Buchkritik "Keine Atempause"

Buch „Keine Atempause“ : Der Sound von Düsseldorf

Der Band „Keine Atempause“ erzählt die Kulturgeschichte der Düsseldorfer Popmusik. Und sie blickt auch in die Zukunft.

Endlich, endlich, endlich. Endlich gibt es ein Buch zum Thema Musik aus Düsseldorf, das nicht ausschließlich zurückblickt und wieder bloß die ollen Dönekes von Kraftwerk, Neu! und Co. erzählt. „Keine Atempause“, die Monographie von den Autoren Michael Wenzel, Sven-André Dreyer und dem Fotografen Thomas Stelzmann, trägt ihren von den Fehlfarben geborgten Titel zurecht, denn ihr gelingt etwas total Wichtiges und Verdienstvolles: Sie zeigt, was gerade jetzt und in diesem Moment so los ist in Düsseldorf, und sie wagt zudem – und das ist vielleicht sogar das eigentliche Ereignis – einen Blick in die Zukunft. Denn, und da sind wir dann doch wieder bei Kraftwerk, von denen dieses tolle Zitat ja stammt: „Es wird immer weitergehen, Musik als Träger von Ideen.“

Das Buch gliedert sich in drei Teile, und im ersten stellen die Herausgeber jene Personen vor, die Düsseldorf überhaupt erst zum Klingen gebracht haben. Carmen Knoebel kommt darin vor, natürlich, sie hat einst Helden wie die Band Wire an den Rhein geholt und den Ratinger Hof eröffnet, der so etwas wie das CBGB’s von Düsseldorf war – nur cooler halt. Carmen Knoebel möchte man jedenfalls am liebsten umarmen, weil sie da war und da ist und weil sie so tolle Sachen sagt. „Ein Treffpunkt für Selbstbewusste“, sollte der Ratinger Hof sein, sagt Knoebel, und das wurde er ja auch.

Die Musiker Stefan Schneider (l.) und Stefan Schwander im Salon des Amateurs. Foto: Thomas Stelzmann

Bodo Staiger kommt vor, den man vor allem für den Hit „Dreiklangsdimensionen“ seines Band-Projekts Rheingold kennt, außerdem Campino, Jürgen Krause, Philipp Maiburg, Thorsten Schaar, Ralf Dörper und der Immendorff. Henry Storch, Spiritus Rector im Unique-Universum, bekommt ganz vorne ein Denkmal gesetzt. „Für Henry“ steht auf dieser Seite und sonst nichts. Ihm ist der Band gewidmet, ein Grabstein sozusagen, ein Gruß über die Welten hinweg, ein in den Wind geschriebener Liebesbrief: Henry Storch ist im Februar gestorben.

Der zweite Teil widmet sich dann den Orten, denn Popkultur in Düsseldorf, sagen die Autoren, konnte und kann man stets an Clubs festmachen. Der Unique Club. Der Ego Club, den es nur zwei Jahre lang gab. Der Kulturverein Brause, wo sie 2002, als Edmund Stoiber als Kanzlerkandidat gegen Gerhard Schröder antrat, die Protestsingle „Bleib da, wo der Radi wächst“ aufnahmen, die dann in ganz Deutschland zum Szene-Hit wurde. Und der Salon des Amateurs, ohne den es eine Band wie Stabil Elite wohl gar nicht gäbe. Der dritte Teil ist dann Zukunftsmusik, dafür besuchen die Herausgeber Menschen, die sich soeben an die Arbeit gemacht haben, um Düsseldorf auch morgen gut dastehen zu lassen. Daniela Georgieva alias Pony etwa, die ja nicht bloß Musikerin ist, sondern Performerin, und wer sie je live gesehen hat, wird seither keinen Schlaf gefunden haben – der Energietransfer ist einfach zu krass.

Man liest das Buch in einem Rutsch, geht gar nicht anders, und das liegt auch an der Art, wie die Autoren erzählen. Zwischen den Zeilen leuchtet es, das Licht spenden die Neonröhren des Ratinger Hofs, das Buch riecht nach Tabak und Gin Tonic, denn da sind Leute am Werk, die all das erlebt haben, über das sie schreiben, die dabei gewesen sind, weil sie seit Jahrzehnten unterwegs sind, wenn es Nacht wird. Das hier ist der Sound der Empirie, meistens zügeln sie sich ja, sie versuchen es zumindest, aber manchmal kommt die Euphorie der Lokalpatrioten doch durch: „Der Rhein bleibt. Der Zeitlose fließt weiter gemütlich vor sich hin. Er trägt die Musik in die Welt. Und die Welt hört weiter gespannt zu.“ Düsseldorf weltweit.

Thomas Stelzmann hat die Protagonisten sehr schön ins Bild gesetzt; Sammy Amara, der Sänger der Broilers, sieht auf diesen Bildern geradezu unfassbar gut aus, und Stefan Schneider und Stefan Schwander sitzen vor der berühmten Lamellenwand im Salon des Amateurs und wirken wie Könige im Reich des Maschinen-Funk.

Ehrlich, liebe Stadtverwaltung: Wenn ihr dieses Buch jedem Neubürger in die Begrüßungstüte legt, will er nie mehr weg, garantiert. Überhaupt bekommt man Lust aufs Rausgehen, wenn man dieses Buch liest. Und das soll sicher auch so sein, denn Düsseldorf findet da draußen statt, und es klingt verdammt gut.