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Mord in Idar-Oberstein: Entsetzen über Radikalisierungspotenzial der Querdenker-Szene

Mord in Idar-Oberstein : Demaskierter Hass

Der Mord an einem jungen Tankstellen-Kassierer in Idar-Oberstein zeigt, wie aus Hass auf den Staat Gewalt gegen Menschen werden kann. Und manche Reaktionen im Netz belegen, dass es den Hetzern genau darum geht.

Man kann es nicht fassen. Wie viel Wut, Geltungssucht und krude Ideologie muss sich in einem Menschen angesammelt haben, damit er wegen einer banalen Zurechtweisung seine Waffe auf einen anderen richtet, abdrückt, einem jungen Mann die Chance nimmt, sein Leben zu leben, seine großen und kleinen Träume zu verwirklichen. Den Führerschein zu machen zum Beispiel – darum soll das Opfer in Idar-Oberstein an der Tankstelle ausgeholfen haben.

Nun ist einmal mehr aus spalterischer, hetzerischer Rhetorik ein schreckliches Verbrechen geworden. Noch weiß man zu wenig über den Täter, um die Wege seiner Radikalisierung nachvollziehen zu können. Doch allein die Tatsache, dass das Maskengebot ihm den Anlass für einen Mord gab, der einer Hinrichtung glich, zeigt, wie viel rechtfertigendes Gedankengut für Hass und Gewalt durch die eskalierten Auseinandersetzungen über die Corona-Regeln in die Gesellschaft gesickert ist.

Die Tat geschah ja nicht unmittelbar im Affekt. Der Täter hat erst seine Waffe geholt und den Streitanlass erneut provoziert. Noch weiß man nicht, was in der Zwischenzeit geschah. Und Gutachter werden die psychische Verfassung des Täters ergründen müssen. Doch bleibt der Befund, dass der Hinweis auf eine seit Monaten für alle geltende Regel genügte, um Mechanismen in Gang zu setzen, an deren Ende tödliche Gewalt steht.

Nun äußern viele Entsetzen über die Tat und Besorgnis über das Radikalisierungspotenzial der Querdenker-Szene. Denn es gab nicht nur den ungeheuerlichen Mord, es gab Reaktionen in den digitalen Netzwerken, die von Hass bis Häme reichen. Die Strategie, Leuten einzureden, ein diktatorischer Staat verletzte ihre Freiheit und Würde, darum sei jede Gegenwehr erlaubt, ist längst aufgegangen. Und plötzlich ist nicht nur der vermeintlich diktatorische Staat der Gegner, sonder auch der konkrete Mensch an der Kasse oder bei der Kontrolle im Zug. Im Netz finden sich erschreckend viele Berichte etwa von Kassiererinnen oder Arzthelfern über die täglichen Anfeindungen. Ausgerechnet die Menschen, die zum Schutz aller im Alltag die Coronaregeln durchsetzen müssen, werden Zielscheibe immer dreisterer Aggression. Da zeigt sich, welches Gewaltpotenzial in der Opfer-Gegenwehr-Erzählung steckt. Eine Erzählung, die in der Corona-Leugner-Szene immer wieder bedient wird.

Trotzdem sollte der Reflex nun nicht sein, Gegner der Coronaregeln oder gar Impfskeptiker in die radikale Ecke zu drängen. Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was die Regierung in der Pandemie erlassen hat. Und natürlich gibt es Menschen, die mit ihrer Impfentscheidung ringen und den Solidaritätsgedanken keineswegs leichtfertig beiseite schieben. Gerade jetzt sollte sich die Öffentlichkeit nicht in simples Freund-Feind-Denken treiben lassen. Denn das vertieft die Spaltung der Gesellschaft und trägt zur Radikalisierung von Menschen bei, die sich als Opfer inszenieren, um ihre Gewalt zu rechtfertigen.

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Genauso gilt aber auch, dass es gegenüber gewaltbereiten Coronaleugnern, die Hass predigen, keine Toleranz mehr geben sollte. Ihnen geht es weder um Meinungsfreiheit noch den besten Weg aus der Pandemie. Es geht um den Kampf gegen den Staat, um Hetze und Aufwiegelung. Wer den Mord an einem 20-Jährigen Kassierer an einer Tankstelle für Hämekommentare missbraucht, hat jeden Anstand verloren.