1. Panorama

Neue Serie: Darum fahren wir Rad

Leser erzählen : Darum fahren wir Rad

Heute startet unsere Radserie – und zum Auftakt haben wir begeisterte Radfahrer gefragt, was sie stört und was sich verändern müsste. In einem sind sich alle einig: Ausreden gelten nicht; dafür macht das Radfahren zu viel Spaß.

Lilly Ende (11) und Justus Lingnau (11), Sechstklässler am  Pascal-Gymnasium in Grevenbroich:

Foto: Hans-Juergen Bauer (hjba)

Justus fährt jeden Morgen rund 3,5 Kilometer zur Schule. Darüber hinaus radelt er auch gerne in seiner Freizeit. „Zur Schule fahren wir hauptsächlich auf dem Radweg. Es sind sichere Wege“, sagt Justus. Allerdings gäbe es morgens kurz vor dem Schuleingang ein Gedrängel. Viele Busse, Autofahrer, Fußgänger und Fahrradfahrer würden die Einfahrt zur Schule erschweren. „Da so viele Autos da sind, ist es sehr gefährlich. Und man wird als Radfahrer schnell übersehen – gerade wenn es beispielsweise regnet“, sagt Justus. Deshalb wünscht er sich gegenüber Fahrradfahrer viel mehr Rücksicht.

Lilly legt täglich eine Strecke von etwa vier Kilometer zurück. Neben den Fahrten zur Schule, radelt sie außerdem vier Mal die Woche zum Training. Am liebsten fährt sich mit ihrer Schwester und ihrer besten Freundin. Im Sommer radelt sich gerne durch den Bender Wald, allerdings sei es im Winter viel zu dunkel dort. Deshalb bevorzugt sie dann durch beleuchtete Straßen zu fahren. Sie würde gerne mehr Radfahrer sehen: „es ist wichtig für den Klimaschutz“, sagt sie und schlägt deshalb vor, dass alle, die im Umkreis von etwa zwei bis drei Kilometer von der Schule oder der Arbeit wohnen, mit dem Fahrrad zu fahren. Im vergangenem Jahr haben Lilly und Justus gemeinsam mit ihren Mitschülern erstmalig bei einem Fahrrad-Projekt teilgenommen. Das Projekt „Stadtradeln“ wirbt fürs Fahrrad fahren als Verkehrsmittel und trägt einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz bei. Als Team „Pure-Biking“ erstrampelte die Klasse 6e des Pascal-Gymnasiums rund 6000 Kilometer. Mit 37 Teilnehmern habe somit jeder 799 Kilometer im Schnitt zurückgelegt. Für dieses Jahr haben Lilly und Justus kein konkretes Ziel gesetzt, aber sie wollen in jedem Fall mehr als im vergangenem Jahr schaffen.

Esther Pollmann (52), fährt jeden Tag in Düsseldorf 7,5 Kilometer zur Arbeit und zurück:

Foto: Bretz, Andreas (abr)

„Ich lege eigentlich alle Wege in Düsseldorf mit dem Fahrrad zurück. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre ich auch nicht schneller, außerdem fahre ich gerne Rad. Wenn man den ganzen Tag im Büro sitzt ist es sinnvoll, sich morgens und abends schon bewegt zu haben. Mein Arbeitgeber, die Ergo-Versicherung, fördert das Radfahren auch - es gibt tolle Stellplätze, Duschen und Bike-Leasing-Angebote. Man muss sich eher fragen, warum jemand nicht mit dem Rad fährt. In Düsseldorf hat sich schon einiges für Radfahrer verbessert. Auf den Radfahrstreifen fühle ich mich sicher, an den Ampeln gibt es vorgelagerte Haltepunkte für Radler, da muss ich nicht zwischen den Autos und in den Abgasen stehen. Auf einigen Straßen ist es aber schwierig. Auf der Duisburger Straße parken Autos in der zweiten Reihe, und dann fährt da noch die Straßenbahn - das wird oft eng. Auch auf der Oberbilker Allee zum Beispiel gibt es nur ganz schmale Rad- und Fußwege. Das geht gar nicht. Am Worringer Platz ist die Verkehrslage für alle total unübersichtlich. Da muss ich mich immer fragen, wie ich genau auf die Kreuzung fahre, je nachdem, wo ich hin muss. Ich bin einiges als Radfahrerin gewöhnt, aber da ist es sehr unangenehm, wenn man einen Spurwechsel machen muss. Und das sind nur die Wege, die ich häufig zurücklege. Es gibt sicher noch mehr heikle Stellen in der Stadt.“

