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VRR-Chef Martin Husmann: Die Nemesis der Deutschen Bahn

VRR-Chef Martin Husmann : Die Nemesis der Deutschen Bahn

Martin Husmann zwang der Bahn im Regionalverkehr in einem erbitterten Streit den Wettbewerb auf. Jetzt verabschiedet er sich in den Ruhestand. Eine Begegnung.

Als sie den Kampf gegen den übermächtigen Gegner Deutsche Bahn aufnehmen, ruft der Chef des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr (VRR) seine Mannschaft im Büro zusammen. „Wir müssen uns den Spanischen Erbfolgekrieg vorstellen“, sagt der begeisterte Segler Martin Husmann. Die Spanier hätten große, schwere Galeonen mit dreistöckigen Decks voller Kanonen, die Engländer nur kleine Fischerboote mit wenigen Kanonen gehabt, die dafür aber schneller und wendiger unterwegs waren. „Es war flautiges Wetter. Und was haben die Engländer gemacht? Die sind immer an Bug und Heck der Spanier vorbeigefahren und haben mit wenigen Schüssen die Armada geschlagen. Unsere Stärke wird sein, dass wir immer schneller und beweglicher sind.“

Unter Husmanns Ägide wurde auch das Projekt Rhein-Ruhr-Express angestoßen.  Foto: dpa/Christophe Gateau

Tatsächlich wird es Husmann nach einem aufreibenden juristischen Gefecht, einem vorübergehenden Rauswurf und zahlreichen schlaflosen Nächten gelingen, der Deutschen Bahn eine erbitterte Niederlage beizubringen und so den Wettbewerb im Regionalverkehr durchzusetzen. Im Berliner Bahn-Tower gilt er als Persona non grata.

Wer Husmann in diesen Tagen begegnet, erlebt einen gelösten VRR-Chef, der mit seiner Sekretärin über die Arbeitszeiten witzelt. Seit 2003 steht er an der Spitze des Verkehrsverbundes, es sind seine letzten Tage im Amt. Am 31. Dezember endet sein Vertrag. Husmann, Jahrgang 1955, war nie ein Bahner, wie er im Buche steht. Keiner, der schon in jungen Jahren mit der H0-Bahn von Märklin im Keller gespielt hätte. Der einzige entfernte Berührungspunkt ist der Großvater, der einen kleinen Büro-Posten bei der Bahn hatte.

Jugend und Kindheit in Osnabrück verbringt er anders: „Ich war ein begeisterter Leistungssportler.“ Im Rudern wird er deutscher Schülermeister. Das Tagesprogramm des Schülers Husmann ist ambitioniert: Aufstehen um 5.30 Uhr. Zehn Kilometer trägt er die Zeitung aus. Dann geht es mit dem Fahrrad zur Schule, anschließend zurück nach Hause. Dann wieder aufs Rad, 13 Kilometer zum Ruderverein. Warmlaufen. Dann das Rudertraining und mit dem Fahrrad 13 Kilometer zurück. Jeden Tag. „Ich konnte mich quälen“, sagt Husmann.

Nach dem Abitur will der Vater, selbst Richter, dass der Sohn in seine Fußstapfen tritt und Jura studiert – am liebsten unter seinen Fittichen. Der Abiturient will sich dagegen freischwimmen und nutzt einen Trick: Er meldet sich am Wohnort einer Freundin erstwohnsitzlich und lässt den Rest die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze erledigen. Die sortiert die angehenden Studenten nämlich wohnortnah zu. So landet er in Mainz.

