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Borussia Mönchengladbach: Andreas Schlumberger im Interview

Borussias medizinischer Supervisor : „Ich muss immer rational sein“

Seit einem Jahr leitet Andreas Schlumberger Borussias medizinische Abteilung - und es hätte kaum komplizierter sein können. In seinem ersten großen Interview spricht der 51-Jährige über geplante Veränderungen und solche, die es schon geben hat.

Herr Schlumberger, das Verletztenthema war ein beherrschendes in der vergangenen Saison. Sie waren quasi im Auge des Sturms als Supervisor der medizinischen Abteilung. Haben Sie das auch so empfunden?

Andreas Schlumberger Dass der Fokus auf dem Thema war, ist logisch, es war ja schon in der Saison davor nicht perfekt gelaufen. In der von uns wahrgenommenen Hochphase Anfang Februar bis Anfang März war es auch intern ein sehr emotionales Thema, weil wir gedacht hatten, dass wir weiter sind in der Sache. Das war ein Damoklesschwert. Man kann das nicht schönreden. Wir hatten 20 Muskelverletzungen und davon einige schwere. Das ist anderen Mannschaften auch schon passiert, aber in dieser Häufung habe ich das vorher nicht erlebt.

Es wurde entsprechend emotional diskutiert.

Schlumberger Das kann ich nachvollziehen. Aber wenn wir uns intern mit dem Thema beschäftigen, hilft es uns nicht, emotional zu sein. Wir müssen die Kriterien, nach denen wir arbeiten, Woche für Woche, Monat für Monat neu erarbeiten. Es gibt schon Fortschritte. Dass es aber nicht von jetzt auf gleich anders wird, muss man verstehen. Wir sind im Hochleistungssport, da gibt es viele verschiedene Einflüsse. Der Trainer will schnellstmöglich die bestmögliche Mannschaft auf dem Platz haben, die Spieler wollen schnell wieder da sein – so läuft die Reha zwischen Sicherheit und einem schnellen Comeback ab. Das birgt gewisse Risiken.

Was genau ist in dem Kontext Ihre Aufgabe? Ihre Position gab es so vorher nicht bei Borussia.

Schlumberger Bei Borussia hatte man in der Analyse erkannt, dass man in der Kommunikation und Entwicklung der medizinischen und präventiven Arbeit vorwärts kommen muss, um mehr Struktur reinzubringen. Da ging es nicht nur um die Verletzten, sondern auch um Leistungsdiagnostik, Ernährung, Individualisierung in der Belastungssteuerung und Prävention und alles, was zum Gesamtbild eines erfolgreichen Sportlers und einer erfolgreichen Mannschaft gehört. Meine Aufgabe ist es, einen Beitrag zum bestmöglichen Aufbau zu leisten, basierend auf dem, was da ist. Es ist ein stetiger Prozess.

Wie groß war und ist der Änderungsbedarf?

Schlumberger Es war ja nicht alles schlecht, im Gegenteil. Es müssen viele Dinge gut gelaufen sein, sonst wäre der Erfolg der vergangenen Jahre bei Borussia nicht möglich gewesen. Man darf darum nicht den Fehler machen, in einer Problemsituation alles zu verwerfen. Dann gehen auch die guten Dinge verloren. Man muss sehr differenziert an die Sache herangehen. Es geht um Veränderung, vor allem aber um Optimierung.

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Wo zum Beispiel?

Schlumberger Nehmen wir das Belastungmonitoring. Das bedeutet, dass man die Belastung der Spieler mit GPS-Technik, die wir seit Februar einsetzen, begleitet, die Athletik-Trainer nach jedem Training mit dem jedem Spieler Rücksprache halten, wie die Belastung empfunden wurde, und alles dokumentiert wird. Das hilft, strukturiert zu arbeiten. Das ist nur ein kleiner Teil des Ganzen und dadurch hat man nicht zwangsläufig drei Verletze weniger. Aber es ist ein Baustein von vielen, die dazu beitragen können. Ich schaue zunächst auf die körperliche Leistungsverbesserung. Damit einhergehend ist eine gute Verletzungsprophylaxe.

Es braucht aber ein Jahr, um diese Strukturen aufzubauen?

