Eishockey-WM 2019: Deutschland schreibt ein neues Eishockey-Märchen

Nach 3:2 gegen die Slowakei : Das neue deutsche Eishockey-Märchen

Gut ein Jahr nach dem olympischen Silber eilt die Nationalmannschaft bei der WM von Erfolg zu Erfolg. Das Viertelfinale kann das Team nur noch rechnerisch verpassen, auch die Qualifikation zu den Olympischen Spielen 2022 ist quasi gesichert.

Leon Draisaitl musste erst einmal tief durchatmen. „Ich habe in dem ganzen Spiel nichts wirklich Gutes hinbekommen“, sagte der Superstar des deutschen Eishockey-Nationalteams. „Da habe ich gedacht, eine gute Aktion muss ich noch zustande bringen.“ Und das tat er – 27 Sekunden vor der Schlusssirene des vierten Gruppenspiels bei der Weltmeisterschaft hämmerte der Torjäger der Edmonton Oilers den Puck zum 3:2-Siegtreffer über Gastgeber Slowakei ins kurze Eck. Die mit 7440 Zuschauern vollgepackte Steel-Arena im Kosice war schlagartig leise. „Als das Tor fiel, hat man keinen Mucks mehr gehört, das war unglaublich“, sagte Markus Eisenschmid (Mannheim), der in der vorletzten Minute der Partie erst den Ausgleichstreffer erzielte. Da hatte Bundestrainer Toni Söderholm bereits den Torhüter zugunsten eines sechsten Feldspielers vom Eis genommen.

Das Risiko zahlte sich aus. Durch den vierten Sieg in Folge kann die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) das Viertelfinale nur noch rechnerisch verpassen, auch die Qualifikation zu den Olympischen Spielen 2022 ist quasi gesichert. So gut war eine deutsche Mannschaft zuletzt vor 89 Jahren in eine WM gestartet: In Chamonix 1930 wurde noch teilweise auf Natureis gespielt, am Ende wurde Deutschland Vizeweltmeister. Und heute? Reitet die Nationalmannschaft schon wieder eine ähnliche Euphoriewelle wie bei den Olympischen Spielen 2018, als das Team sensationell ins Finale kam und mit Silber nach Hause reiste.

Diesen Coup zu wiederholen, wird indes ungleich schwerer: Selten war eine Weltmeisterschaft so gut besetzt wie in diesem Jahr, fast alle guten Spieler aus der nordamerikanischen NHL sind dabei. Umso höher ist der Sieg gegen die Slowaken zu bewerten, die gleich sieben Profis aus Übersee aufbieten konnten. Obwohl die Gastgeber über lange Zeit mehr vom Spiel hatten, zeichnete sich die deutsche Mannschaft durch eine starke Torhüter- und Defensivleistung sowie einem unbändigen Willen aus. „Wir waren teilweise nicht die bessere Mannschaft auf dem Eis“, sagte Bundestrainer Toni Söderholm. „Man kann die Jungs nur loben, dass sie so stark zurückgekommen sind.“

Einer der Hauptgründe für den Erfolg ist die starke Abwehrleistung. Mathias Niederberger (Düsseldorfer EG), der in drei der vier Spiele im Tor stand, hält seinen Kasten beeindruckend sauber. Nur fünf Gegentore kassierte die Mannschaft um Kapitän Moritz Müller (Kölner Haie) im bisherigen Spielverlauf – obwohl die Gegner statistisch viele Schüsse bekommen. Doch die deutsche Abwehr spielt taktisch sehr klug, drängt die gegnerischen Stürmer in ungünstige Schusspositionen.

Gegen die Slowakei kam auch das nötige Glück dazu, zweimal scheiterten die Gastgeber am Pfosten. Nicht einmal von überharten Checks – Verteidiger Moritz Seider (Mannheim) musste nach einem schmutzigen Bandencheck benommen in die Kabine geführt werden – und Provokationen ließ sich die Mannschaft ablenken. Nur einmal, Mitte des zweiten Drittels, verloren die Deutschen ein wenig die Contenance, kassierten drei Strafzeiten und daraus resultierten direkt zwei Gegentore. Doch dabei sollte es bleiben.

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Und was kommt jetzt? Söderholm bleibt betont nüchtern. „Zum Glück haben wir ein paar Tage frei, so dass wir den Erfolg genießen können und dann wieder zurück auf den Boden kommen“, sagt er. „Ich glaube schon, dass vor uns noch ein paar Hürden stehen.“ Er weiß, wovon er redet. Denn der Spielplan des deutschen Teams ist in diesem Jahr so aufgebaut, dass nach einem Pflichtsieg zum Auftakt gegen Aufsteiger Großbritannien (3:1) zwei Gegner auf Augenhöhe warteten. Doch gegen Dänemark (2:1) und Frankreich (4:1) dominierte das deutsche Team weite Strecken der Partie. Die Slowaken waren der erste richtig dicke Brocken bei dieser WM.

Davon folgen jetzt noch drei weitere in der Vorrunde: Am Samstag (16.15 Uhr) spielt Deutschland gegen Kanada, 24 Stunden später gegen die USA. Den Vorrunden-Abschluss bildet am Dienstag (12.15 Uhr) das Duell gegen Finnland. „Nur an einem Sahnetag können wir auch die Großen schlagen“, sagt Verteidiger Yannic Seidenberg (München). Der Vorteil ist: Diese „Brocken“ können Draisaitl und seine Kollegen angesichts der quasi sicheren Viertelfinal-Quali entspannt angehen.

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