Mit dem Jurastudium tut er sich zu Beginn schwer, doch der Knoten platzt. Am Ende bekommt er im schriftlichen Examen ein „Befriedigend“ – in Juristenkreisen fast eine Auszeichnung. Im mündlichen schafft er gar ein „Gut“. Der Karriere als Richter steht nun eigentlich nichts mehr entgegen. Und das Land Niedersachsen will ihn, auch wenn sie ihm nach dem Vorstellungsgespräch attestieren, er müsse an seinem Selbstbewusstsein arbeiten. Zu seiner Berufung fehlt nur noch das Okay des Oberlandesgerichtspräsidenten. Doch die Antwort bleibt monatelang aus. Der Berufsanfänger verliert die Geduld, schaut sich um, und so beginnt die kommunale Karriere des Martin Husmann. Er landet beim Kreis Borken, wird Vertreter des Rechtsamtsleiters und zugleich Referent des Kreisdirektors. Viereinhalb Jahre wird er diesen Job machen. Keine langweilige Bürotätigkeit. Gemeinsam mit dem Amtsveterinär gelingt es Husmann nachzuweisen, dass auf Höfen im Münsterland Kälber in großem Stil mit dem Muskel-Aufbaupräparat Clenbuterol ge­spritzt wurden. „Auf einmal befand ich mich in einem der größten Lebensmittelskandale der Republik wieder. Wir haben den Fall erfolgreich abgearbeitet.“

Borken ist nur eine Zwischenstation. Husmann will vorankommen. In der Stadt Geesthacht wird er 1990 Ordnungs-, Bau-, Feuerwehr-, Jugend- und Kulturdezernent, tritt der CDU bei. Achteinhalb Jahre später wird er vom Kreis Mettmann zum Kreisdirektor bestellt. Es ist der Erstkontakt mit dem Thema Bahn, erst als Aufsichtsratsmitglied, später als nebenamtlicher Geschäftsführer der Regiobahn. „Während ich mich in die Bahnmaterie einarbeitete, hatte ich ungefähr ein Jahr lang Kopfschmerzen und war total gestresst.“

Doch augenscheinlich macht er seine Sache gut. Als es darum geht, den Posten an der Spitze des VRR neu zu besetzen, rückt er schnell in den Kreis der Kandidaten. Im November 2003 wird er mit der Stimmenmehrheit von CDU und Grünen gewählt. „Ich war keine zwei Jahre im Amt, da kam ein Kollege zu mir und sagte: ,Wir haben zu wenig Geld.’“ Es stellt sich heraus, dass Husmanns Vorgänger einen Verkehrsvertrag mit der Deutschen Bahn vereinbart hatten, der den VRR in ein tiefes Defizit gestürzt hätte. Nämlich 35 Millionen – mit steigender Tendenz. Eine Hiobsbotschaft.

Husmann sucht nach einer Schwachstelle – und wird fündig: „Es stellte sich heraus, dass die Vergabe der Verkehrsleistungen gegen Europarecht verstieß. Zudem fand da eine Überkompensation statt. Die DB bekam deutlich mehr Geld, als sie ausgeben musste.“ Husmann bittet um ein Treffen mit dem damaligen Chef von DB Regio NRW, Heinrich Brüggemann. Dem sagt er: „Da müssen wir noch einmal ran.“ Es gehe nicht um zwei oder drei, sondern mindestens um 32 Millionen. Es ist der Auftakt für Husmanns schwerstes Gefecht. Mit der Politik im Rücken kürzt der VRR-Chef der Deutschen Bahn die Mittel. „Und gleich noch mal um weitere zehn Millionen Euro – wegen außerordentlicher Schlechtleistung.“ Die Bahn lässt das nicht auf sich sitzen und klagt ab 2006. Husmann bleibt nicht untätig: „Wir haben parallel die ersten Ausschreibungen auf den Weg gebracht.“

Und er denkt sich das VRR-Finanzierungssystem aus: Wenn eine Linie ausgeschrieben wird, sagt der VRR den Unternehmen: „Sucht euch dafür die passenden Fahrzeuge aus.“ Die wichtigsten Parameter werden vorgegeben. „Wenn sie dann wollen, können wir die Züge zu Kommunalkreditkonditionen, vergleichbar den DB-Konditionen, finanzieren.“ Der VRR kauft den Eisenbahnverkehrsunternehmen die Fahrzeuge ab und verpachtet sie zurück. Auch das hält die Privatbahnen zu Zeiten der Finanzkrise im Rennen, in deren Zuge die großen Zugleasing-Unternehmen in Schieflage geraten waren.