Schlumberger Es wird auch noch länger dauern. Wie gesagt, es ist ein stetiger Prozess und man muss sich immer weiter verbessern, da immer neue Sachen dazukommen. Jeder versucht, sich auf dem Gebiet einen Vorteil zu verschaffen. Wir haben vor einem Jahr aufgerüstet in dem Bereich und tun es nun erneut . Personell wie inhaltlich. Wir haben eine klare Idee, die dahinter steht.

Beschreiben Sie die.

Schlumberger Es geht immer darum, dem Trainerteam eine möglichst fitte Mannschaft zur Verfügung zu stellen. Dafür muss die Kommunikation in dem medizinischen Team stimmen. Es geht darum, Standards in den Abläufen zu schaffen, im medizinischen und im physiotherapeutischen Bereich, im Reha-Bereich und bei der Belastungsteuerung. Zudem kümmere ich mich darum, Innovation reinzubringen in die Trainingsmethodik, aber auch in die Technik. Wir müssen die schnellstmöglichen Heilungsprozesse haben, da muss man methodisch und technisch immer weiterdenken, ob das Magnetfeldtherapien, Lasertherapien oder Microstromtherapien sind. Über das Jahr wird man mit zig Neuentwicklungen konfrontiert. Meine Aufgabe ist es, abzuwägen, was für Borussia gut sein kann. Aber es geht auch darum, einzuschätzen, wie schnell man die Sachen realistisch vorwärts bringen kann und wie sie zu den vorhandenen Gegebenheiten passen. Zu viel Veränderung oder ständiges Experimentieren bringen oft auch nichts.

Realismus und Erwartungshaltung sind aber verschiedene Dinge. Viele haben schon erwartet, dass gleich alles besser wird durch Sie.

Schlumberger Die Außenwahrnehmung lasse ich gar nicht an mich ran. Wenn ich das tun würde, würde ich einen Fehler nach dem anderen machen, weil ich versuchen würde, darauf immer zu reagieren, was man erwartet. Ich darf nicht emotional sein, ich muss immer rational sein.

War es trotzdem zwischenzeitlich nicht zum Verzweifeln? Nach dem Leverkusen-Spiel zum Beispiel, als auf einen Schlag vier Spieler ausfielen.

Schlumberger Gerade in den Fällen muss ich besonders die Ruhe bewahren. Da muss man mit extremer Sachlichkeit an die Sache herangehen. Da muss man den medizinischen Stab und auch das Trainerteam unterstützen und daran erinnern, dass es klare Kriterien gibt, nach denen wir arbeiten. Wenn an zwei Stellen Fehler gemacht wurden, war ja nicht alles falsch. Das muss man klar kommunizieren. Einfach unsachlich etwas zu verändern, das bringt nichts.

Sie sind demnach eher der sehr sachliche Typ.

Schlumberger Das ist so. In den Situationen gehe ich den Leuten mehr mit Sachlichkeit als mit Emotionalität auf die Nerven. Emotional bin ich eher dann, wenn es gut läuft, um alle daran zu erinnern, nicht nachlässig zu werden. Zu viel Routine ist gefährlich. Man kann sowieso nicht die eine mit der anderen Verletzung vergleichen und entsprechend herangehen. Das führt nie zum Erfolg. Es ist immer individuell. Darum muss man Kriterien haben, anhand derer man Entscheidungen trifft, die man aber auch immer weiterentwickeln muss.

Wie schwierig ist der Spagat intern, einerseits Vertrauen aufzubauen, andererseits aber auch unangenehme Wahrheiten anzusprechen?

Schlumberger Bei Borussia sind alle in der Lage, zwischen Menschlichkeit und der Sache, in der es auch mal hart sein muss, zu unterscheiden. Wenn wir uns nicht gegenseitig kritisieren würden und nicht den Finger in die Wunde legen würden, würden wir uns auch nicht verbessern.

Eine These ist, dass die Trainingssteuerung zur Verletzungssituation beigetragen hat. Ist das so?

Schlumberger Es gibt viele verschiedene Faktoren, die die Verletztensituation begünstigen. Und dazu gehören unter anderem die Trainings- und Belastungsteuerung.

Inwieweit sind die Spieler in der Pflicht? Matthias Ginter hat zwischenzeitlich darauf hingewiesen, dass der eine oder andere professioneller sein könnte.

