Kevin Love und DeMar DeRozan sprechen über psychische Krankheiten

Sportler mit psychischen Krankheiten: Nehmt euch ein Beispiel

In den USA sprechen zwei Sportler offen über ihre psychischen Probleme. In Deutschland ist das Thema immer noch ein Tabu. Bevor die Bundesliga wieder losgeht und die Schlagzeilen bestimmt, sollten wir darüber nachdenken. Ein Plädoyer für mehr Offenheit.

In den Vereinigten Staaten von Amerika sind DeMar DeRozan und Kevin Love berühmte Männer. Beide spielen in der NBA, der stärksten Basketball-Liga der Welt. Und weil sie in der Liga der Besten zu den Besten gehören, spielen beide auch für die US-Nationalmannschaft. Die beiden 29-Jährigen haben noch etwas gemeinsam: Beide hatten schon einmal mit psychischen Problemen zu kämpfen und haben das öffentlich gemacht. In Deutschland hat das kaum jemand registriert.

Kevin Love ist ein perfekt durchtrainierter, weißer Posterboy, der Werbung für schicke Anzüge und Unterwäsche macht. Wo er auftaucht, scharen sich die Leute um ihn. Er ist 2,08 Meter groß, verdient Millionen. Mit seinem Grinsen passt er an jeden Strand in Los Angeles, mit einem Longboard unter dem Arm und einem Eis in der Hand. Manchmal aber verhängen Wolken die Sonne. Love leidet unter Panickattacken. „29 Jahre lang dachte ich, psychische Probleme wären nicht mein Problem“, sagt er in einem Beitrag für den „Player’s Tribune“. Bis zu diesem einen Tag.

Love steht inmitten von Zehntausenden Menschen, als es passiert. Seine Mannschaft, die Cleveland Cavaliers, spielen in der heimischen Quicken-Loans-Arena gegen die Atlanta Hawks. Er fühlt sich nicht gut, schon die Tage davor hatte er schlecht geschlafen, viele Dinge im Kopf. Schon als das Spiel beginnt, fühlt er, dass es schlimmer geworden ist. Als sein Trainer eine Auszeit nimmt und er Richtung Bank läuft, kann er nicht mehr atmen. Love flüchtet während des Spiels in die Umkleide. „Ich dachte, ich sterbe“, sagt Love rückblickend.

Dann passiert das, was vielen Angstpatienten passiert. Er ist überzeugt, dass er physisch krank ist. Er fährt ins Krankenhaus, macht alle möglichen Tests. Er ist gesund. Die Erkenntnis reift, dass die Probleme aus seinem Kopf kommen, aber Love verheimlicht das zunächst. „Verdammt nochmal, woher kommt das?“, fragt er sich.

Profisport ist das Geschäft des Stärkeren. Wer nicht mithalten kann, wird aussortiert. So ist es schon in der Jugend. Leistung-Sportler lernen das von klein auf. Sie sind Leistungs-Sportler. Leistung kommt zuerst. Platz für Schwäche scheint es da nicht zu geben. „Ich wollte nicht, dass Leute von mir denken, dass ich weniger verlässlich bin als irgendein Mitspieler. Ich wollte nicht wie ein Weichei aussehen“, sagt Love. „Ich bin im Basketball-Sport groß geworden, und in den Teams hat niemals jemand über sein Inneres gesprochen.“

Love sagt: „Jeder macht etwas in seinem Inneren durch, wovon wir nichts sehen können.“ Mit seiner Geschichte beschreibt er den inneren Kampf, den viele Athleten mit sich ausmachen. Love hat sich überwunden, er geht zu einem Therapeuten, sein Team hat ihm den besorgt, nachdem er sich den Verantwortlichen anvertraut hatte. Kürzlich hat der Power Forward einen neuen Vierjahresvertrag bei den Cavaliers unterschrieben. Mehr als 120 Millionen Dollar zahlt das Team. Anscheinend hatte sein „Outing“ nur gute Folgen für Love. Er hat seine Probleme angepackt und in den Griff bekommen. Er will Vorbild für andere sein. „Psychische Probleme gehen jeden an“, sagt er.

Reicht es, ein paar Psychologen in die Nachwuchsinternate zu stecken, damit sie die Symptome behandeln? Oder müssen wir Begriffe wie Stärke und Schwäche neu definieren, Leistung neu denken? Angenommen ein Spieler ist sensibel: Ist er dann schwach, weil er auf Reize anders reagiert – oder stark, weil er Stimmungen in der Mannschaft wahrnimmt und gegensteuern kann?

Auch DeMar DeRozan hat zu kämpfen. Er ist quasi das Gegenteil vom Posterboy Love. Er stammt aus Compton, einem berüchtigten Stadtteil von Los Angeles, in dem Verbrechen und Gewalt alltäglich sind. Der 29-Jährige ist ruhig, manchmal in sich gekehrt, ein akribischer Arbeiter. Er ist keiner, der harte Arbeit leicht aussehen lässt. Er ist einer, der seine Identität aus harter Arbeit zieht. DeRozan sah in seiner Kindheit viel Elend. Menschen, die tranken. Menschen, die untergingen. Das beschreibt er in einem Interview, in dem es um seine Depression geht, die er bei Twitter öffentlich machte. „Ich schäme mich nicht dafür“, sagt er. „Wir alle haben Gefühle, am Ende des Tages sind wir alle Menschen.“ Menschen sind unterschiedlich, so wie Love und DeRozan. Treffen kann es jeden.

In Deutschland hat die Zahl der Fehltage aufgrund von sonstwie gearteten psychischen Erkrankungen 2016 einen Höchststand erreicht. Das geht aus dem DAK-Gesundheitsreport 2017 hervor. Auf 100 Versicherte kommen 246,2 Fehltage, aufgeteilt auf 6,5 Fälle. 2006, also zehn Jahre vor dem Erhebungszeitraum, waren es noch 121,7 Tage und 4,2 Fälle gewesen.

Im deutschen Profisport wird wenig über das Thema gesprochen. Es scheint, als werde es wieder re-tabuisiert, nachdem der Anfang zu einer neuen Offenheit, die nur zuträglich sein kann, eigentlich gemacht war. Der Suizid von Robert Enke hatte vor fast zehn Jahren dazu geführt, dass ganz Deutschland über die Krankheit Depression debattierte. Schon zwei Jahre vorher hatte Sebastian Deisler wegen psychischer Probleme beim FC Bayern München sein Karriereende erklärt und das Thema Sport und psychische Erkrankungen so in die Öffentlichkeit gebracht.

Seitdem ist es stiller und stiller geworden, bis Per Mertesacker sein Schweigen brach. Er räumte ein, er habe vor Spielen häufiger Brechreiz und Durchfall bekommen, er habe jahrelang unter dem Druck im Leistungssport gelitten. „Der Druck hat mich aufgefressen“, sagte er. Aus Scham, wie er sagte, hatte er das bis zu seinem Karriereende verschwiegen. Er fürchtete wie Love berufliche Konsequenzen. Doch auch die vom Hannoveraner losgetretene Welle, auf der einige kurz mitritten, ist längst wieder abgeebbt.

Das zeigt, wo das System noch immer krankt. Psychische Probleme sind im Sport immer noch ein Tabu. Kaum jemand redet über sie. Zu groß ist die Angst, an Wert zu verlieren. Zu groß die Scheu, dass plötzlich der Kopf im Fokus steht, anstatt der Leistung auf dem Platz. Das Reden über Probleme ist noch immer unangenehm, obwohl es das nicht sein müsste.

Wir sollten da aufgeklärter sein.

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