizei später in ihrem Bericht schilderte, wollte das Mädchen seinem kleinen Cousin helfen. Die Zwölfjährige erreichte ihn und schaffte es, den Kopf des Kleinkindes hochzuhalten. Aber natürlich wurde sie mit ihm weiter in den Fluss hinein gesogen. Beide Kinder waren in diesem Augenblick in akuter Lebensgefahr.

„Blitzschnell“ habe Behrens auf die Situation reagiert, würdigt später die Polizei seinen Einsatz: Er legte mit seiner Fähre ab, steuerte auf die Kinder im Wasser zu und gab seinem Mitarbeiter an Bord Bescheid – Joel Stöckmann, der normalerweise den Fahrpreis von den Passagieren kassiert. Langsam senkte er die Rampe ab, über die die Autos sonst auf die Fähre rollen, und wandte sich an einen der Passagiere: einen Radler, der zum Eingreifen bereit war. „Legen Sie sich auf die Klappe, ich lasse die runter, und Sie schnappen sich die Kinder“, instruierte Behrens.

Noch während das DLRG-Rettungsboot Rheinadler zur Unglücksstelle eilte, war die Crew der zwischen Orsoy und Walsum pendelnden Fähre Glückauf zur Stelle. Foto: FAB/Fabian Friese

Und das gelang. Die beiden Männer zogen den Jungen und das Mädchen an Bord. Unverletzt, aber am Ende ihrer Kräfte. „Die waren total fertig mit der Welt.“ Von der Notlage bis zur Rettung habe es vielleicht gerade mal eine Minute gedauert, sagt der Schiffsführer. Aber ob man in dem Fluss untergehe oder nicht sei auch nicht mal eine Sache von Minuten, sondern von Sekunden. „Wir haben eine Strömung von fünf bis acht Stundenkilometern. Das schafft keiner, dagegen anzukommen. Selbst Profi-Schwimmer schaffen das nicht.“

Er hatte während der Aktion schon den Rettungsdienst angerufen. Dieser nahm kurz darauf an Land die weinenden, völlig aufgelösten Kinder in Empfang. Nach einer kurzen Untersuchung durften der Vierjährige und seine zwölfjährige Cousine mit ihren Eltern nach Hause gehen.

Das gewählte Manöver ist die einzige Möglichkeit, um jemanden von der Fähre aus aus dem Wasser zu retten, wie ein weiterer Mitarbeiter des Fährbetriebs erklärt. „Man senkt die Klappe ab. Dann muss man in den richtigen Winkel kommen, um die Personen im Wasser nicht zu gefährden – sie dürfen nicht vom Schiff angesaugt werden“, schildert er. „Dann müssen sich ein oder zwei Leute auf die Klappe legen und den Menschen hochziehen.“ Die Fährbesatzung übe so ein Vorgehen. Der Schiffsführer selbst kann diese Schritte allerdings im Ernstfall nur koordinieren, denn er selbst muss dabei im Führerhäuschen bleiben.

Zu dem Rettungseinsatz wurde auch die Dinslakener DLRG alarmiert. Deren Sprecher Fabian Friese zeigt sich erleichtert über den glücklichen Ausgang: „Die Kinder haben es geschafft“, sagt er. Aber oft genug enden solche Fälle tödlich. „Es ist immer dasselbe“, so Friese: „Kinder sind im Wasser, planschen, und werden dann von einem vorbeifahrenden Schiff mitgezogen oder dadurch, dass sich die Strömung ändert.“

Gerade größere Schiffe sorgen für besondere Tücken. „Der Wasserstand fällt, wenn ein Schiff vorbeifährt. Wenn ein Kind im Wasser spielt geht es dem fallenden Wasserstand hinterher – zum Beispiel, weil Mama gesagt hat: ,Nur bis zu den Knien darfst du rein.‘ Und wenn das Schiff weg ist, ist das Kind bis zum Hals im Wasser.“

Er appelliert dringend, nicht im Rhein zu schwimmen und Kinder niemals auch nur am Wasser spielen zu lassen. „Ein Kind kann das nicht einschätzen“, sagt er. Und Erwachsene können es oft genug auch nicht.

Die Bootsbesatzung der Dinslakener DLRG blieb nach dem Einsatz noch lange in dem Bereich der Unglücksstelle. „Wir haben den Auftrag der Wasserschutzpolizei bekommen, die Situation im Blick zu halten, weil da einfach zig Leute im Wasser waren und man befürchtete, dass so was schnell noch mal passiert“, sagt Fabian Friese. „Wir haben auch Aufklärungsarbeit betrieben, haben Leute angesprochen.“ Aber die Einsicht sei, sofern überhaupt geweckt, nur von kurzer Dauer gewesen. „Sobald wir mit dem Boot vorbei waren, sind die Leute wieder ins Wasser gegangen. Obwohl sie mitgekriegt haben, was da gerade passiert war.“