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Karl Kraus und die Erfahrung des Ersten Weltkriegs

Zeitzeuge Karl Kraus : Der Spötter seiner Zeit

Karl Kraus (1874–1936) war Schriftsteller, Lyriker, Herausgeber und Journalist. Sein Hauptwerk war die größtenteils von ihm allein verfasste Zeitschrift „Die Fackel“, die erstmals 1899 erschien und bis wenige Wochen vor seinem Tod die Zeit, die Politik und die Sprache der Menschen entlarvte. In seinem Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ spiegelt er den Ersten Weltkrieg. Im Vorwort heißt es:


Wer schwache Nerven hat, wenn auch genug starke, die Zeit zu ertragen, entferne sich von dem Spiel. Es ist nicht zu erwarten, dass eine Gegenwart, in der es sein konnte, das wortgewordene Grauen für etwas anderes nehme als für einen Spaß, zumal dort, wo es ihr aus der anheimelnden Niederung der grausigsten Dialekte wiedertönt, und das eben Erlebte, Überlebte für etwas anderes als Erfindung. Für eine, deren Stoff sie verpönt. Denn über alle Schmach des Krieges geht die der Menschen, von ihm nichts mehr wissen zu wollen, indem sie zwar ertragen, dass er ist, aber nicht, dass er war. (...)

Wie tief begreiflich die Ernüchterung einer Epoche, die, niemals eines Erlebnisses und keiner Vorstellung des Erlebten fähig, selbst von ihrem Zusammenbruch nicht zu erschüttern ist, von der Sühne so wenig spürt wie von der Tat, aber doch Selbstbewahrung genug hat, sich vor dem Phonographen ihrer heroischen Melodien die Ohren zuzuhalten, und genug Selbstaufopferung, um sie gegebenenfalls wieder anzustimmen. Denn dass Krieg sein wird, erscheint denen am wenigsten unfassbar, welchen die Parole „Jetzt ist Krieg“ jede Ehrlosigkeit ermöglicht und gedeckt hat, aber die Mahnung „Jetzt war Krieg!“ die wohlverdiente Ruhe der Überlebenden stört.