Filmkritik: Quentin Tarantino enttäuscht mit "Django"

Filmkritik : Quentin Tarantino enttäuscht mit "Django"

Mit viel Spannung war der neue Blockbuster von Quentin Tarantino erwartet worden. Nächste Woche nun startet "Django Unchained" in den deutschen Kinos. Sind die Vorschusslorbeeren gerechtfertigt?

Das Kino des Quentin Tarantino lebt von der Übertreibung und vom Grenzübertritt, es ist von allem ein bisschen zu viel darin, aus Prinzip "too much". Killer, die eigentlich nur killen sollen, reden stundenlang über Hamburger und Viertelpfünder, und wenn sie endlich killen, erschrickt der Zuschauer, denn er hat bei all dem Filibustern vergessen, dass er es mit Killern zu tun hat.

Die ins Absurde gesteigerte Gewalt und die gedehnte Zeit bis zu ihrem Ausbruch sind die Markenzeichen des 49-Jährigen. Mit "Pulp Fiction" hat er sie 1994 in die erlesenen Kreise Hollywoods gebracht, er ist auf dem Olymp angekommen: Die Tanzszene mit John Travolta und Uma Thurman gehört in jene Bilder-Schatzkammer des Weltkinos, in der auch Marilyn Monroe ihr Kleid über dem Lüftungsschacht flattern lässt.

Das Auffällige an Quentin Tarantinos folgenden Filmen ist nun, dass ihr Regisseur offenbar noch immer nicht fassen kann, dass er dazugehört. Nahezu jede neue Produktion war ein handwerklicher Fortschritt, geradezu genial geriet vor vier Jahren "Inglourious Basterds", wo Tarantino alle Konventionen, die das Thema Nazis im Film umgeben, in die Luft sprengte. Man sehe sich noch einmal die Eröffnungsszene an, in der Christoph Waltz als SS-Mann Hans Landa in ein französisches Haus kommt, dessen Besitzer Juden versteckt.

Die Spannung wird schier unerträglich, wenn Waltz ein Glas Milch serviert bekommt, und er die Kühe mit einem "Bravo" für ihre Leistung lobt und schließlich eine Sherlock-Holmes-Pfeife auspackt. Aufbau und Auflösung der Szene stammen von einem grandiosen Regisseur, "Bravo" und Pfeife sind die typischen Quentin-Tarantino-Merkmale.

Tarantino dekonstruiert in seinen Arbeiten bewusst das eigene Können, das Arriviertsein. Er bringt Filme in zwei Lieferungen ins Kino wie im Fall von "Kill Bill", und er tut sich mit Freunden wie Robert Rodriguez zusammen, um Produktionen als Kumpel-Doppelpack herauszubringen wie bei "Death Proof" und "Planet Terror". Vielleicht kann man es so sagen: Der Gymnasiast sehnt sich nach dem Kindergarten zurück. Bisher hielten die Geschichten das aus, "Inglourious Basterds" darf als Tarantinos Meisterwerk gelten, der Oscar für Christoph Waltz galt dem gesamten Unternehmen.

Widerspruch zwischen Meisterschaft und Koketterie

In der nächsten Woche startet Tarantinos Nachfolgewerk, es heißt "Django Unchained", und nun wird der Widerspruch zwischen Meisterschaft und Koketterie augenfällig. Der Film erzählt die Geschichte eines Sklaven im alten Amerika. Er wird von einem fahrenden Zahnarzt befreit, der aus Düsseldorf stammt. Gemeinsam machen sich die beiden auf die Suche nach der Ehefrau des Sklaven, ihr Name ist Brünhilde. Jamie Foxx und Christoph Waltz spielen die Hauptrollen, und Waltz zuzusehen, ist wieder mal eine Freude. Er gibt einen dieser Typen, die er überhaupt erst in die Gedankenwelt Hollywoods eingebracht zu haben scheint: intelligent bis zum Wahnsinn, verbindliches Auftreten bis zum Erreichen des Kipp-Punkts, dann zügellos bis ins Letzte.

Die Bilder sind großartig, die Südstaaten leuchten, man meint die Hitze zu spüren. Tarantino nutzt jeden Zentimeter der Leinwand, er füllt den Raum bis zum Horizont. Und er kann seine Darsteller führen, was man am hervorragenden Auftritt Samuel L. Jacksons als Haussklave erkennt: Dieser sardonische Kerl ist das dunkle Zentrum des Films, er ist seinem weißen Herrn (Leonardo DiCaprio) bedingungslos ergeben, und weil er sich selbst dabei abhanden kommt, muss man ihn fürchten. Tarantino hebt an zu seiner Version von "Vom Winde verweht", im Grunde ist das sein zärtlichster Film bisher, es geht um Freundschaft und Liebe, aber er traut sich nicht, es dabei zu belassen. Also unterstreicht er die Zitate, betont die Anleihen beim Spaghetti-Western, bei Kollegen wie Sergio Corbucci und Filmen wie "Mandingo".

Die Provokationen wirken indes aufgesetzt, das in Zeitlupe aus gespalteten Schädeln schießende Blut, die Hirnflüssigkeit auf den Baumwollblüten. Man fragt sich, warum dieser Film 165 Minuten dauern muss und ob man sich wirklich erneut die Tarantino-üblichen Gaga-Dialoge anhören möchte. Die Kamera zoomt in Hochgeschwindigkeit auf erschrockene Gesichter, von Kugeln getroffene Figuren werden wie an Schnüren aus der Szene gerissen, und das Finale braucht den Vergleich mit dem berühmten Amoklauf Al Pacinos in "Scarface" nicht zu scheuen.

Der ganze Film wirkt, als fürchte sich Tarantino vor seinem Talent und davor, jener biografischen Episode entfremdet zu werden, in der er in Vorstadtkinos und als Mitarbeiter einer Videothek die Liebe zum Schund entdeckte. "Django Unchained" könnte ein umwerfender, ein bewegender Film sein, ein Märchen aus Amerika. Allein die Szene, in der Christoph Waltz in zwei Sprachen die Herkunft des Namens Brunhilde erklärt, ist große Kunst. Nur mochte der Regisseur nicht auf die Manierismen verzichten, auf den Rock-'n'-Roll-Slapstick der frühen Jahre. Die Überschreitung verkommt zur Pose. Tarantino ist viel zu gut, als dass er sie noch bräuchte. Vielleicht muss ihm das mal jemand sagen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Szenen aus "Django Unchained"

(RP/felt/csr)
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