Ende 2008 kommt es zum Rückschlag. Husmann verliert den Prozess gegen die Bahn. Die eigenmächtige Kürzung ist unzulässig. Erstmals gibt es Rufe nach seinem Kopf. Und doch beauftragt die Politik ihn, einen Vergleich mit der Bahn auszuhandeln. Bis Mai 2009 erreicht er einen Preisnachlass von immerhin 15 bis 20 Millionen. „Die Politik drang auf einen zeitnahen Abschluss, und ich habe letztlich widerwillig unterschrieben.“ Husmann hält auch den Vergleich für rechtswidrig.

Das geht dem Bahn-Konkurrenten Abellio ähnlich. Das Unternehmen rügt den Vergleich. Die Vergabekammer entscheidet: alles rechtswidrig. Genauso sieht das das Oberlandesgericht Düsseldorf. Von dort wandert das Verfahren dann zum Bundesverwaltungsgericht nach Karlsruhe.

2010 kommt es zum großen Knall: Der Druck auf Husmann steigt, mit der DB und Abellio einen Vergleich zu schließen. Doch Husmann stellt auf stur. Er will jetzt den Wettbewerb. „An einem Montag, einen Tag vor der Verhandlung in Karlsruhe, bekam ich per Mail eine Anweisung im Rahmen einer Dringlichkeitsentscheidung, den Termin vor dem BGH zu verhindern und unsere Rechtsvertreterin zu entlassen.“ Weil er die Anweisung ignoriert, wird Husmann vorläufig seines Amtes enthoben und erhält Hausverbot. „Bis in die Nacht haben meine Anwälte und ich an einem Eilantrag gesessen, um mich wieder einzusetzen. Am nächsten Tag sollte ja die Verhandlung in Karlsruhe stattfinden.“ In aller Herrgottsfrühe macht sich der geschasste VRR-Chef auf den Weg nach Karlsruhe. Dort erreicht ihn die nächste schlechte Nachricht: Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen werde erst am Freitag über den Eilantrag gegen seinen Rauswurf entscheiden. „Das war ein Schlag.“ Doch Husmann hat Glück: Der Vorsitzende Richter des Senates in Karlsruhe lebt in Düsseldorf. Er hatte das alles aus der Zeitung mitbekommen und verlangt erst einmal, dass die Verhältnisse geklärt werden. Die Entscheidung wird auf den Januar verschoben.

„Die Zeit war hart. Ich war mir zwar zu 90 Prozent sicher, dass wir in der Sache recht hatten. Die Kunst, in so einer Situation zu überleben, ist, sich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen. Wie sieht dein Leben aus, wenn du es nicht tust? Wie stehst du vor dir selber da? Wie vor den anderen? Würdest du was anderes finden, wenn es schiefgeht?“ Am Ende kommen zahlreiche Gutachten zu dem Ergebnis, dass der Rauswurf rechtswidrig ist. Husmann wird einstimmig im Amt bestätigt.

Im Januar folgt das „Abellio-Urteil“. Der Tenor: Es gibt nur Wettbewerb und nichts anderes. „Als das Urteil fiel, war das ein gutes Gefühl. Und ist es bis heute“, sagt Husmann und grinst. Der Wettbewerb macht sich bezahlt. Allein durch die Neuausschreibung der Strecken S 5/S 8 (Dortmund – Mönchengladbach) erhält der VRR bessere Konditionen, im Schnitt um etwas über einen Euro günstiger pro Zugkilometer – das sind etwas mehr als 3,3 Millionen Euro pro Jahr. Die Struktur der DB sei nicht wettbewerbsförderlich, sagt der VRR-Chef. „Sie ist zwar eine AG, in der Konsequenz aber die organisierte Verantwortungslosigkeit.“ Infolge des Abellio-Urteils stürzt der DB-Anteil an Leistungen des Schienenpersonennahverkehrs im VRR von 90 auf 24 Prozent ab.

Mit 48 legt sich Husmann ein Boot zu. Ein Freund hatte ihm geraten, „was du mit 50 nicht anfängst, fängst du nie an.“ Er nimmt erfolgreich an 24-Stunden-Regatten teil. Wenn man sich da durchgekämpft habe, dann habe man ein zutiefst befriedigendes Gefühl. „Man hat sich richtig abgearbeitet. Man hat gekämpft. Ich kämpfe ganz gerne – mit was auch immer.“ Wenn’s sein muss, auch mit der Deutschen Bahn.