Düsseldorf: Kritik an Buch "Geschichte wird gemacht" über Punk und Ratinger Hof

Ex-Besitzerin des Ratinger Hofs in Düsseldorf : Carmen Knoebel findet Punk-Buch „doof“

Die frühere Inhaberin des Ratinger Hofs in Düsseldorf kritisiert in einem offenen Brief den neuen Foto-Band „Geschichte wird gemacht“.

Am Mittwochabend wird in der Kunsthalle das Buch „Geschichte wird gemacht“ vorgestellt. Die Herausgeber Xao Seffcheque und Edmund Labonté haben in dem Band Schwarz-Weiß-Bilder des Düsseldorfer Fotografen Richard Gleim versammelt. Sie dokumentieren den „deutschen Underground in den Achtzigern“, so der Untertitel des Buchs.

Den Schwerpunkt bilden dabei Düsseldorf und der Ratinger Hof. Dessen frühere Inhaberin Carmen Knoebel hat nun in einem offenen Brief ihren Unmut über die Veröffentlichung kundgetan. Geschichte werde darin „gebastelt“, schreibt sie.

Adressiert ist der Brief an Ralf Dörper und Jürgen Engler, beide waren Gäste im Ratinger Hof, beide sind Mitglieder der Band Die Krupps. Und beiden wirft Carmen Knoebel vor, an ihnen sei die in den 1970er Jahren „gelebte Punk-Noblesse spurlos vorbeigegangen“.

Hintergrund ist, dass der Anteil der Musikerin Eva-Maria Gößling und des verstorbenen Schlagzeugers Frank Köllges an der Arbeit von Die Krupps, vor allem an dem Werk „Stahlwerksinfonie“ aus dem Jahr 1981, von Dörper und Engler „unter den Tisch“ gekehrt werde, wie Knoebel meint. Sowohl im vorliegenden Band, als auch überhaupt: „Ist das kultivierte Komplizenschaft oder darf es sich einem altersbedingten Nachlassen eurer Hirnleistung zurechnen lassen?“

Eva-Maria Gößling gehörte zur Erstbesetzung in der langen Band-Historie von Die Krupps. Auf Anfrage sagte sie, sie habe die Idee zu einer Großstadtsinfonie in New York mit dem Künstler Jean-Michel Basquiat und dem Suicide-Musiker Alan Vega geboren.

Als sie in Düsseldorf Jürgen Engler davon berichtete, habe der vorgeschlagen, das Konzept auf Düsseldorf zu drehen – Titel: „Stahlwerksinfonie“. Gößling beklagt eine „kleingeistige Haltung“, die sie und Frank Köllges in der Geschichtsschreibung über diese Phase Düsseldorfer Musiktradition ausgrenze. Das sei kein ehrlicher Umgang miteinander.

Zufällig in der Stadt war gestern Jürgen Engler, der seinen Wohnsitz bereits vor langer Zeit nach Texas verlegt hat. Er reagierte am Telefon ungehalten auf die Vorwürfe. „Es gibt keine Verschwörung gegen Eva Gößling.“

Ihr Beitrag als Saxophonistin an der „Stahlwerksinfonie“ sei „cool“: „Ich will ihn nicht schmälern, aber mit der Ur-Idee hatte Eva nichts zu tun.“ Die stamme von ihm selbst und Bernward Malaka, ebenfalls früheres Mitglied von Die Krupps. „Ich war damals ihr Boyfriend, und ich habe Eva kurz vor zwölf gefragt, ob sie mitmachen will.“

Carmen Knoebel selbst erläuterte ihren Offenen Brief – übrigens kurz bevor sie ihren Übernachtungsgast Peter Hein, Sänger der Fehlfarben, empfing. Sie habe sich einfach mal Luft machen müssen, sagte sie. Und: „Ich finde das Buch doof.“ Es verärgere sie – gar nicht so sehr ihretwegen, sondern wegen der vielen anderen.

Einige Fehler habe sie gefunden, etwa Auftritte, die auf die 80er Jahre datiert seien, obwohl sie in den 70ern stattgefunden hätten. Außerdem stelle das Buch die Geschichte so dar, als sei der Underground in den 1980er Jahren aufgeblüht. Dabei sei das in Wirklichkeit in den 70er Jahren gewesen. Knoebel wirkt bei alledem sehr gelassen. „Eigentlich könnte ich schmunzeln“, sagte sie. Aber dass Die Krupps seit geraumer Zeit Eva-Maria Gößling verleugneten, störe sie.

In dem Buch „Geschichte wird gemacht“ gibt es mehrere Bilder der Krupps aus unterschiedlichen Band-Phasen. Eines zeigt Eva-Maria Gößling alleine mit ihrem Saxophon, ein anderes Jürgen Engler, Ralf Dörper und deren Jungs mit Stahlrohren in der Hand. Von den Herren sind indes mehrere Bilder zu sehen, jeweils vor oder mit wechselnden Gerätschaften. „Wenn jemand Bücher über Düsseldorf schreibt, in denen ich berechtigterweise vorkomme, habe ich keinen Einfluss darauf, welche Fotos er auswählt“, sagte Ralf Dörper dazu am Telefon.

Auch die Herausgeber des Bandes waren gestern Abend noch zu erreichen. Sie gaben dieses zu Protokoll: „An keiner Stelle war es unsere Intention, Verdienste einzelner Personen zu verschweigen oder bewusst kleinzureden. Wir haben versucht, mit der Bildauswahl den Geist der Zeit widerzuspiegeln und vor allem denen, die nicht dabei waren, einen Eindruck zu vermitteln, was damals abging. Wir sind nicht Teil einer Amigo-Connection und verwahren uns sehr eindringlich gegen jede Art von Verschwörungstheorie.“

Am Mittwochabend (20. März) wollen alle Beteiligten außer Jürgen Engler zur Buchvorstellung in die Kunsthalle kommen.

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