1. Kultur

Evke Rulffes hat die Geschichte der Hausfrau aufgeschrieben

Warum Hausarbeit immer noch meistens Frauen machen : Das bisschen Haushalt

Die Hausfrau von heute vermisst meist den Respekt für ihre Arbeit. Dabei war die Hausmutter einst eine gesellschaftlich geachtete Führungsfigur. Zum Wandel beigetragen hat ausgerechnet die Romantik.

Es gibt einen ebenso kurzen wie brillanten Clip aus den USA, in dem ein Personaler einigen per Video zugeschalteten Bewerbern einen besonders anspruchsvollen Job erklärt. Er umschreibt ihn mit „Director Of Operation“, nennt ihn den vielleicht wichtigsten Beruf der Welt. Man müsse allerdings ständig auf den Beinen sein, häufig vornübergebeugt arbeiten, mindestens 135 Stunden an sieben Tagen in der Woche, regelmäßige Pausen seien nicht vorgesehen. „Ist das legal?“, fragt jemand irgendwann ungläubig dazwischen. Klar, sagt der Headhunter und legt noch einen drauf: Exzellentes Verhandlungsgeschick sei erforderlich, medizinische wie ökonomische Fachkenntnisse seien unabdingbar. Urlaub? Gibt’s nicht. Bezahlung? Null. „Unmenschlich, grausam“, lauten die entsetzten Kommentare, wer um alles in der Welt mache denn so etwas freiwillig? „Milliarden von Leuten“, antwortet der Personaler trocken: „Mütter“.

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Ja, das bisschen Haushalt, tönt es auch hierzulande noch immer ebenso ignorant wie arrogant, und meistens sind es Männer, die sich derart äußern. Weil sie die Dinge, die im Haus anfallen, erheblich seltener, aber keineswegs selten erst an der Schwelle der Verwahrlosung selbst in die Hand nehmen. Das Kümmern um Kinder, Küche und häuslichen Komfort, jene fordernde und dennoch weitgehend „unsichtbare“ Arbeit des Alltags, die erst dann auffällt, wenn sie nicht erledigt wird, leisten auch heute noch vorwiegend Frauen. Um dann als „nur Hausfrau“ wahrgenommen zu werden.

In der Pandemie und der damit verbundenen häuslichen Isolation ist das noch einmal überdeutlich hervorgetreten: So gaben 69 Prozent der Frauen in einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung Ende 2020 an, dass sie die Hausarbeit erledigen, während das unter den Männern elf Prozent von sich behaupteten. Dennoch waren 66 Prozent der männlichen Befragten der Ansicht, die Aufgaben der Kinderbetreuung und Hausarbeit seien gerecht aufgeteilt. Dieser Einschätzung stimmte allerdings nicht einmal die Hälfte der Frauen zu.

Woran liegt es aber, dass sich diese anachronistische Rollenverteilung so hartnäckig hält? Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes ist der Frage nachgegangen. Im Untertitel ihres gerade erschienenen Buches „Die Erfindung der Hausfrau“ klingt bereits an, wohin die Reise in den vergangenen Jahrhunderten gegangen ist: Es ist „Die Geschichte einer Entwertung“. War die Arbeit von Frauen im Haushalt vor 250 Jahren noch durchaus anerkannt, machte das Ideal der bürgerlichen Liebesheirat daraus eine Tätigkeit ohne Anspruch auf Gegenleistung.

Hausmutter, das ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Herrschaftsbegriff – weit entfernt vom despektierlichen „Hausmütterchen“ unserer Tage. Die überaus populären Alltagsratgeber jener Zeit beschreiben sie als Chefin an der Seite ihres Mannes in großen Landhaushalten. Die Ehe ist damals vor allem eine Zweckgemeinschaft. Nicht Liebe, sondern die Fähigkeit, sich nicht derart in die Quere zu kommen, dass die ökonomische Zusammenarbeit in Gefahr gerät, gilt Verheirateten als oberstes Gebot.

Also organisiert die Hausmutter die Arbeit des Personals, das bisweilen zahlreich daherkommt: Köchinnen, Ammen, Kindermädchen, Ochsenjungen, Gärtnerinnen, Kutscher, Hirten, Milchmägde, Knechte sind zu kontrollieren, zu versorgen und zu bezahlen. Die Hausmutter muss sich mit Feldbau, Tierkrankheiten und in der Hebammenkunst auskennen, ebenso mit Kindererziehung oder Buchführung. Und mit allerlei Tricks: „Eine kluge Hausmutter kann mit einer kleinen Dosis Brandtwein durch ihre Knechte große Dinge in der Geschwindigkeit ausrichten, und vielen guten Willen hervorbringen“, lautet etwa ein Rat in dem zwischen 1778 und 1781 erschienenen fünfbändigen Werk „Die Hausmutter in allen ihren Geschäfften“ des Brandenburger Landgeistlichen Christian Friedrich Germershausen, das einen faszinierend detaillierten Einblick in die Alltagsgeschäfte eines damaligen Großhaushaltes vermittelt.

