Heiner Barz: "Politisch korrekt, aber bitte verständlich"

Heiner Barz : "Politisch korrekt, aber bitte verständlich"

Für Studierende ist politische Korrektheit in der Sprache offenbar kein Problem. Diese Erfahrung hat der Düsseldorfer Uni-Professor Heiner Barz gemacht. Er plädiert dafür, Gender-Aspekte nur so zu berücksichtigen, dass Texte lesbar bleiben.

Düsseldorf (RP) Wenn man in einem Text über Studenten schreibt und dabei Studenten beiderlei Geschlechts meint - muss man dann "Studentinnen und Studenten" formulieren und das womöglich schon im nächsten Absatz wiederholen? Solche Fragen beschäftigen längst nicht mehr nur auf Korrektheit bedachte Politiker, sondern auch Hochschullehrer. Wir sprachen mit Heiner Barz, Bildungsforscher an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Wenn Sie im Fernsehen Politiker über Forscherinnen und Forscher sprechen hören, was überwiegt dann bei Ihnen: die Freude über die politische Korrektheit - oder nervt Sie das?

Barz Weder noch. Man hat sich daran gewöhnt. Gerade in der Politik spielt es eine wichtige Rolle, wenig Angriffsfläche, wenig Grund zu Empörung zu bieten und deshalb nach Möglichkeit beide Geschlechter sprachlich zu berücksichtigen.

Wie halten Sie es in Ihren Seminaren an der Heine-Uni: Erwarten Sie von Ihren Studierenden, dass sie ebenfalls so korrekt sind, oder geht es lediglich darum, Ausdrücke wie "Heulsuse" und "alter Hase" zu vermeiden?

Barz Ich stelle fest, dass das für die Studierenden von heute offenbar kein großes Thema ist. Wenn Studierende Referate schreiben, bekommt man viele formale Rückfragen: Wie breit muss der Seitenrand, wie groß soll der Zeilenabstand sein? Wie muss ich zitieren? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mal einer oder eine gefragt hätte: Muss ich beim Schreiben immer beide Geschlechter berücksichtigen, muss ich das große Binnen-I verwenden, muss ich mit Schrägstrichen arbeiten? Ich habe umgekehrt schon mal in meinen Kursen gefragt, was sie für richtig halten. Überraschend ist die große Mehrheit auch der weiblichen Studierenden der Meinung, dass das alles ziemlich albern sei und etwa mit dem Begriff "Lehrer" selbstverständlich Angehörige beiderlei Geschlechts gemeint seien. Ich selbst jedenfalls mache diesbezüglich keine Vorgaben.

Wie verfahren Sie, wenn Sie wissenschaftliche Texte veröffentlichen?

Barz Ich versuche, beide Geschlechter zu benennen, jedenfalls dort, wo es ohne Umständlichkeit geht. Und ich versuche, neueren Ratgebern zu folgen und geschlechtsbezogene Formulierungen zu vermeiden - also statt "Studentinnen und Studenten" einfach "Studierende".

Wie halten es Ihre Kollegen? Gibt es Unterschiede zwischen Älteren und Jüngeren?

Barz Unabhängig vom Alter finden wir an der Uni wohl alle Fraktionen zur Gender-Thematik. Es gibt Kollegen, die das Thema für absurd halten und über diese Fragen des Sprachwandels höchstens üble Macho-Witze machen -- wahrscheinlich eher in den konservativ gelagerten Fächern wie Jura und Medizin. Es gibt aber auch viele, die den Sprachwandel für normal und sinnvoll halten. Und es gibt radikale Gender-Puristen, die die ausschließliche Verwendung einer männlichen Bezeichnung am liebsten unter Strafe stellen würden.

Ihre Hochschule, die Heine-Universität, hat eine Broschüre herausgegeben mit dem Titel "Geschlechtergerechte Sprache. 14 Regeln für den Büroalltag". Die Hinweise gelten also nicht für den Wissenschaftsbetrieb?

Barz Ich glaube nicht, dass das so gedacht ist. Zwar könnte man darauf hinweisen, dass es so etwas wie Freiheit von Forschung und Lehre gibt und dass man den Professorinnen und Professoren kaum Vorschriften in Bezug auf ihre Sprache machen kann. Aber die "Regeln für den Büroalltag" sind ja keine Vorschriften, sondern lediglich eine Art Handreichung. Man steht ja tatsächlich heute oft vor der praktischen Frage, wie man am elegantesten beide Geschlechter sprachlich berücksichtigen kann.

Sie sind Bildungswissenschaftler. Gibt es in Ihrem Fach eine mehrheitliche Meinung zum Gender-Thema?

Barz Ich glaube, dass in unserem Fach die Auffassung weit verbreitet ist, dass jede Diskriminierung, auch sprachlicher Art, vermieden werden sollte. Interessant ist, dass die Bildungsforschung seit Jahren feststellt, dass wir heute eine weibliche Dominanz haben: Die Abiturnoten der Mädchen sind besser als diejenigen der Jungen. Mehr Jungen als Mädchen verlassen die Schule ohne Abschluss. So etwas beschleunigt auch den Sprachwandel.

Glauben Sie, dass man mit Sprachregelungen Gender-Gerechtigkeit erzwingen kann?

Barz Nein. Aber es gibt reale Veränderungen der Geschlechterrollen, und die lagern sich sprachlich ab. Irgendwann merkt man: Die alten Sprachhülsen passen nicht mehr. Dann sucht man neue. In diesem Prozess stecken wir zurzeit. Das führt zuweilen zu Auswüchsen wie im Fall jener Berliner Professorin, die geschlechtsneutral mit Profx. angesprochen werden möchte.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, plädieren Sie dafür, Gender-Aspekte zu berücksichtigen, wenn die Sprache dadurch nicht zu sehr deformiert wird: also "Elternberatung" anstelle von "Mütterberatung", "Putzhilfe" statt "Putzfrau", nicht aber "WissenschaftlerInnen" oder "Wissenschaftler(innen)".

Barz Ja, so ungefähr. Man darf die Sprachfrage auch nicht überbewerten. Ich glaube im Übrigen, dass wir uns in einer Übergangsphase befinden. Es gab ja tatsächlich Texte, die in einem Satz 36 Schrägstriche enthielten. Das wird unlesbar, daran hat niemand Spaß. Das mag zwar formal korrekt sein, hat aber zur Folge, dass die Leser sich schaudernd abwenden und sagen: Früher war doch alles besser.

BERTRAM MÜLLER FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)
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