Schlumberger Ich sehe das positiv, es kann ja nicht schaden, wenn ein erfahrener Spieler, einen Anstoß gibt. Cristiano Ronaldo ist das beste Beispiel: Er ist 24 Stunden lang am Tag Profi und versucht, das Beste für seinen Körper zu tun. Gerade wird darüber gesprochen, dass er sein Schlafverhalten optimiert, da sucht er auf dem Gebiet Berater. Es sind viele Kleinigkeiten, die dazu beitragen, dass ein Spieler die optimale Fitness hat. Unser Job ist es, die Spieler zu größtmöglicher Professionalität anzuhalten. Nehmen wir als Beispiel Denis Zakaria. Er lässt sich in dem Bereich sehr gut führen. Wenn er nach einer anstrengenden Trainingswoche das Bedürfnis hat, seine Familie in der Heimat zu sehen, fliegt er am freien Tag nach Genf, organisiert sich aber dort einen Physiotherapeuten, um vor Ort eine Einheit machen zu können. Wir begleiten das. Auch die externe Kommunikation ist wichtig.

Tauschen Sie sich mit den Nationalteams aus, wenn Borussen bei Länderspielen sind?

Schlumberger Das intensivieren wir mehr und mehr. Wir haben viele Länderspielabstellungen und es hilft uns nichts, wenn wir hier die bestmögliche Belastungssteuerung hinkriegen und beim Nationalteam gibt es ein Problem. Nehmen wir die Länderspiel-Periode im Oktober mit zwei Spielen: Wenn wir da einen ehemals verletzten Spieler haben, den wir gerade integriert haben und er schon einige Spiele gemacht hat. Wenn er dann aber noch zwei Länderspiele macht, ist das Risiko, dass wieder etwas passiert, höher. Wir wissen, dass er sich an der Belastungsgrenze befindet, das geben wir an die Kollegen weiter. Wir können keinem Nationaltrainer sagen, ob unser Spieler aufgestellt wird oder nicht, aber es ist für ihn hilfreich die Fakten zu kennen. Und die tauschen wir aus in beide Richtungen. So kann man so individuell wie möglich arbeiten. Das ändert aber nichts daran, dass es immer wieder kritische Entscheidungen gibt.

Weil es sportliche Interessen gibt bei Trainern und Spielern?

Schlumberger Richtig. Wir sind mit unserem Trainerteam immer im Austausch und sprechen das genau ab. Wenn jetzt zum Beispiel Ibo Traoré beim Nationalteam Guineas ist, ist die Botschaft, die wir vermitteln, bei uns ausreichend an allen Stellen diskutiert. Es gibt eine Abstimmung zwischen Dieter Hecking und mir, mit der medizinischen Abteilung und auch mit Max Eberl. Je besser der Austausch zwischen allen Beteiligten funktioniert, desto besser sind die Ergebnisse. Im Vorfeld der WM war zum Beispiel der Athletiktrainer der Schweizer Nationalmannschaft hier.

Da gab es dann ja in Josip Drmic auch ein Wunder zu besprechen. Ist seine Rückkehr nach dem Knorpelschaden im Knie ein Wunder?

Schlumberger Wenn man es aus der Distanz betrachtet, kann man zu dem Schluss kommen. Aus meiner Sicht nicht. Ich sehe nichts als ein Wunder an. Ein Grund, warum Josip Drmic heute da steht, wo er steht, ist seine große Reha-Professionalität. Er hat immer das Richtige getan. Vor dem Hintergrund würde ich es auch nicht als Wunder einstufen, wenn Mamadou Doucouré plötzlich wieder angreift.

Ist das Ihr schwierigster Fall? Und gibt es Hoffnung für ihn?

Schlumberger Wenn ein Spieler zwei Jahre nicht spielen konnte, ist das ein extrem schwieriger Fall. Aber wenn ich keine Hoffnung hätte, würde ich es klar sagen. Es bringt nichts, drum herum zu reden.

Was ändert sich durch den neuen Reha-Partner Medical Park und dadurch, dass die Teamärzte Heribert Ditzel und Stefan Hertl künftig Praxen im neuen Gebäude-Komplex haben werden?

