DFB-Team: Marc-André ter Stegen ist mal wieder nur Zweiter

Torhüter über WM-Kader enttäuscht: Marc-André ter Stegen ist mal wieder nur Zweiter

Der gebürtige Gladbacher Marc-André ter Stegen muss damit leben, beim DFB doch nur zweite Wahl zu sein. Und das, obwohl sein Kontrahent Manuel Neuer ohne Spielpraxis nach Russland fährt. Für viele ist er eine Art Nummer eins der Herzen.

Würde Volkes Stimme entscheiden, wäre es auch so gekommen. Das jedenfalls besagen alle möglichen Umfragen zu einer der wichtigsten Fragen dieser Tage: Ist es richtig, Manuel Neuer, der in 14 Monaten nur vier Pflichtspiele gemacht hat, als Nummer eins mitzunehmen nach Russland? Der, der es entscheiden muss, Bundestrainer Joachim Löw, ist der Meinung, dass es so ist. Und damit, dass ter Stegen, der in Neuers Abwesenheit Confed-Cup-Sieger wurde und ein starker Vertreter war, der zweite Mann im deutschen Tor ist.

Es geht nicht darum, Neuers Qualität infrage zu stellen. Doch hat er keine Praxis im Gegensatz zu ter Stegen, der 48 Pflichtspiele gemacht hat in der vergangenen Saison, und das beim größten Klub der Welt, dem FC Barcelona. Wer da im Tor steht, darf auch Ansprüche stellen, zumal wenn ihn alle Welt lobt und er als „Messi mit Handschuhen“ geadelt wird. Aber was soll er tun? „Es ist eine enttäuschende Situation, wenn man die ganze Saison gut gespielt hat und Leistung auf höchstem Niveau gebracht hat“, sagte er am Dienstag offen und ehrlich.

Ter Stegen ist extrem ehrgeizig. Niederlagen sind in seiner DNA nur als notwendiges Übel hinterlegt. Doch diese Geschichte lag im wahrsten Sinn des Wortes nicht in ter Stegens Hand. Darum darf er die Bevorzugung Neuers nicht als Niederlage verstehen. Neuer wurde rechtzeitig fit, und wo ein Neuer ist, sucht niemand einen Weg an ihm vorbei. Wohl dem Trainer, der einen wie ter Stegen auf die Bank setzen kann/will/muss.

Ter Stegen versteht es, aus Rückschlägen Kraft zu ziehen

Löw hat zuletzt ausführlich mit ter Stegen gesprochen. Der Trainer gestikulierte, der Torwart stand mit den Händen hinter dem Rücken, so ist es eben, wenn der Chef doziert. Löw und Bundestorwarttrainer Andreas Köpke loben ter Stegens Entwicklung in höchsten Tönen, sagen, der Barca-Keeper sei „ruhig, gelassen und fokussiert“. In gewisser Weise darf man das als Ansage verstehen für die WM: Nimm die Situation an und sei bereit für alle Fälle.

Ter Stegen hat schon Negativ-Erfahrungen gemacht in seiner Karriere. Seine ersten Länderspiele liefen nicht glatt. Und als er 2014 zum FC Barcelona kam, musste er sich den Job im Tor mit Claudio Bravo teilen. Doch versteht er es, aus Rückschlägen Kraft zu ziehen, um es dann allen zu zeigen.

Oliver Kahn, der 2006 selbst erlebte, wie es ist, sich hinten anstellen zu müssen, riet, es professionell hinzunehmen. „Sich einer Sache unterzuordnen, die größer ist, als das eigene Schicksal, kann der eigenen Entwicklung nicht schaden“, sagte Kahn. Tatsächlich bekam er das beim Sommermärchen hin, als plötzlich Jens Lehmann im Tor stand. Lehmann wurde mit 35 die Nummer eins, zuvor Kahn mit 29 und auch Köpke musste bis 32 warten. Ter Stegen ist jetzt 26.

Er wird es machen wie Kahn, der einst sein Vorbild war „Ich versuche, Manuel eine Hilfe zu sein“, sagte er. Er weiß, dass es eine Zeit nach der WM gibt. 

Eine Nummer zwei ist auch dazu verdammt, Diplomat zu sein. Sicher ist: Ter Stegen geht für viele als eine Art Nummer eins der Herzen in seine erste WM.

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