1. NRW
  2. Panorama

NRW-Schulaufgabe im Philopsophieunterricht löst Empörung aus

„Türkischer Familienvater verheiratet Tochter“ : Türkische Elternvereine empört über Schulaufgabe eines Gymnasiums

Eine Aufgabe im Philosophieunterricht an einem Gymnasium in NRW hat große Empörung ausgelöst. Die Schule zeigt sich erschrocken über die Anfeindungen in den sozialen Netzwerken.

 Der Philosophieunterricht an einem Gymnasium in Siegburg steht im Zentrum eines Shitstorms in den sozialen Netzwerken. Die Schüler bekamen folgende Aufgabe gestellt: „Ein türkischer Familienvater in Deutschland verheiratet seine Tochter ohne deren Einverständnis mit dem Sohn seines Bruders, um diesem eine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland und damit eine Existenz zu sichern. Besprich die Situation mit deiner/m Tischnachbarin/Tischnachbarn. Welche Konflikte seht ihr darin?“

Ein Rechtsanwalt aus Solingen griff das Thema auf Twitter auf und schrieb dazu: „Rassismus ist längst im Bildungssystem angekommen.“ Die Aufgabe war für die Oberstufe des Gymnasiums Siegburg Alleestraße bestimmt. „Wir wurden durch das Posting auf die Aufgabe aufmerksam und waren entsetzt“, sagt Ali Sak, Vize-Landesvorsitzender der Föderation Türkischer Elternvereine in NRW, am Sonntag unserer Redaktion. „Vor allem der Nebensatz ist fatal“, sagt er. „Die Tochter wird also nicht nur ohne ihr Einverständnis verheiratet, der Neffe wird auch noch als ein Schmarotzer dargestellt, der sich gesellschaftliche Vorteile erschleicht.“ Diese Art der Unterrichtsgestaltung bediene schlimmste Klischees, das Vokabular sei das rechtsextremer Populisten, wie Sak sagt.

  • Schülerinnen und Schüler wurden zwei Tage
    Gleichaltrige mit der Geschichte vertraut machen : Jugendliche zu „Peer Guides“ ausgebildet
  • Viele Wochen lang arbeiteten die Schüler
    Im Erkelenzer Land : Schüler setzen sich für Vielfalt ein
  • Gymnasium in Duisburg.
    Diskriminierung in Schulmaterial : Duisburger Schüler sollten Märchen auf „Kanakisch“ bearbeiten

In einem offenen Brief hat sich der Verein am Donnerstag an NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) gewandt. „Leider waren nicht nur wir, sondern auch viele türkischstämmige Eltern aus NRW und anderen Bundesländern fassungslos über eine extrem vorurteilsbehaftete Aufgabenstellung“, heißt es darin.

Das Gymnasium hat inzwischen mit einem Elternbrief und einer Stellungnahme reagiert. „Heute fegte ein Shitstorm über unsere Schule, der uns sehr getroffen hat“, heißt es darin. „Uns wurde Rassismus und Diskriminierung vorgeworfen.“ Die Schulleitung erklärt, dass die Schülerinnen und Schüler sich bei der Aufgabe mit Vorurteilen und Stigmatisierung auseinandersetzen sollten. „Dabei konnte der Eindruck entstehen, hier würden Stereotypen bewusst gegen eine Minderheit eingesetzt. Dies ist nicht der Fall, und es wird auch niemals der Fall sein“, heißt es in der Stellungnahme.  Man entschuldige sich dennoch bei allen, „die sich dadurch verletzt fühlen könnten“. Das Gymnasium sei seit 20 Jahren Mitglied der Initiative „Schule ohne Rassismus“, die Schule sei eine offene, tolerante und internationale Einrichtung.

„Türkischer Familienvater verheiratet Tochter“: Schulaufgabe eines Siegburger Gymnasiums sorgt für Entrüstung

Ali Sak hat die Entschuldigung zur Kenntnis genommen, er hätte aber mehr erwartet, nämlich eine „klare Distanzierung der Schulleitung von der Aufgabenstellung“, wie er sagt. Das Schulministerium hat noch nicht auf den offenen Brief reagiert. Die Bezirksregierung Köln teilt auf Anfrage mit, dass die Schule die „unbegründeten Vorwürfe“ sehr ernst nehme. „Die Schulleiterin hat in einer Sitzung des Schulausschusses der Stadt Siegburg über die Geschehnisse ausführlich Bericht erstattet“, sagt ein Sprecher der Bezirksregierung. Zudem habe sie unter anderem den Vorstand der Islamischen Gemeinde Siegburg zu einem klärenden Gespräch eingeladen.

Hintergrund der Aufgabe war nach Angaben der Bezirksregierung das Thema: „Eine Ethik für alle Kulturen? – Problemeröffnung im Spannungsfeld zwischen Kulturrelativismus und Universalismus“. Ziel der Stunde war demnach, dass die Schüler ihre Sach- und Methodenkompetenz erweitern. Sie sollten herausarbeiten, ob Traditionen aus verschiedenen Kulturen beurteilbar sind, wie es heißt. Die Aufgabenstellung stammt nach Angaben der Bezirksregierung aus dem in NRW zugelassenen Schulbuch „Zugänge zur Philosophie. Einführungsphase“.  Weitere Fälle in dem Buch sind dort unter Themen wie „Beschneidungen“ und „Nach der Operation wirst du hübscher“ zu finden.

„Neben der Schule, bedauern auch wir, dass ein im Unterricht verwendetes Material ohne jeglichen Kontext und vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen den Weg in die sozialen Netzwerke gefunden hat“, sagt der Sprecher. „Geht es doch eindeutig hierbei eben nicht um Vorverurteilungen und das Schüren von Ressentiments, sondern – ganz im Gegenteil – die Entwicklung eines kultursensiblen eigenen Sach- und Werturteils im Horizont philosophischer Ansätze.“

In diesem Kontext habe die Lehrkraft auch mehrfach darauf hingewiesen, dass in dieser Unterrichtsreihe kein „Kulturen- oder Religionenbashing“ betrieben werden solle, und auch nicht wurde, wie der Sprecher betont. Die Schule, insbesondere die betroffene Lehrkraft, seien sehr erschrocken über die „massiven Anfeindungen und haltlosen Unterstellungen“.

Ali Sak findet den Kontext, in dem Sätze wie in der Philosophie-Aufgabe eingebettet sind, völlig egal. „Es ändert nichts an der Tatsache, dass sie Vorurteile und Klischees untermauern“. Im offenen Brief heißt es: „Fakt ist, dass das verwendete Vokabular mehr als ausreicht, um entsprechende Reaktionen auszulösen.“