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Amsterdam rund ums IJ entdecken

Niederlande : Entdeckungen rund ums IJ

In Amsterdam spazieren die meisten Besucher vom Hauptbahnhof in die pulsierende Innenstadt. Doch die unbekannten Schätze der Metropole finden sie, wenn sie den Hinterausgang nehmen.

Die blau-weißen Fährboote bringen Fußgänger, Radfahrer und Familien mit Kinderwagen über das IJ. Es herrscht ein reges Treiben an den Terminals der schwimmenden, öffentlichen und kostenlosen Verkehrsmittel Amsterdams. Stimmengewirr, aber kein Lärm. Der Autoverkehr wird über Tunnel und Brücken geführt.

Das Gewässer IJ – ursprünglich ein Meeresarm der Zuiderzee – trennt die Amsterdamer Innenstadt von Amsterdam-Nord. Seit 1897 hat regelmäßiger Fährverkehr dort Tradition.

Ein Ziel ab dem Hauptbahnhof ist die NDSM-Werft, die Fahrtzeit beträgt etwa 15 Minuten. Früher lag dort auf einer Insel im IJ die größte Schiffswerft Europas, die Nederlandsche Scheepsbouw Maatschappij: Frachter, Tanker, stählerne Vergangenheit. 1984 wurde die Werft geschlossen, über 7000 Menschen verloren ihre Arbeit. Nach der Pleite lag das Gelände brach – bis Kunstateliers, Bars, Restaurants, Designer und Start-ups neues Leben brachten.

Heute drängt sich der Besuch der ehemaligen Werft unwiderstehlich auf. Mit Abwechslungsreichtum, alternativ-innovativer Atmosphäre, Milchshake-Cafés und monströsen Industriebauten – als Instagram-Kulisse, Inspiration und Hideaway inmitten der Großstadt.

Kunst ist allgegenwärtig auf dem Gelände der alten NDSM-Werft, wo sich dieser Tage Ausflügler, Touristen und Künstler aus der Szene tummeln. Foto: dpa-tmn/Larissa Loges

Wenige Schritte vom Anleger entfernt lockt in und um die IJ-Hallen der größte Flohmarkt Europas mit Alltäglichem und Kuriosem: Dort gibt es gebrauchte Kleidung und Möbel, verblichene Rettungsringe und ausgestopfte Kuhköpfe. Fünf Euro Eintritt zahlt man für ein Konvolut aus mehr als 500 Trödel- und Poffertjes-Ständen. Hier findet man, was man sucht. Und was man nicht sucht.

Stunden lassen sich so verbringen. Schnäppchenjäger müssen sich zum Weiterschlendern über das Werftareal zwingen. An einer Straßenecke lächelt Anne Frank von einer meterhohen Fassade, 240 Quadratmeter Bild, gemalt vom Graffitikünstler Eduardo Kobra mit 35 Litern Farbe. Eine Botschaft der Hoffnung, von Widerstand und Courage.

Die vielen Mauern des Werftgeländes, vor allem die Klinkersteinwände der Werfthallen sind längst Leinwände für Dosenkunst aus aller Welt geworden. Das Street Art Museum Amsterdam (SAMA) macht spezielle Stücke mittels eines Rundwegs erlebbar – 300 Kunstwerke in einer wachsenden Open-Air-Kollektion. Mit großen Namen, wie Stinkfish oder Bastardilla.

Nicht weit weg liegt eine weitere Attraktion: ein Hotelschiff. Wer hier übernachtet, schaut durch das Bullauge auf ein ausrangiertes, gemächlich rostendes, sowjetisches U-Boot voller Graffiti.

Morgens geht es vom Schiff aufs Schiff. Ab der Marina Amsterdam IJburg fährt ein historisches Transportschiff über das IJmeer zum Fort-Eiland Pampus. In der kleinen Bordbar stehen Kakao, Kaffee und Co. auf der Karte. Wer sich eingedeckt hat, klettert ein Treppchen zu den Plätzen unter Deck hinab. Es nieselt, keiner mag raus.

Aussteigen am kleinen Anleger. Ruhig ist es, wo früher weit über 200 Mann Besatzung stationiert waren. Pampus ist Teil eines Verteidigungsrings, der „Stellung von Amsterdam“: Befestigungsanlagen, Deiche, Schleusen, Wassergräben, Wehre. Das Umland konnte geflutet werden, um Feinde abzuwehren. Die erhaltenen Bauwerke der Stellung sind Weltkulturerbe der Unesco.

Eine 3-D-Animation in den Pampusgewölben lässt einen im Heißluftballon über Amsterdam schweben und erklärt kurzweilig die Technik der Stellung sowie Details des Forts. Die Festung lässt sich allein erkunden oder als Teil einer Führung. Die Insel ist rund 200 Meter lang und etwa 160 Meter breit. Zweieinhalb Stunden Aufenthalt, bis einen der Skipper am Hafen wieder abholt, sind schnell verbracht.

Zurück aus IJburg am Binnen-IJ wartet gegenüber des Hauptbahnhofs ein echter Nervenkitzel bei der Fährstation Buiksloterweg. Hier steht Europas höchste Schaukel, „Over the Edge“ (über den Rand). Rot leuchtend ragt die Hydraulik-Konstruktion in 100 Metern Höhe auf dem Dach eines Hochhauses hervor. Dort befindet sich auch die Aussichtsplattform A‘dam Lookout.

Einatmen, einsteigen, ausatmen, den Sicherheitsbügel schließen und die Augen vielleicht auch. Denn wenig später schaukelt man nun einmal „über den Rand“ des Wolkenkratzers. Schreie schallen Richtung Abendsonne. Wer die Augen öffnet, wird belohnt: Fluss, Fähren, Stadt und Umland – eine Miniaturlandschaft, einfach nur schön.

Wieder auf sicherem Boden, kann man von Amsterdam Nord aus eine hübsche Radtour über das Dorf Durgerdam nach Randsdorp entlang der Wasserstraße starten. Vom Binnen-IJ zum Außen-IJ (Buiten-IJ) wird es schnell grüner. Kühe zur Linken, Kräne zur Rechten. Ein Café an einer Schleuse erzeugt das typische Landpartie-Gefühl.

Das Wasser ist immer präsent. Enten, Wasservögel und Bootsmasten, die in den blauen Himmel ragen – es riecht nach Meer. Nach wenigen Kilometern scheint die Großstadt verschwunden zu sein. Hier ein Sprossenfenster, da eine Veranda, Bänke glänzen lackiert neben bunten Haustüren.

Das Fahrrad bringt einen zügig zurück nach Amsterdam Nord. Noch einmal eine Fähre nutzen, noch einmal das IJ queren. Und mit einem ganz neuen Amsterdam im Herzen abreisen.

Informationen:
www.iamsterdam.com/de

(dpa)