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Auf den Spuren von Räuber Kneißl

München : Bayerns Robin Hood mit dem Rad verfolgen

Das tragisch-komische Leben des legendären Räubers Kneißl steht im Mittelpunkt eines neuen Themen-Radwegs im Westen von München. Hier piesackte Mathias Kneißl um 1900 herum als Klein-Krimineller die Obrigkeit und wird bis heute als Volksheld verehrt.

„De Woch fangt scho guat o“ – buchstäblich mit Galgenhumor, so heißt es, soll Mathias Kneißl auf die Verkündung seines Todesurteils reagiert haben. 1902 wurde der damals 26-Jährige in Augsburg hingerichtet. Zuvor hatte er jahrelang mit Diebstahl und Wilderei den Lebensunterhalt seiner Eltern und Geschwister aufgebessert, die aus ärmlichen Verhältnissen stammten. Seiner Festnahme entzog sich der gewitzte junge Mann unzählige Male durch abenteuerliche Flucht, was ihm bereits zu Lebzeiten Kultstatus einbrachte. Er nutzte übrigens immer wieder sein Fahrrad als Fluchtfahrzeug.

Um zu verstehen, wie aus einem Kriminellen ein Volksheld werden konnte, muss man wissen, dass Polizei und Obrigkeit den meisten einfachen Menschen zum Ende des 19. Jahrhunderts zuwider waren. Denen gefiel es, dass der Räuber Kneißl die als „Preußen“ verschrienen Gesetzeshüter immer wieder zum Narren hielt. Beliebt war er aber auch, weil er Not leidenden Freunden und Nachbarn Diebesgut aus seinen Beutezügen zusteckte. In Bayern gilt er daher vielen bis heute als „bayerischer Robin Hood“.

Nachdem er auf der Flucht vor der Polizei einen Beamten mit seiner Drillingsbüchse – versehentlich, wie er immer beteuerte – tödlich getroffen hatte, war sein Schicksal besiegelt. Ein Schicksal, das teils komisch, teils tragisch, in jedem Fall aber so dramatisch war, dass es in den Jahrzehnten nach seinem Tod  viele Schriftsteller, Künstler, Liedermacher und auch Drehbuchschreiber immer wieder beschäftigte. Die jüngste Verfilmung „Räuber Kneißl“ mit Tatort-Star Maximilian Brückner in der Hauptrolle stammt aus dem Jahr 2008.

Seit diesem Sommer kann man in der Region, in der Mathias Kneißl geboren wurde, aufwuchs und bis zu seinem Tod lebte, mit dem Drahtesel auf Spurensuche gehen. Fünf Jahre lang hat die sogenannte WestAllianz München, ein Zusammenschluss aus sieben Kommunen westlich von München, an dem Projekt „Räuber-Kneißl-Radweg“ gearbeitet. Dabei war es den Verantwortlichen wichtig, dass die Taten von Mathias Kneißl nicht verherrlicht werden. „Wir wollen vielmehr kritisch hinterfragen, wie es möglich ist, dass ein junger Mensch so auf die schiefe Bahn gerät“, betont Johannes Kneidl, der Bürgermeister von Sulzemoos, jener Gemeinde, in der Mathias Kneißl seine Kindheit verbrachte.

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Herausgekommen ist eine rund 110 Kilometer lange Strecke, die nicht nur landschaftlich abwechslungsreich und vielseitig ist, sondern auch zu vielen Attraktionen des Münchner Westens führt – darunter zahlreiche bayerisch-barocke Kirchen und einige historische Kleinode wie die im Jugendstil errichtete Russenbrücke in Gröbenzell, das märchenhafte Schloss Allach am Würmkanal oder die Furthmühle aus dem 12. Jahrhundert bei Pfaffenhofen an der Glonn. Der Radweg ist aufgeteilt in vier separate Rundtouren, von denen keine Etappe länger als 30 Kilometer ist. Jede einzelne kann also auch von Familien mit Kindern oder von Senioren gut bewältigt werden.

Entlang der Wegstrecke gibt es neun Rastplätze, die mit Bänken, Infotafeln und Fahrrad-Servicestationen ausgestattet sind. Für Pedelec-Fahrer stehen außerdem fünf E-Bike-Ladestationen zur Verfügung. Touristisch ist die Region weitgehend unberührt, eine ländliche Idylle, was angesichts der Nähe zur bayerischen Metropole München überrascht (vom Münchner Marienplatz bis Sulzemoos sind es Luftlinie gerade mal 30 Kilometer). Hier grasen noch glückliche Kühe auf saftig grünen Wiesen. Oder man radelt kilometerlang an goldgelben Kornfeldern entlang, an deren Rändern roter Klatschmohn blüht. Verschiedene Aussichtspunkte geben immer wieder den Blick auf die Alpenkette frei. Bei Föhn wirken die Berge zum Greifen nah. Höhepunkte entlang der Etappen 1 und 2 sind zweifellos die vielen Baggerseen. Wer im Sommer hierher kommt, sollte also eine Picknickdecke und Badesachen in der Satteltasche haben.

Der Einstieg in die verschiedenen Etappen ist an vielen Orten möglich. Wer mit dem Zug über München anreist, erreicht die Orte Maisach, Gröbenzell oder Karlsfeld bequem mit der S-Bahn. Es gibt außerdem 16 Parkplätze sowie zwei Campingplätze entlang der Strecke. Wer sich zunächst einmal mit der Person und dem Leben des „bayerischen Robin Hood“ auseinandersetzen möchte, der sollte am besten in Sulzemoos starten (Etappe 4/27,3 Kilometer). Denn in der Gemeinde, deren Erscheinungsbild von einer pittoresken Schlossanlage und dem schlanken, 42 Meter hohen Zwiebelturm der Pfarrkirche geprägt wird, liegt die sogenannte „Räuber-Kneißl-Museumshütte“.

Die Exponate stehen unter dem Motto „Kindheit und Jugend – Vorverurteilung und Chancenlosigkeit“. Das Konzept dafür hat die Kulturwissenschaftlerin Dr. Annegret Braun erarbeitet: alte Schulbänke, Schiefertafel, Griffel sollen großen und kleinen Besuchern ein Gefühl dafür vermitteln, was es hieß, in der oft gar nicht so „guten alten Zeit“ zur Schule zu gehen. An einer Hörstation können Texte aus Original-Quellen abgehört werden, etwa Zitate der Gendarmen, die den kleinen Mathias wegen Schulschwänzens zu Hause abgeholt haben.

Auch zehn Kilometer weiter südlich, in Maisach (Etappe 3/23,3 Kilometer), geht eine Ausstellung der Frage nach, wer Mathias Kneißl wirklich war: ein Opfer seines sozialen Umfeldes und der Justiz? Mit viel Herzblut hat der Inhaber der lokalen Brauerei, Michael Schweinberger, Dokumente, Fotografien, historische sowie zum Teil authentische Exponate zusammengetragen, die mit Mathias Kneißl in Verbindung stehen – darunter ein „Fluchtfahrrad“ und eine alte Ziehharmonika. Der Räuber, so erzählt man sich zumindest, spielte gerne und gut zum Tanz. Zu sehen ist die Dauerausstellung im Rahmen einer Brauereiführung oder auf Anfrage beim Wirt des Bräustüberls. Dieser serviert hungrigen und durstigen Radlern anschließend gerne auch eine „Henkersmahlzeit“ sowie ein süffiges Räuber-Kneißl-Bier. Na dann, Prost!

Die Recherche wurde von der WestAllianz München unterstützt.