Zeitzeuge Ernst Troeltsch : Sabotage von rechts

Ernst Troeltsch (1865–1923) war nicht nur ein bedeutender Theologe, sondern auch Politiker der Weimarer Republik. Für die linksliberale Deutsche Demokratische Partei war er Mitglied der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung und ab Juli 1920 auch Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung. Seine „Spektator-Briefe“, wie dieser aus dem Dezember 1919, berichten in einer lebhaften Mischung aus Tagebuch und Reportage.


Eine der üblichen Zeitungsüberschriften ist heute „Die Welle von rechts“. Wo sind die eigentlichen Herde der Reaktion? Teilweise gehören dazu die alten Beamten, die sich zunächst zur Verfügung gestellt hatten und ohne die auch gar nicht zu regieren gewesen wäre, die aber nunmehr sich vielfach zu einer Art Obstruktion oder gar Sabotage der Regierung gewandt haben. Großgrundbesitzer und Pastorentum machen zum größten Teil mit allen Mitteln konservative Politik, denunzieren jeden Sozialismus als Bolschewismus und glauben damit eine bewaffnete Abwehr verbinden zu dürfen; in manchen kleinen Städten herrscht sozial ein vollkommener konservativer Terror und Boykott. Hinzu kommen die Elemente der städtischen und akademischen Bildung. Sprach man vor einem Jahre vor Studenten, so musste man sich auf wilde pazifistische, revolutionäre, ja idealistisch-bolschewistische Widersprüche gefasst machen; heute muss man auf antisemitische, nationalistische, antirevolutionäre Einsprüche sich einrichten.  Man bedenke übrigens, dass die schärfsten Vertreter der akademischen Reaktion gerade die Mediziner sind, die fürchten, in die Stellung öffentlich angestellter Hebammen herabzusinken.