Interview mit Dirigent Axel Kober in Wien

Interview : „Eine Sanierung scheidet für mich aus“

Axel Kober, Generalmusikdirektor der Rheinoper, ist in Wien stark gefragt. Ein Gespräch über Opernhäuser – auch das in Düsseldorf.

Axel Kober, Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein, dirigiert derzeit an der Wiener Staatsoper den kompletten „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner. Morgen (20. Januar) ist Premiere von „Götterdämmerung“. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit dort.

Auf einer Skala von eins bis zehn, lieber Herr Kober: Wie gut kennen Sie Wagners „Ring“?

Kober Ich würde sagen: sieben.

Und wo rangiert auf dieser Skala das Orchester der Wiener Staatsoper?

Kober Bei neun.

Obwohl an manchen Abenden Musiker dabei sind, die das Stück noch gar nicht so oft gespielt haben oder sogar ohne Probe in den Orchestergraben kommen?

Kober Deswegen neun.

Es gibt ja Dirigenten, die solche Situationen gar nicht so abwegig finden und sogar lieben: einfach reinspringen in die Aufführung, ohne Probe.

Kober Also ich finde das toll, es macht wahnsinnig Spaß. Man weiß ja gar nicht, was wirklich passiert, man ist sehr offen und sehr sensibel für das Gegenüber. So ein Apparat bietet natürlich auch etwas an. Und das dann gemeinsam zu formen, das ist eine Riesenherausforderung.

Sie haben hier in Wien vor zwei Jahren mit „Hänsel und Gretel“ debütiert. Wie kam der Kontakt mit Ihnen zustande?

Kober Die Wahrheit ist, dass die Staatsoper „Hänsel“ sehr lange nicht gespielt hat, das Stück lief nämlich immer an der Volksoper. Dann hat es sich Kollege Christian Thielemann für die Staatsoper gewünscht, und dann haben sie es angesetzt.

Und Sie haben die Produktion von ihm übernommen, wie Sie schon 2014 von Thielemann den „Tannhäuser“ in Bayreuth übernommen haben?

Kober Genauso war es. Dieser „Hänsel“ war hier also eine sehr hoch angesetzte Produktion, und wenn man dafür gefragt wird, ist es natürlich eine besondere Ehre.

Könnte man sagen, dass die Wiener Staatsoper Sie mit „Hänsel“ für den „Ring“ getestet hat?

Kober Könnte so sein.

Ist es ein Vorteil, dass Sie noch vor einem Monat, also im Dezember, das Staatsopernorchester mit diesem „Hänsel“ ein Werk dirigiert haben, das Wagners Klangwelt gar nicht so fern steht?

Kober Es war tatsächlich ein Riesenvorteil. Ich konnte hier in Wien mittlerweile viele Musiker kennenlernen, habe gemerkt, wie sie reagieren, wie sie atmen und wie ich mich auf sie einzustellen habe.

Haben Sie schon persönlichen Kontakt mit den Orchestermusikern gehabt?

Kober Mit manchen schon, etwa auf dem Gang oder wenn sie zu mir ins Dirigentenzimmer kommen. Das ist dann immer sehr nett. Ich spüre es ja auch an den Blicken während der Vorstellung, dass es gut harmoniert.

Wie ist das, wenn man an einem besonderen Ort wie Wien eine solche Woge der Zustimmung erlebt? Einige Wiener Musikkritiker waren nach Ihren Aufführungen teilweise geradezu euphorisch. Kennt man so nicht von diesen Kollegen.

Kober Das ist wirklich sehr, sehr schön, es freut einen als Musiker ganz tief innen.

Wenn Sie nun also dauernd in Wien zu Gast sind: Wie ist es für Sie rein klanglich und akustisch, in einem Haus wie der dortigen Staatsoper zu musizieren?

Kober Die Verhältnisse sind ja ideal. Das Haus klingt fantastisch.

