Das Wunder von Ostafrika – Minhaj lebt

Das Wunder von Ostafrika – Minhaj lebt

Die islamische Shabaab-Miliz hat 16 Hilfsorganisationen aus Somalia vertrieben, mehr als eine Million Hungernde können nicht mehr versorgt werden – schlechte Nachrichten aus dem Dürregebiet gibt es fast täglich. Doch es gibt auch eine gute: Ein kleiner Junge, dessen Foto als ausgemergeltes Baby um die Welt ging, ist gerettet worden und wohlauf.

Dadaab Es ist ein Signal der Hoffnung in einer nicht enden wollenden Katastrophe: Vom Tod gezeichnet schien der damals sieben Monate alte Minhaj Gedi Farah, als er im kenianischen Dadaab, dem größten Flüchtlingslager der Welt, von einem Fotografen der Nachrichtenagentur AP entdeckt wurde. Das Bild des Kindes ging um die Welt und wurde zum Symbol für die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika. Jetzt suchten Reporter erneut nach Minhaj. Sie fanden einen offenbar kerngesunden, munteren Jungen, der – inzwischen acht Kilogramm schwer – allein krabbeln und sitzen kann.

Im Juli hatte der kleine Somali, der mit seiner Mutter ins benachbarte Kenia geflohen war, gerade einmal 3,4 Kilogramm gewogen – weniger als manches Neugeborene. Aus Dadaab, das mit Hunderttausenden Hungernden überfüllt war, kamen jene Bilder, die viele Menschen zutiefst anrührten. Gerade die Fotos unterernährter Kinder wie Minhaj ließen die Spendenbereitschaft weltweit steigen.

Was danach aus solchen tragischen Einzelschicksalen wird, das bleibt meist im Verborgenen. Doch nicht so bei Minhaj: Bei einer Spendenveranstaltung des Internationalen Roten Kreuzes in New York war der Junge plötzlich wieder ein Thema, neue Bilder von ihm wurden gezeigt: ein pausbäckiger Elfmonatiger, neugierig um sich blickend, mit einem Arzt oder in den Armen seiner Mutter.

Das kleine Wunder hat er der intensiven Betreuung durch die Hilfsorganisationen zu verdanken. Wochenlang wurde er wie viele andere vom Tod Bedrohte unter anderem mit einer Erdnussbutter-Paste gefüttert, die mit Nährstoffen angereichert ist. Minhajs Mutter hatte schon längst die Hoffnung aufgegeben, dass ihr Junge überleben würde. "Sie glaubte nicht, dass er sich erholt. Jetzt ist die gesamte Familie unsagbar glücklich", berichtet Sirat Amin, ein Ernährungshelfer des Internationalen Roten Kreuzes.

Hunderttausende Somalier sind seit Anfang des Jahres vor Krieg und Dürre über die Grenze geflohen. Als die UN die Hungersnot feststellten, sorgte das für breite Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Aber der Flüchtlingsstrom ist nun fast versiegt, viele Hungernde wurden in Lagern in Kenia und Äthiopien untergebracht. Sie werden dort medizinisch betreut und verpflegt.

Doch die Not ist nach wie vor groß, obwohl es nach der jahrelangen Trockenheit im Osten Afrikas jetzt endlich wieder geregnet hat. Denn das bringt den Helfern zusätzliche Probleme, berichtet Simone Winneg von der deutschen Hilfsorganisation Humedica, die im Flüchtlingslager Melkadida an der äthiopisch-somalischen Grenze arbeitet: "Der Regen verwandelt das Camp und die Wege in riesige Schlammpfützen."

Starke Regenfälle und Dunkelheit sorgten für neue Herausforderungen: "Schulkinder haben kaum eine Möglichkeit, ihre Hausaufgaben zu machen. Selbst das Kochen wird schwierig." Humedica habe deshalb mit der Verteilung von Solarlampen begonnen. Die Pisten und Pfade zu den Zeltlagern sind für die Lastwagen mit Hilfsgütern fast unpassierbar geworden. Viele Flüchtlinge litten unter lebensgefährlichen Durchfallerkrankungen wie der Cholera.

Heftige Kämpfe in Somalia erschweren die Hilfeleistungen zusätzlich. Die islamistische Shabaab-Miliz, die sich zum Terrornetzwerk al Qaida bekennt, hat am Montag 16 internationale Hilfsorganisationen aus Süd-Somalia verbannt und ihren Besitz beschlagnahmt, darunter das Flüchtlingshilfswerk UNHCR, die Weltgesundheitsorganisation und das Kinderhilfswerk Unicef. Die bewaffneten Kämpfer besetzten auch Räume der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit.

Bei einem Bombenattentat der Islamisten auf die Kinderstation des Banadir-Hospitals in der somalischen Hauptstadt Mogadischu seien am Sonntag sieben kleine Patienten verletzt worden, berichtet die Koordinierungsstelle der Vereinten Nationen. Wegen des Shabaab-Terrors könnten zurzeit statt 2,6 Millionen nur 1,5 Millionen Notleidende versorgt werden.

Auch aus den Gebieten, wo die Helfer unbehelligt arbeiten können, ist der Tod nicht verbannt. "Täglich sterben Kinder. Die Hungersnot ist noch nicht vorbei", betont Hannan Sulieman von Unicef. Doch das Bild von Minhaj macht vielen Betroffenen Hoffnung, dass auch ihnen bald geholfen wird – wenn die Spenden weiter fließen.

(RP)
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