Im Mittelalter waren Handwerkerzünfte noch wie selbstverständlich ausschließlich weiblich besetzt. In Köln etwa die Garnmacherinnen, Seidenweberinnen und Goldspinnerinnen. Im Frankfurt am Main des Jahres 1500 sind 65 Berufe reine Frauensache, zum Beispiel das Bierbrauen. Mit dem Wachstum der Städte aber werden viele Frauen aus den Zünften verdrängt. Trotzdem verfügen die meisten auch später über eine Berufsausbildung, mit deren Hilfe sie sich (zuweilen ist nur die Hälfte der Bevölkerung überhaupt verheiratet) oder die Familie finanzieren. Nur vereinzelt hören Frauen zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf zu arbeiten, sobald sie in den Stand der Ehe getreten sind. Und doch markiert das den Rollenwechsel von der Hausmutter zur Hausfrau.

Vor rund 200 Jahren entsteht mit dem allmählichen Anwachsen der bürgerlichen Schicht nämlich etwas Neues: das Private. Die Gesellschaft wird arbeitsteiliger, die Zahl der Bediensteten im Haus schrumpft. Damit einher geht eine deutlich stärkere gesellschaftliche Betonung der Rolle der Frau als Mutter. Nicht nur, dass der preußische Staat Wert darauf legt, dass Frauen ordentliche Staatsbürger produzieren. „Die Übernahme der häuslichen Arbeit wurde zunehmend mit der Liebe zu Ehemann und Kindern begründet und eingefordert. Dazu trug auch das bürgerliche Ideal der Liebesheirat bei, das mit der Aufklärung und Romantik populär wurde“, schreibt Evke Rulffes. Von da an bröckelt die selbstbewusste Position der Hausmutter.

Das liegt auch daran, dass eine Vielzahl von Dienstleistungen, die zuvor von einem Schwarm von Untergebenen gegen Bezahlung erledigt wurden, nun von der Hausfrau selbst ausgeführt werden müssen. Zwar gilt es als Zeichen bürgerlichen Wohlstands, dass die Ehefrau nicht arbeiten muss. Würde sie es öffentlich tun, wäre das Ansehen des Ehemanns sogar in Gefahr. Doch ist es mit dem Wohlstand in Wahrheit oftmals nicht weit her. Die vielen aufstrebenden Beamten, Juristen und Offiziere, die das 19. Jahrhundert hervorbringt, müssen ein wohlhabendes, standesgemäßes Privatleben häufig simulieren. „Der größte Gewinn in jeder Hauswirtschaft liegt unbedingt darin, möglichst wenig Leute zu behalten“, heißt es nun in den zeitgenössischen Ratgebern für die Frau.

Zugleich liest man etwa im Brockhaus von 1815: „Der Mann muss erwerben, das Weib sucht zu erhalten; der Mann mit Gewalt, das Weib mit Güte oder List. Jener gehört dem geräuschvollen öffentlichen Leben, dieses dem stillen häuslichen Cirkel. Der Mann arbeitet im Schweiße seines Angesichtes und bedarf erschöpft der tiefen Ruhe; das Weib ist geschäftig immerdar, in nimmer ruhender Betriebsamkeit. Der Mann stemmt sich dem Schicksal selbst entgegen, und trotzt schon zu Boden liegend noch der Gewalt; willig beugt das Weib sein Haupt und findet Trost und Hilfe noch in seinen Thränen.“

Es dem Ehemann daheim möglichst gemütlich zu machen, wenn er schon die Brötchen nach Hause bringt, wird als Idealbild bis weit in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vermittelt. Dabei hatten Frauen das öffentliche Leben aufrechterhalten und ihre Familien durchgebracht, während die Männer an sinnlosen Schlachten teilnahmen. Anschließend war rasch wieder alles beim Alten. Auch weil die Heiratsquote so hoch war wie nie wieder nach den 1950er-Jahren.

Noch immer galt seinerzeit die im Bürgerlichen Gesetzbuch von 1900 eingeführte „Hausfrauenehe“, welche die Frau zwar zur Führung des Haushaltes verpflichtet, ohne dass sie jedoch Entscheidungen treffen darf. Eigenes Konto, eigener Job – selbst für den Erwerb des Führerscheins war die Zustimmung des Ehemanns erforderlich. Eine Machtverschiebung, eine Entfremdung zwischen Partnern auch, die bis heute nachwirkt, obwohl die Hausfrauenehe 1977 schließlich abgeschafft wurde. Doch noch immer gibt es Hausfrauen, denen das Haushaltsgeld vom Ehemann zugeteilt wird.

Steile Karrieren als „Director Of Operation“ im wahrscheinlich wichtigsten Beruf der Welt lassen einstweilen auf sich warten. Aber die Arbeitswelt ändert sich gerade gewaltig. Die Wertschätzung für „das bisschen Haushalt“ vielleicht bald auch.