Worin liegt der Unterschied zum Düsseldorfer Opernhaus?

Kober Der Raumklang ist ganz anders. Der Raum in Wien hat einen natürlichen Nachhall, er klingt weich und ausgewogen, erzeugt aber trotzdem eine enorme Transparenz. Es ist nicht so ein Schwall, wie man ihn in Düsseldorf erlebt.

Was ist ungünstig in Düsseldorf?

Kober Das Opernhaus klingt ziemlich trocken, hart und scharf, es fehlt ihm an Nachhall, und es gibt verschiedene Echopunkte an unterschiedlichen Orten im Haus. Sitzt man im ersten Parkett, klingt es ganz anders als im zweiten Rang.

Worin liegt das Kernproblem?

Kober Das Bühnenportal in Düsseldorf ist sehr weit hinten. Die Sänger müssen also permanent forcieren, und das Orchester muss permanent leiser spielen. Auf Dauer ist das sehr unbefriedigend. Die Düsseldorfer Symphoniker sind ja ein wirklich hochrangiges Orchester, und sie würden viel besser klingen, wenn sie etwa in der Wiener Staatsoper spielen würden. Ein Orchester wächst immer mit dem Raum, in dem es spielt.

Welche Position haben Sie in der aktuellen Debatte in der Stadt zum Thema Sanierung oder Neubau?

Kober Eine Sanierung scheidet für mich in jeder Hinsicht aus. Sie würde ja auch andere Probleme, die einfach in der Begrenztheit der Grundfläche liegen, nicht lösen können. Es fehlen in Düsseldorf beispielsweise eine Hinterbühne und Seitenbühnen, etwa für schnelle Umbauten. Dazu kommen die akustischen Probleme.

Ein schöner Umstand ist, dass mittlerweile unsere beiden Düsseldorfer Orchesterchefs, nämlich Sie für die Rheinoper und Ádám Fischer für die Tonhalle, in Wien den „Ring“ dirigiert haben. Hat Fischer Ihnen Tipps gegeben?

Kober Nein, hat er nicht. Aber das Lustige war, dass wir uns im Dezember an der Staatsoper dauernd gesehen haben. Er hat mehrfach „Zauberflöte“ dirigiert, ich „Hänsel“. Und dann haben wir uns fast täglich auf dem Gang getroffen oder gemeinsam in der Kantine gesessen. Das ist ja ein sehr netter und kollegialer Austausch mit ihm, den ich seit langer Zeit pflege. Dieser Kontakt ist auch wichtig für Düsseldorf.

Fischer hat noch nie in der Rheinoper dirigiert. Eigentlich schade!

Kober Finde ich auch. Aber Ádám Fischer ist so eingespannt, dass es bisher einfach nicht geklappt hat.

Fischer gastiert derzeit mit den Symphonikern in Spanien und geht bald mit den Wiener Philharmonikern auf Tournee, nach Amsterdam, London, New York – und dann noch mit Werken von Mozart und Mahler. Das ist ja auch eine Ehre für Düsseldorf.

Kober Und wie! Es zeigt, was wir für einen wunderbaren und international anerkannten Dirigenten für Düsseldorf gewinnen konnten.

Ihre „Götterdämmerung“ ist für Sie in Wien mitnichten das Ende. Schon im Februar geht es dort weiter.

Kober Jawohl, es gibt „Arabella“ von Richard Strauss – und auch hierbei ist es für mich ein riesiger Vorteil, dass ich das Werk vor nicht allzu langer Zeit in der Rheinoper dirigiert habe. Jetzt kann ich meine eigenen Vorstellungen einbringen und gleichzeitig die Wiener Tradition erleben. Zum Beispiel wie dieses Orchester Wiener Walzer spielt: Und es wäre absolut nicht mein Stil, daran etwas verändern zu wollen.

Werden Sie auch in Zukunft Gastspiele in Wien geben?

Kober Bestimmt!

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