Umstrittener „King of Pop“: Wir werden Michael Jackson nicht los

Umstrittener „King of Pop“ : Wir werden Michael Jackson nicht los

Das Werk des einstigen „King of Pop“, der Kinder missbraucht haben soll, kann man nicht aus der Kultur der Gegenwart herausschneiden. Bleibt nur eines: Wir müssen uns dem künstlerischen Erbe dieses Mannes stellen.

Um zu verstehen, um was genau es hier geht, sollte man mit dem 31. Januar 1993 beginnen. Michael Jackson trat an diesem Tag in der Halbzeit des Super Bowl auf, und die Choreografie seiner Show sagt viel über den damaligen Status dieses Künstlers. Er ließ sich aus dem Bühnenboden des Rose Bowl in Pasadena schießen, und bevor er sein Lied „Jam“ aufführte, stand er erst einmal da, regungslos wie eine Statue.

Wenn man sich den Mitschnitt bei Youtube ansieht und die Zeit stoppt, kommt man auf beinahe zwei Minuten, in denen die Leute schreien, ausflippen und durchdrehen und Michael Jackson nichts tut. Er war auf dem Höhepunkt seines Ruhms, doch dieser Auftritt war zugleich der Scheitelpunkt seiner Karriere. Hinter ihm lag ein mächtiges Werk, vor ihm die radikale Veränderung seines Äußeren, juristische Auseinandersetzungen und der künstlerische Niedergang. Damals benutzte er die größte Bühne des Landes zur besten Sendezeit, um ein Monument seiner selbst aufzustellen. Das war frech, egozentrisch und anmaßend. Er konnte es sich erlauben.

Michael Jackson überwand als Künstler mit seinem „Moonwalk“ genannten Tanzschritt scheinbar die Schwerkraft, und offenbar agierte er auch als Privatperson außerhalb der Gesetzmäßigkeiten. Wade Robson (36) und James Safechuck (41) werfen ihm in dem Dokumentarfilm „Leaving Neverland“ vor, sie über Jahre hinweg systematisch sexuell missbraucht zu haben. Die beiden waren damals noch Kinder. Erste Vorwürfe, Jackson habe Kinder missbraucht, gab es bereits 1993.

Damals und in den Jahren danach mochte den Opfern indes niemand zuhören. Sie galten vielen als Personen, denen es um das schnelle Geld ging. Und die Gesellschaft stellte dem größten Performer der Welt einen Freibrief aus. Die Liebe zum Werk war stärker, der Zirkus um seine Person lenkte ab, so schaute man über weitere Anschuldigungen und Prozesse hinweg. 2005 wurde Jackson zudem freigesprochen.

Zehn Jahre sind seit dem Tod Jacksons vergangen. Heute ist das gesellschaftliche Klima ein anderes. Die Me-Too-Debatte hat das Sprechen über Missbrauch verändert. Man schenkt den Opfern nun die Aufmerksamkeit, die man ihnen einst verwehrte: Robson und Safechuck dürfen reden, „Leaving Neverland“ dauert vier Stunden. Das Denkmal Jackson war stets von feinen Rissen durchzogen, nun ist es gestürzt. Umso bemerkenswerter ist das, wenn man bedenkt, was für ein großer Wirtschaftsfaktor Jackson noch immer ist. Allein 2016 wurden mit seinem Namen laut „Forbes“-Liste 756 Millionen Euro erwirtschaftet.

Wie gehen wir nun mit dem Werk Jacksons um? Viele Radiosender haben angekündigt, seine Lieder nicht mehr zu spielen. Das ist ein nachvollziehbarer Reflex: Man ist schockiert und wütend und möchte ein Zeichen setzen, Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Abgesehen davon, dass auch das letztlich Bevormundung bedeutet, ist es allerdings sinnlos.

Denn der Einfluss Jacksons auf die populäre Kultur ist immens, sein Werk hat sich atomisiert und ist in Spurenelementen allgegenwärtig. Beyoncé etwa hat in ihrem Super-Bowl-Auftritt Jackson direkt zitiert, und sie nennt ihn als Inspiration für ihr Album „Lemonade“. Drake veröffentlicht auf seinem aktuellen Album ein Stück, das auf dem Sample eines Jackson-Songs basiert. Ariana Grande, Bruno Mars und Janelle Monae singen und tanzen in der Tradition Jacksons. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen und auf Kunst und Mode ausweiten.

Man kann Michael Jackson nicht wie den Schauspieler Kevin Spacey aus dem kulturellen Gedächtnis schneiden. Man muss sich seinem Werk und dessen Einfluss stellen. Tatsächlich gibt es im Solo-Œuvre dieses Künstlers mehrere Phasen.

Die bedeutendste ist die von 1979 bis 1982, als seine Meisterwerke „Off the Wall“ und „Thriller“ erschienen. „Bad“ aus dem Jahr 1987 hatte schon nicht mehr die Klasse der Vorgänger, und Anfang der 90er Jahre begann das Spätwerk, in dem sich viele sentimentale Stücke über Kinder finden sowie Lieder, in denen Jackson Bezug auf die Missbrauchs-Vorwürfe nimmt. Abgesehen davon, dass man heute überhaupt keine Lust auf Musik von Jackson hat, ist es durchaus denkbar, dass zumindest das Frühwerk irgendwann wieder gehört wird.

Wer das für ausgeschlossen hält, sollte sich seine eigenen Lieblingskünstler genau ansehen. Vor allem die Rockstars der 70er Jahre und ihre oft minderjährigen Groupies. Das bekannteste Beispiel ist Bill Wyman, bis 1993 Bassist der Rolling Stones. Er war mit der 14 Jahre alten Mandy Smith liiert und hat sie geheiratet, als sie 19 war. Wenn man kein Lied eines großen Künstlers mehr bringen würde, der sich moralisch verwerflich oder gesetzeswidrig verhalten hat, bliebe das Radio häufiger mal still.

Das soll keine Entschuldigung sein. Sondern ein Argument dafür, Widersprüche in der Kunst auszuhalten. Man wird Michael Jackson weiterhin hören, ob man will oder nicht – und sei es in den Produktionen seiner künstlerischen Nachfahren. Aber man wird ihn anders hören. Gerechtigkeit kann man kaum rückwirkend geltend machen, bei einem Toten zumal. Aber man kann Lehren ziehen, damit so etwas nicht mehr passiert.

Natürlich haben nun auch Jacksons frühe Lieder ihre Unschuld verloren. Der Sturz des Denkmals Jacksons birgt jedoch auch eine Hoffnung: Die Wiederbegegnung mit seinen Liedern könnte dazu führen, dass man sie aufmerksamer hört. Dass sie künftig ihrerseits als Mahnmale wirken und uns erinnern, dass niemand solch eine Macht über andere haben sollte wie Michael Jackson. Dass nirgendwo ein Umfeld entstehen darf, das es Menschen so leicht macht, anderen Leid anzutun.

Und dass man sehen sollte, was ist, und nicht, was man sehen möchte.

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