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Experiment Weimar: Zeitzeuge John Maynard Keynes

Zeitzeuge John Maynard Keynes : Europas stummes Beben

John Maynard Keynes (1883–1946) ist der einflussreichste Ökonom des 20. Jahrhunderts. Die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs gründete sich für ihn vor allem in der Tatsache, dass die Männer des Versailler Vertrags 1919 die wirtschaftlichen Folgen völlig außer Acht ließen. In seinem Buch „Krieg und Frieden. Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles“ schrieb er:


Für einen, der das halbe Jahr gleich nach dem Waffenstillstand größtenteils in Paris verbracht hat, war ein gelegentlicher Besuch in London ein seltsames Erlebnis. England steht immer noch außerhalb Europas. Europas stummes Beben erreicht England nicht. (…)

Doch Europa hängt in sich solide zusammen. Frankreich, Deutschland, Italien, Osterreich und Holland, Russland und Rumänien und Polen haben denselben Pulsschlag, und ihre Struktur und Zivilisation sind wesentlich eins. (…)

Wenn der europäische Bürgerkrieg damit enden würde, dass Frankreich und Italien ihre augenblickliche Siegerposition dazu missbrauchen, die niedergeworfenen Mächte Deutschland und Österreich-Ungarn zu vernichten, dann arbeiten sie auf ihre eigene Zerstörung hin, da sie mit den Opfern aufs Engste und Unauflöslichste durch verborgene seelische und wirtschaftliche Bande verknüpft sind. (…)

Paris war ein Albtraum, und alle dort waren morbid. Ein Gefühl unmittelbar bevorstehender Katastrophe lag über der frivolen Szenerie; das sinnlose Handeln und die Kleingeistigkeit des Menschen angesichts der großen Ereignisse, mit denen er konfrontiert war; die hohe Bedeutung und gleichzeitige Unwirklichkeit der anstehenden Entscheidungen; Leichtfertigkeit, Blindheit, Dreistigkeit, verworrenes Geschrei von draußen – alle Elemente der antiken Tragödie waren versammelt.