Premiere auf der Zeche: Ruhrtriennale: Die Tochter und der israelische Soldat

Premiere auf der Zeche : Ruhrtriennale: Die Tochter und der israelische Soldat

Bei der Ruhrtriennale ist jetzt „Needcompany“ in Gladbeck zu sehen.

Das neue Stück der belgischen Needcompany, „All the good“, das jetzt bei der Ruhrtriennale in der Gladbecker Zeche Zweckel zur Uraufführung kam, offenbart ein Dilemma, in dem die hiesige Kunstwelt gerade steckt. In der aktuellen Debatte geht es darum, die Vormachtstellung (alter) weißer Männer zu brechen, in Kulturinstitutionen zu neuen Repräsentationsformen zu gelangen, indem auch Leitungsebenen nicht vorrangig mit ebendiesen besetzt werden. Das Schauspielhaus Bochum mischt sich zum Beispiel besonders laut in diese Diskurse ein, in Intendanz und Chefdramaturgie sitzen allerdings trotzdem weiße Männer fest im Sattel.

Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp hatte nun ankündigte, dass es in der aktuellen Saison um europäische Selbstkritik gehen und insbesondere in der zentralen Arbeit der Needcompany ihr Leiter Jan Lauwers selbstkritisch seine Position überprüfen werde. Das tut er auch – allerdings an wichtigen Schaltstellen im autobiographisch gefärbten Stück derart überpräsent, dass der Eindruck entstehen kann, die Needcompany sei ein von einem alten Patriarchen geleitetes Theaterkollektiv, das eine ganze Inszenierung lang den Schmerz seines Bedeutungsverlusts und seiner zunehmenden Orientierungslosigkeit in einem komplexen Weltgefüge durchexerzieren und mittragen muss.

Jan Lauwers gibt es an diesem Abend sogar in doppelter Ausführung: Das Original streicht als Gott-Regisseur (der auch noch Autor und Bühnenbildner ist) um die Performance herum und lässt sich auf der Bühne von Benoit Gob vertreten, der oft mit enormer physischer Präsenz und markigen Worten vom Scheitern seines Buchprojekts über das Töten erzählt.

Auf der Bühne scheint sich die Needcompany tatsächlich selbst zu spielen. Lauwers hat der gemeinsamen Tochter mit Performerin Grace Ellen Barkey, Romy, eine Affäre mit dem ehemaligen israelischen Soldaten Elik Niv auf den Leib geschrieben. Nachdem das Publikum lange einem wenig konsistenten Treiben folgt, das lose um die Frage kreist: „Was geschieht, wenn die Kunst nicht in das Leben, sondern das Leben in die Kunst eindringt?“, nachdem die Performer sich und ihre Sexualität (auch ihre Geschlechtsorgane mit einer Videokamera) erforscht haben, dringt die Inszenierung zu einem Kern vor: Grace Ellen Barkey und Jan Lauwers wollen vom Liebhaber ihrer Tochter wissen: Wie konntest israelischer Soldat sein, wie konntest du töten?

Diese Auseinandersetzung, bei der Europäer gedanklich zwischen die Fronten des Israel-Palästina-Konflikts und ihre Moralvorstellungen an eine Grenze geraten, hätte man sich fokussierter, intensiver, ausführlicher gewünscht. Schließlich hat die Diskussion um Israelkritik von einer deutschen und europäischen Warte aus die Ruhrtriennale vergangenes Jahr ordentlich durchgeschüttelt und ihre Intendantin fast den Job gekostet.

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