"Zero Dark Thirty": Verstörender Film über Bin Ladens Tod

"Zero Dark Thirty" : Verstörender Film über Bin Ladens Tod

Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow bringt die Jagd auf Osama bin Laden ins Kino - und sich damit ein weiteres Mal für die begehrte Film-Trophäe ins Gespräch. Ihr Film "Zero Dark Thirty" über das US-amerikanische Trauma ist ein intensives Meisterwerk geworden.

Dieser Film ist eine intellektuelle Herausforderung, der Zuschauer fragt sich stets aufs Neue, auf wessen Seite er steht, und manchmal mag er die eigene Entscheidung kaum fassen. Es geht in "Zero Dark Thirty" um die Ergreifung Osama Bin Ladens, über zehn Jahre erstreckt sich die Handlung, und in den ersten fünf der 157 Minuten Spieldauer bleibt die Leinwand schwarz.

Man hört Stimmen, es sind Telefonate, die am 11. September 2001 in New York geführt wurden, eines geht so: "Hi Mum, wir sind sicher. Wir befinden uns im zweiten Turm des World Trade Centers." Diese abstrakte und dennoch wirkungsvolle Sequenz ist gleichsam die Begründung für das Folgende, für den fanatischen Rachefeldzug der CIA-Agentin Maya (Jessica Chastain) gegen den Urheber des Terrors, gegen Osama Bin Laden.

Eiskalte Präzision

Kathryn Bigelow inszenierte die Geschichte, sie tat es mit der eiskalten Präsizion, die viele an "Hurt Locker" irritierte, jenem Film, für den die 61-Jährige 2010 als erste Frau den Regie-Oscar bekam. Bei "Hurt Locker" konnte man sich nicht sicher sein, ob das nun ein Anti-Kriegsfilm oder einfach ein Kriegsfilm war. "Zero Dark Thirty" ist noch hinterhältiger: Anti-Folterfilm oder Folterfilm?

Die Hauptfigur Maya wurde direkt von der Highschool für ihren Job abgeworben, nun steht sie in den jordanischen Folterkammern der Amerikaner; "black sites" werden sie genannt, dort praktizieren die Kollegen das Waterboarding. Maya muss lange zusehen, der Kinobesucher auch, es sind schwer zu ertragende Bilder — Maya härten sie ab. Bald wird sie mitmachen, sich mit der anderen Variante des Quälens auskennen, der Musikfolter.

Eine Reportage in Form eines Spielfilms

Bigelow arbeitete für diesen Film mit Drehbuchautor Mark Boal zusammen. Der war 2004 "embedded journalist" im Irakkrieg, dort will er Kontakte geknüpft haben, über die er Einblick in das Verfahren des Kriegs gegen den Terror erhielt. Die Macher bezeichnen ihre Produktion als "Reportage-Spielfilm", sie orientieren sich am New Journalism, an den Methoden von Autoren wie Tom Wolfe und Joan Didion also, die in den 60er Jahren Realität und Fiktion zu etwas aufsehenerregend Lesbarem verbanden. Die CIA-Agentin Maya soll es tatsächlich geben, die meisten anderen Fakten stimmen ebenfalls, versichert Boal. In den USA war der Aufschrei groß.

Die Filmemacher mussten der CIA den Mailverkehr mit ihren Informanten vorlegen, der Starttermin des Films wurde verschoben, weil man meinte, er könne als Wahlkampfhilfe für Obama wirken. Und gerade erst meldete sich der Philosoph Slavoj Zizek: Bigelows Film rede jenen Politikern das Wort, die Folter als "erweiterte Befragungstechnik" schönredeten, kritisierte er. Im Grunde helfe "Zero Dark Thirty", unsere moralischen Standards zu senken, so der erzürnte Zizek.

Genau das ist der Konflikt, den der gebannte Zuschauer im Kinosessel austrägt: Er findet keine Antwort auf die Fragen, was Bilder zeigen dürfen, die von der Wahrheit erzählen, und ob es in Ordnung ist, einem Film auf den Leim zu gehen, von dem man weiß, dass man ihm leicht auf den Leim gehen kann.

"Zero Dark Thirty" hält sich an die CIA-Version der Geschichte. Bigelow kommentiert an keiner Stelle, sie interessiert sich nicht für die Menschen in Pakistan. Ihre Coolness ist grausam, die Mittel sind effizient — man muss es erstmal schaffen, eine Geschichte, deren Ausgang bekannt ist, derartig spannend zu erzählen. Bigelow ist die Methodikerin des Thrillers. Sie zeigt Konferenzräume mit den Fotos bärtiger Gesichter an der Pinnwand, Flure in Washingtoner Regierungsgebäuden und vollverspiegelte SUVs in gefährlichen Straßen. Maya wandelt dort wie ein Gespenst herum, man erfährt nichts über die Privatperson, sie gab sich offenbar selbst auf für das große Ziel. Ihren einzigen Ausbruch hat sie gegen Ende vor einer Gruppe Navy-Seal-Soldaten: "Töten Sie ihn für mich", sagt sie. Man sympathisiert nicht mit der Frau, für die Folter eine Möglichkeit ist, an Wissen zu gelangen. Aber, tatsächlich: Man findet sie interessant.

Ein völlig neues Genre

Das ist ein neues Genre: der Krieg-gegen-den-Terror-Krimi. Die US-Serie "Homeland" ist ein Beispiel für dieses Phänomen. Deren Hauptfigur, die von Claire Danes gespielte CIA-Agentin Carrie, verbindet viel mit Maya aus "Zero Dark Thirty". Aber Bigelows Film verzichtet im Gegensatz zu "Homeland" auf Subversivität und Emotion — das macht ihn so schwer zu greifen.

Die letzte halbe Stunde schließlich bietet Actionkino in Perfektion. Der Zuschauer hat dieselben Bilder vor sich, die Hillary Clinton und Präsident Obama in jener berühmten Szene vom 1. Mai 2011 im Situation Room des Weißen Hauses gesehen haben dürften: grünstichige Aufnahmen von Soldaten, die Osama Bin Laden in seinem Haus in Abbottabad töten.

"Zero Dark Thirty" ist mit dem Abspann nicht zu Ende. Zu diesem großartigen, gruseligen Film gehört auch, was einem lange danach im Kopf herum geht. Es dauert, bis man mit sich selbst ins Reine kommt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Szenenbilder aus "Zero Dark Thirty"

(RP/sap/csi/csr)
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