Schlumberger Das ist sehr gut für uns. Ibo Traoré war schon bei Medical Park am Tegernsee, ich war in den letzten Tagen mit Mamadou Doucouré dort und Lars Stindl wird noch hingehen. Es ist ein hoch professioneller Partner mit einem hohen Erfahrungswert. Was die Ärzte betrifft, wird durch den neuen Gebäudekomplex die Präsenz optimiert. Das ist wichtig.

Haben Sie die Verletzungen der vergangenen Saison kategorisiert?

Schlumberger Wir haben klare Faktoren herausgearbeitet, die zu Verletzungen geführt haben. Es gab nicht den einen Faktor, sondern viele verschiedene. Aber es gibt Trends, die zu bestimmten Verletzungen geführt haben. Mein Ansatz ist es, immer anzunehmen, dass wir etwas hätten besser machen können. Dann gehen wir beim nächsten Mal besser an die Sache ran. Ich muss aber sagen, auch wenn es für den einen oder anderen seltsam klingen wird: Es gibt schon gute Entwicklungen. Zum Beispiel, dass wir zum Ende der Saison wieder deutlich besser personell aufgestellt waren. Das sollte zwar der Normalfall sein, musste nach unserer Durststrecke aber erst wieder erreicht werden.

Gibt es in Ihren Analysen die Worte Zufall und Pech?

Schlumberger Es gibt wenige Fälle, wo ich die Umstände so definiere. Nehmen wir die Verletzung von Lars Stindl. Es gibt zwei Betrachtungsweisen. Die eine ist: Hat er in der Situation die richtige Entscheidung getroffen, in der Situation noch den Fuß reinzustellen oder nicht? Da sage ich: Ja, es geht ja um alles. Kurz bevor der Fuß auf dem Boden aufkommt, trifft ihn Thilo Kehrer, wodurch der Körper eine ganz neue Einstellung bekommt und die Muskelspannung nicht mehr stimmt. Da knickt er weg. Das war eine Verkettung unglücklicher Umstände.

Sind Muskelverletzungen die, die man am ehesten verhindern kann?

Schlumberger Viele sagen, Gelenkverletzungen sind weniger verhinderbar als Muskelverletzungen. Das sehe ich nicht so. Schauen wir nochmal auf Stindl: Wenn Kehrer seinen Fuß nicht trifft, passiert nichts, weil der Körper genau weiß, wie er zu reagieren hat. So aber ist der Fokus nicht mehr auf der Muskelspannung gewesen. Wenn die Muskulatur durch eine Ermüdung nicht voll angespannt ist, kann es also zu Gelenkverletzungen kommen. Es gibt immer einen Zusammenhang. Daher macht man es sich sehr leicht zu sagen: Muskelverletzungen kann man verhindern, Gelenkverletzungen nicht. Das ist für mich Polemik.

Worauf kommt es an?

Schlumberger Wir müssen den Bewegungsapparat der Spieler so gut wie möglich regenerieren und präventiv optimieren, dann wird so wenig wie möglich passieren.

Sind Sie zuversichtlich, dass sich das Problem der vergangenen Saison in der neuen Spielzeit deutlich verringern wird?

Schlumberger Den Fans, für die das Thema ein sehr emotionales ist, kann ich versprechen, dass wir die Dinge, die wir besser machen können, auch besser machen werden. Das muss zwangsläufig zu Verbesserungen führen. Denn ich gehe davon aus, dass wir Strategien in Arbeit haben, die dazu führen, dass wir alle Entscheidungen auf noch bessere Füße stellen durch mehr Qualität und mehr Personal und wir geringere Verletzungszahlen haben werden. So kann der festangestellte Arzt, der dazu kommt, immer beim Training dabei sein, so dass die Kommunikationswege noch kürzer werden. Aber ich will auch Realist sein: Die Tatsache, dass wir mit vielen Spielern mit einer Vorverletzung in die Saison gehen, macht es nicht zu einem Selbstläufer. Wir sprechen immer nur über Wahrscheinlichkeiten, die wir vergrößern.

Das heißt: Borussia wird mehr Erfolg haben. Dieter Hecking hat es gesagt: „Mit voller Kapelle haben wir mehr Erfolg.“ Setzt das die medizinische Abteilung unter Druck?

