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Musiktempel Krach in der Elbphilharmonie

Hamburg · Die Akustik im neuen Hamburger Konzertsaal ist von Anfang an umstritten. Jetzt hat sogar Startenor Jonas Kaufmann geschimpft.

 Große Entfernungen – auch zum Schallsegel unter der Decke – sind ungünstig für die Akustik der Elbphilharmonie.

Große Entfernungen – auch zum Schallsegel unter der Decke – sind ungünstig für die Akustik der Elbphilharmonie.

Foto: dpa/Christian Charisius

Musiker sind nur so gut wie der Raum, der um sie herum atmet. Das ist eine Weisheit, die sich im Konzertleben stets bewahrheitet. Große Orchester schwören auf den Wiener Musikvereinssaal oder das Amsterdamer Concertgebouw, auf den großen Saal in Luzern oder die Symphony Hall in Birmingham, auf die Berliner Philharmonie oder die Frankfurter Alte Oper. Das sind Säle mit Aura und Akustik gleichermaßen, sie bewahren Klang und spiegeln ihn weit, perspektivisch und doch originalgetreu zurück zum Künstler und zum Publikum. In diesen Häusern sind alle froh, und Konzerte werden zum Genuss.

In der Hamburger Elbphilharmonie kam es jetzt zum Eklat. Der weltberühmte Tenor Jonas Kaufmann sang mit dem Sinfonieorchester Basel Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, und offenbar kam es bereits während des Konzertes zu peinigenden Publikums(ab)wanderungen, weil die Hörer hinter der Bühne vom Sänger, für den sie ja eigentlich gekommen waren, nichts oder nur wenig hörten. Im „Hamburger Abendblatt“ gab der Sänger daraufhin seinen Unmut zu Protokoll und bekundete, künftig nur noch in der Laeiszhalle singen zu wollen, die unter dem Namen „Hamburger Musikhalle“ bekannter ist.

Das ist ein Schock für Hamburg, doch in Wahrheit hat Kaufmann nur das ausgesprochen, was viele Fachleute längst wissen: Das Saal sieht toll aus, klingt aber allenfalls zweitklassig. Wie die Tageszeitung „Die Welt“ jetzt meldete, soll auch der italienische Stardirigent Riccardo Muti, der bei den Eröffnungsfeierlichkeiten 2017 mit seinem Chicago Symphony Orchestra aufgetreten war und seitdem nicht nach Hamburg zurückgekommen ist, über das edle Haus gemault haben: „Ein höchstens mittelguter Saal.“

Was ist da falsch gelaufen?

Eigentlich alles. Die Grundfläche der Elbphilharmonie ist wegen des Kaispeichers als Fundament recht gering, doch weil die Architekten weit mehr als 2000 Plätze unterbringen mussten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als in die Höhe zu bauen. Leider sitzen überall dort, wo der Schall Wände als Reflexionsfläche benötigt, Menschen in Weinberghängen – und diese Menschen tragen Pullover, Jacken, Wollschals, Hochsteckfrisuren und Toupets. Sie absorbieren Schall und stehen als Reflektor nicht zur Verfügung.

Der einzige relevante Reflektor befindet sich deutlich zu hoch im Saal der Elbphilharmonie: dieses Schallsegel in Form eines hängendes Ufos unter der Decke, zu dem der Primärschall von der tiefen Bühne aus eine sehr große Entfernung überwinden muss. Das kostet wertvolle Zeit, die verloren geht – jedenfalls für einen breit gestreuten Raumklang, der über mehrere Ecken geht, Schall bündelt und verteilt, weiterleitet, vereint.

Zugleich ist der Hörer im Hamburg leider auch offenohrig für Nebengeräusche: Wenn sich drei Reihen hinter einem Zuhörer ein anderer flüsternd bei seiner Nachbarin über Unzulänglichkeiten des Klangs beklagt, versteht man jedes Wort. Auch das Bonbonpapier aus den Blöcken gegenüber raschelt verwirrend durchs Haus. Die Wände, die es da und dort trotzdem gibt, sind mit Gips beschichtet, nicht aus Holz. Das verhindert Reflexion ebenfalls.

Die Akustik, von Designer Yasuhisa Toyota bis ins Unendliche berechnet, funktioniert dummerweise nach dem ästhetischen Prinzip, dass man alles, auch Mittelstimmen, so scharf hört, wie man in einer Vitrine Details sieht. Doch wenn ein Dirigent bei sinfonischem Wellengang die Streicher nicht mit heftigem Vibrato spielen lässt, wundert es nicht, dass sich das Blech nach vorn schiebt. Wenn die Pauke zu früh kommt, macht der Saal den Hörer zum Wettkampfrichter wie in einem Olympiastadion der Musik, in dem verrutschte Klänge wie nackte Fakten wirken, nicht wie die Magie der Unschärfe. Und wenn in moderner Musik jedes Instrument mit Hochdruck feuert, bildet sich ein Klumpen Klang, den der dünne Nachhall nur minimal birgt und veredelt.

Und dann fehlt es eben auch an Nachhall. Gewiss, die Berliner Philharmonie hallt fast ein bisschen sehr, aber der Saal hat Resonanz, weswegen Musiker auf dem Podium sich fast mütterlich von Klang umhüllt fühlen. Vor allem hören sich dort die Musiker untereinander sehr gut – ein Phänomen, das auch die umgebaute Düsseldorfer Tonhalle auszeichnet. Denn nur wenn die Geigen eines Orchesters die Violoncelli gut hören oder die Bratschen die Hörner, dann kann das Zusammenspiel wirklich exakt sein. Musiker sind darauf geeicht zu hören, wie ein Kollege eine Phrase formt – auf dass sie sich daran anschmiegen oder die Phrase selbst verlängern können. In der Elbphilharmonie funktioniert auch das nicht so gut. Sogar die vier Musiker eines Streichquartetts, so hört man, können einander deutlich schlechter hören als in anderen Sälen – weil eben der Reflektor so weit weg hängt.

Um zum Fall Kaufmann zurückzukommen: Natürlich strahlt die menschliche Stimme akustisch auch ein wenig nach hinten und zur Seite ab, aber das Gros des Klangs geht nach vorn. Die Elbphilharmonie hat nun aber relativ viele Plätze seitlich des Podiums und dahinter, dieses Problem wird ebenfalls bestehen bleiben. Wie die Intendanz mitteilt, will man bei Gesangskonzerten einen alternativen Saalplan verwenden.

Man hat das alles vorher wissen können. Aber die Hamburger wollten diese Form der hängenden Gärten der Weinberge, und jetzt haben sie es schriftlich, dass Musik dort schlecht zu ernten ist.