Georg Görtz (50), pendelt von Geldern-Veert nach Dinslaken zur Arbeit (ges. ca. 90 km):

Foto: Evers, Gottfried (eve)

„Ich pendele mit einem sogenannten S-Pedelec, wenn es die Witterungsbedingungen zulassen. Das schafft ca. 50 km/h und man darf damit nicht auf dem Radweg oder Gehweg fahren, sondern muss die Straße nutzen. Das ist zwar richtig, bringt aber auch Probleme. Viele Autofahrer wissen nicht, dass es diese Regel gibt, schneiden mich oder hupen mich an. Auf engeren Landstraßen wird es bei viel Verkehr, gerade wenn Lkw unterwegs sind, schonmal unangenehm. Da würde ich mir auch auf dem Land eine Spur wünschen, wie es sie in manchen Städten gibt. Freigegeben etwa für Pedelec- und Moped-Fahrer, die aber auch Autofahrern klar zeigt: Die dürfen und müssen hier fahren. Der Mindestabstand von anderthalb Metern interessiert viele Autofahrer doch gar nicht, da würde eine eigene, farblich markierte Spur sicher helfen. Außerdem würde ich mir eine Verbesserung der Ampelanlagen wünschen - die muss man als Radfahrer oft erst drücken, bevor sie umspringen, das kostet viel Zeit. In der Freizeit fahre ich zudem am Niederrhein auch gerne Rad - und ungefähr 80 Prozent der Radwege sind in einem katastrophalen Zustand, mit Löchern und Wurzeln. Manchmal werden sogar Landstraßen saniert - der daneben laufende Radweg aber nicht. Das ist nicht nachvollziehbar und da muss sich dringend etwas tun.“

Petra Haller (53), lebt in Leverkusen-Opladen direkt am Panorama-Radweg Balkantrasse und legt alle Wege mit dem Fahrrad zurück:

„Für mich ist Radfahren die Bewegung, die ich jeden Tag haben will. Im Schnitt fahre ich zehn Kilometer pro Tag - zum Einkaufen, ins Kino, zum Arzt. Mein Auto benutze ich nur etwa alle zwei Wochen. Beim Radfahren kann ich CO2-Ausstoß vermeiden und muss mich nicht über die überfüllten Straßen ärgern. Wir sind eine Radfahrerfamilie. Mein Mann macht auch alles mit dem Rad. Meine älteste Tochter fährt jeden Tag insgesamt 20 Kilometer zur Arbeit und zurück. Es wird immer viel gemeckert - meiner Meinung nach zu viel. Ich glaube, die Leute wollen auch einfach Ausreden generieren, um nicht Radfahren zu müssen. Ich habe ein normales Tourenrad und komme damit in Leverkusen überall sicher hin. Klar gibt es Baumwurzeln, die die Wege zerstören, oder Absenkungen, die nie ausgebessert wurden, oder Anschlüsse, die fehlen. Aber wer in Leverkusen Radfahren will, der kann es. Viele Radfahrer ärgert, dass der neue Abschnitt der Balkantrasse direkt in einen Park & Ride-Parkplatz mündet. Oder die neue Brücke am Opladener Bahnhof: Als Radfahrer endet man da mitten vor dem Kreisverkehr, weil es keine Absenkung gibt. Aber naja…Ich bin kein ängstlicher Mensch, ich fahr halt drauf los und bremse Autos auch mal aus, wenn ich im Recht bin. Wir machen auch Urlaube mit den Rädern – Amsterdam oder Berlin. Dort waren wir zu einem Sommerfest eingeladen, mein Mann, meine beiden Töchter und ich. Wir hatten uns vorgenommen, so weit zu fahren, wie wir können, und dann die Bahn zu nehmen. Letztlich sind wir 700 Kilometer geradelt und erst in Berlin-Wannsee in die Bahn gestiegen. Auf dem Rückweg waren wir noch mit den Rädern auf einem Geburtstag in Hamburg. Auf der Heimfahrt war in Höhe Porta Westfalica leider der Urlaub zu Ende – von dort sind wir dann mit dem Zug nach Leverkusen gefahren. Das war ein überwältigendes Sommer-Erlebnis, die Kinder sprechen heute noch davon.“