Schlumberger Nein, das empfinde ich nicht so. Es ist ja der Kern unserer Aufgabe. Und dass mehr gesunde Spieler mehr Möglichkeiten geben, erfolgreich zu sein, liegt auf der Hand. Aber es ist eben keine Garantie. Es geht vor allem darum, dass ein Trainer die volle Kapelle auf dem Trainingsplatz stehen hat. Dann hat er alle Optionen, die der Kader hergibt: einen gesunden Konkurrenzkampf, taktische Varianten und personelle Alternativen.

Wäre nicht mehr Transparenz der Verletzungssituationen in der Öffentlichkeit hilfreich, um mehr Verständnis zu bekommen für die Situation?

Schlumberger Der Trend geht ja eher in die andere Richtung. Es wird weniger öffentlich gemacht. Es ist aber auch so, dass die Verletzungen auch immer schwieriger zu beschreiben und entsprechend schwieriger einzuschätzen sind. Durch die technischen Innovationen sieht man tatsächlich Dinge, die man früher gar nicht gesehen hat. Und es macht zum Beispiel einen großen Unterschied, ob es nur eine Muskelverletzung ist oder eine Muskelverletzung mit Sehnenbeteiligung. Sobald die Sehne dabei ist, wird die Verletzung länger dauern. Solche Verletzungen treten häufiger auf. Da muss sich die gesamte Szene fragen: Warum passiert das eigentlich?

Hängt das mit den Veränderungen im Spiel zusammen? Es wird mehr Pressing gespielt, ergo gibt es mehr Sprints und Zweikämpfe.

Schlumberger Das ist eine Erklärungsmöglichkeit. Man darf aber nicht vergessen, dass Fußball mehr und mehr eine Ganzjahressportart geworden ist. Die Pausen für die Spieler werden immer kürzer. Eigentlich bringt es mehr konstante Fitness, wenn einer ständig spielt. Ein Ergebnis unserer Analyse ist, dass bei uns viele Ersatzspieler verletzt waren. Da müssen wir fragen, warum das so ist – und Bedingungen schaffen, dass das in der neuen Saison nicht so ist. Belastungsteuerung kann eine Rolle spielen, vor allem aber, und das ist nicht Gladbach-spezifisch, sind es Fehlentwicklungen in der Athletik.

Inwiefern?

Schlumberger Krafttraining gilt als Allzweckwaffe. Das sehe ich nicht so. Kraft spielt eine Rolle im Fußball, aber es ist eine ganz spezielle Anforderung an die Muskulatur. Man kann American Football nicht mit Fußball vergleichen. Es gibt dort Spezialpositionen, deutlich geringere Belastungszeiten und keiner läuft zwölf oder 13 Kilometer in einem Spiel. Beim Football macht eine hohe Krafttrainingsbelastung Sinn, im Fußball nicht. Nur weil manche Sachen „in“ sind, sind sie nicht überall hilfreich.

Aber hat sich der Anspruch an den Fußballerkörper nicht grundsätzlich verändert?

Schlumberger Es wird ein ganz anderer Schwerpunkt auf die Geschwindigkeits-Anforderung gesetzt. Einen etwas langsameren Spieler heute zu integrieren, ist ein Problem. Dann kann man bestimmte Elemente des überfallartigen Fußballs nicht spielen. Die erste Frage vieler Trainer bei einem Spieler geht nicht auf den Ausdauerwert, sondern auf den Schnelligkeitswert, es geht um die ersten 30 Meter. Eine gute 30-Meter-Zeit liegt zwischen 3,8 und 3,9 Sekunden, eine schlechte zwischen 4,2 und 4,3. Die wird man aber nicht runterkriegen unter vier Sekunden. Ausdauer kann man sich im Training aneignen, Geschwindigkeit zu steigern, ist schwerer zu realisieren.

Lionel Messi ist aber auch kein Geschwindigkeits-Monster.

Schlumberger Auch Iniesta nicht. Sicherlich gibt es auch andere Ansätze als den schnelligkeitsorientierten – und es kommt immer auch auf das System an. Wenn ich, wie zum Beispiel die Teams von Pep Guardiola, extrem hoch stehe, brauche ich natürlich nicht so viele Sprinter. Ich beschreibe aber den allgemeinen Trend. Und da wird für den überfallartigen Fußball mehr Geschwindigkeit gebraucht.

Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz führten das Gespräch.