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Wikileaks enthüllt geheime US-Militärakten: Afghanistan: Unbekannte US-Einheit jagt Taliban

Wikileaks enthüllt geheime US-Militärakten : Afghanistan: Unbekannte US-Einheit jagt Taliban

Hamburg/Washington (RPO). Die Veröffentlichung Tausender US-Dokumente auf der Internet-Plattform Wikileaks hat zahlreiche geheime Vorgänge im Afghanistan-Einsatz aufgedeckt. Die Informationen stammen aus amerikanischen Militärdatenbanken und belegen, dass es viele Pannen gegeben hat.

Auch legen die in der Nacht auf Montag veröffentlichten Dokumente offen, dass eine bislang unbekannte US-Einheit Jagd auf die Taliban macht. Das Magazin "Der Spiegel", die "New York Times" und der "Guardian" hatten die Unterlagen vorab zur Prüfung bekommen.

Der Wikileaks-Gründer Julian Assange sagte, die Dokumente könnten möglicherweise Kriegsverbrechen belegen. "Es obliegt am Ende einem Gericht, zu entscheiden, ob etwas ein Verbrechen ist. Es scheint, dass es Beweise für Kriegsverbrechen sind." Assange verglich die Veröffentlichung der Dokumente mit dem Öffnen der Stasi-Akten nach der deutschen Wiedervereinigung.

Die US-Regierung verurteilte die Veröffentlichung der mehr als 90.000 Protokolle. Diese "gefährden das Leben von Amerikanern und das unserer Partner", teilte das Weiße Haus mit.

Spiegel: Deutschland nicht umfassend über informiert

"Der Spiegel" kommt nach Auswertung der Unterlagen zu dem Schluss, dass die deutsche Öffentlichkeit nicht umfassend über die tatsächliche Lage im Norden Afghanistans informiert wird. Dort befindet sich das Einsatzgebiet der Bundeswehrsoldaten. "Die Berliner Stellen schweigen über viele Vorkommnisse, die nicht unmittelbar deutsche Soldaten, wohl aber die Region betreffen, in der sie stationiert sind", heißt es in dem Magazin.

Besonders heikel dürften für die Regierungen der USA und Pakistans jene Dokumente sein, die eine enge Zusammenarbeit zwischen den Taliban und dem pakistanischen Geheimdienst ISI belegen sollen. Pakistans Geheimdienst dementierte am Montag die von Wikileaks veröffentlichten Berichte. Die Behauptung, eng mit den Taliban gegen Nato-Truppen zusammengearbeitet zu haben, sei bösartig und entbehre jeder Grundlage.

Der pakistanische Botschafter in den USA, Husain Haqqani, kritisierte, dass die veröffentlichten Berichte nicht die Realität im Kampf gegen die Taliban zeige. Zuvor hatte der Sicherheitsberater des Weißen Haus, General Jim Jones eine engere Partnerschaft mit Afghanistan gepriesen. "Die Kooperation im Anti-Terroreinsatz haben der Al-Kaida-Führung erhebliche Schäden zugefügt."

Nach Einschätzung des "Guardian" bleiben die Dokumente einen überzeugenden Beweis für die Zusammenarbeit zwischen ISI und Taliban schuldig. Gleichwohl sind einige Experten der Ansicht, dass Pakistan in den Taliban einen nützlichen Verbündeten sieht für die Zeit nach dem Abzug der Nato-Truppen.

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Die Militärprotokolle legen laut "Spiegel" unter anderem die Arbeit eines US-Geheimkommandos offen: Die US-Eliteeinheit namens Task Force 373 mache in Afghanistan gezielt Jagd auf mutmaßliche Taliban und andere Aufständische. Dabei komme es immer wieder zu verheerenden Irrtümern: So gehe aus einem Bericht vom 17. Juni 2007 hervor, dass die US-Streitkräfte bei einem Raketenangriff einen Al-Kaida-Funktionär treffen wollten, stattdessen aber sechs Kinder in einer Koranschule töteten.

Hinsichtlich des deutschen Einsatzes enthielten die Protokolle laut "Spiegel" keine Hinweise auf "bislang unbekannte Gewaltexzesse etwa gegenüber der Zivilbevölkerung und auch keine illegalen Geheimoperationen, an denen die Deutschen teilgenommen hätten", schreibt das Magazin.

USA loben Zusammenarbeit mit Pakistan

Die US-Regierung wird nach Informationen der Nachrichtenagentur AP in den nächsten Tagen die veröffentlichten Dokumente auswerten. Dabei soll herausgefunden werden, ob möglicherweise Gefahren für die nationale Sicherheit bestehen könnten. Nach AP-Informationen ist sich die US-Regierung nicht sicher, woher die Dokumente stammen. Wie der "Guardian" berichtet, vermutet die für Sicherheitsfragen zuständige britische Ministerin Pauline Neville-Jones, dass die Dokumente Wikileaks nicht nur zugespielt wurden, sondern möglicherweise auch Datenbanken von Verdächtigen gehackt wurden.

Guttenberg fordert ungeschminktes Afghanistan-Bild

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) plädiert für einen realitätsnäheren Blick auf den internationalen Afghanistan-Einsatz. "Wir haben die Zielsetzungen zu hoch geschraubt und wahrscheinlich an der ein oder anderen Stelle die Realitäten auch weichgezeichnet", sagte Guttenberg am Montag dem Fernsehsender Phoenix. Auch er selbst habe Fehler gemacht.

Ob die soeben veröffentlichten US-Militärdokumente ein komplett anderes Bild des Militäreinsatzes am Hindukusch zeichneten, werde man sehen müssen, sagte der Minister weiter. "Die kann man nicht innerhalb weniger Stunden lesen."

"Ich bemühe mich um ein sehr ungeschminktes Bild von Afghanistan", stellte Guttenberg klar. Die Lage in Afghanistan beurteilt der Verteidigungsminister als "weiterhin in vielen Teilen außerordentlich schwierig und in gewissen Teilen auch sehr gefährlich". Der Status in Kundus etwa habe sich nicht verbessert. Ein dauerhaft völlig stabilisiertes Afghanistan hält der CSU-Politiker für unrealistisch.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle hat eine Prüfung der im Internet aufgetauchten US-Militärprotokolle zum Afghanistan-Einsatz angekündigt. "Es muss jetzt ausgewertet werden, was es hier an neuen Erkenntnissen gibt", sagte er am Rande eines EU-Außenministertreffens am Montag in Brüssel.

Kabul nicht überrascht

Die afghanische Regierung hat verhalten auf die Veröffentlichung von zehntausenden geheimen Dokumenten zum Afghanistan-Krieg im Internet reagiert. Vom "Inhalt selbst" sei die Regierung "nicht überrascht", sagte ein Sprecher von Präsident Hamid Karsai am Montag auf einer Pressekonferenz in Kabul. Er räumte allerdings ein, dass die Regierung "schockiert vom enormen Umfang der enthüllten Dokumente" sei. Präsident Karsai habe auf die Enthüllungen mit den Worten reagiert, "dass das für uns nicht neu war".

Erst nach umfassender Lektüre der Dokumente lasse sich mehr sagen, sagte der Sprecher. Zwei Fragen gelte jedoch schon jetzt die besondere Aufmerksamkeit Kabuls: Dabei gehe es um die von den internationalen Truppen dementierten Zahlen getöteter Zivilisten in Afghanistan und die Rolle ausländischer Geheimdienste wie des pakistanischen ISI.

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(apd/felt)