Köln: Gemüse frisch aus der Stadt

Köln : Gemüse frisch aus der Stadt

Urban Gardening - das Gärtnern in der Stadt als Gemeinschaftserlebnis - liegt im Trend und bringt das Grün zurück in die Innenstädte.

Platz für einen Blumenkübel ist selbst im kleinsten Hinterhof. Und auf einem Balkon wachsen sehr wohl Tomaten, Bohnen und Gurken, vorausgesetzt, sie bekommen genug Sonne. Urban Gardening, das Gärtnern auf öffentlichen Flächen in der Stadt, ist ein Trend, der sich in zahlreichen Gemeinden etabliert hat. Viele der Hobbygärtner nutzen vor allem Baulücken und Brachflächen, um sie in "Orte der Begegnung zu verwandeln", wie es etwa im "Urban Gardening Manifest" der Gemeinschaftsgärten Köln heißt, einem Verbund von begeisterten Gärtnern, die mehr Grün in die Stadt bringen und "die Stadt essbarer machen wollen", wie Dorothea Hohengarten vom Verein Neuland es ausdrückt.

Beim Urban Gardening geht es darum, den Menschen in der Stadt die Natur wieder nahe zu bringen, sie zu sensibilisieren für eine Wertschätzung gesunder Lebensmittel, für eine lebenswertere Stadt dank neuer Grünflächen und für das Gefühl, mit den eigenen Händen etwas gepflanzt und geerntet zu haben. Diese Gärtner wollen nicht ihr individuelles Grün pflegen und bewirtschaften, auch nicht in einem Schrebergarten. Sie wollen ein Gemeinschaftserlebnis und verstehen sich als Netzwerk, deren Mitglieder ihr Wissen weitergeben, gemeinsam Neues ausprobieren, Workshops abhalten, Saatgut tauschen oder Bienen halten.

An der Universität in Münster gibt es etwa solch einen Garten, an der Ausweichspielstätte des Kölner Schauspiels in Köln-Mülheim, an der Fachhochschule Düsseldorf oder bei Schloss Benrath. Auf der Internetseite www.urbaneoasen.de findet man mehr als 50 Projekte in NRW, von A wie Aachen bis Z wie Zülpich.

"Gerade dieses Frühjahr haben sich uns 50 neue Leute angeschlossen", erzählt Dorothea Hohengarten. Der Verein Neuland bewirtschaftet in Köln ein 9500 Quadratmeter großes Gelände der ehemaligen Dom-Brauerei in Köln-Bayenthal, allerdings nur als Zwischennutzung, denn dort soll irgendwann gebaut werden. Häufig werden Bahnbrachflächen fürs Urban Gardening genutzt. "Da viele solcher Grundstücke mit Schwermetallen belastet sind, sollte man besser die Pflanzen in Kisten ziehen", sagt die Hobbygärtnerin. Bei ungenutzten Flächen muss man natürlich erst herausfinden, wem das Grundstück gehört. In manchen Städten gibt es dafür einen speziellen Ansprechpartner. In Hinterhöfen reicht es dagegen meist aus, die Nachbarn zu fragen. Denn Urban Gardening meint nicht Guerilla Gardening, bei dem heimlich Brachfläche bepflanzt oder Moosgraffitis gezogen werden.

Das Areal der ehemaligen Brauerei nutzt der Neuland-Verein vielfältig. Es gibt Anbau- und Freiflächen, Gewächshäuser, eine Workshop-Küche und eine Scheune, in der man sich auch bei Regen treffen kann. "Gemeinschaftsgärten verstehen sich als Lernorte", sagt Hohengarten. "Wir teilen unser Wissen, sodass es immer weiter anwächst." Man kann sich gegenseitig Techniken beibringen, das Zubereiten von Speisen, das Einkochen von Gemüse. Immer samstags nachmittags seien Ansprechpartner vor Ort, die versuchen, weiterzuhelfen. Auch für Kinder sei es hilfreich, einen Bezug zum eigenen Essen zu entwickeln, zu sehen, wie lange es dauert, bis man eine Aubergine oder eine Kartoffel ernten kann.

Die Pflanzen, die man aussäen möchte, sollte man passend zum Standort aussuchen. "An einer vierspurigen Straße würde ich kein Gemüse anbauen, denn die Schadstoffe sammeln sich in den Pflanzen", rät die Kölnerin. Dort seien Blumen geeigneter. Dagegen kann man Gemüse auch gut in Kübeln ziehen, etwa Tomaten oder Zucchini in einem sonnigen Hinterhof.

Wichtig sei es auf jeden Fall, gute, torffreie Erde zu benutzen, denn der Torf setzt CO2 frei. Blumenerde etwa aus dem Baumarkt sei empfehlenswert. Für den Anfänger eignen sich Tomaten, Möhren, Zucchini und Kürbisse, die seien einfach zu ziehen und werden meistens lecker. Bei Blumen rät die Hobby-Gärtnerin zu Ringelblumen oder Kapuzinerkresse. Beide sind essbar und sehen noch schön aus. Der Neuland-Verein stellt seinen Hobbygärtnern das Saatgut zur Verfügung, man kann aber generell auch mit einer Fertigmischung anfangen, die man nur gießen und pflegen muss.

Wichtig ist, dass man bei den Pflanzgefäßen darauf achtet, dass keine Staunässe entsteht. Gegen das Verstopfen müssen die Löcher mit einer Drainage geschützt werden. Manche Salate oder Blattgemüse sind nicht nur schmackhaft, sondern auch dekorativ. Mangold zum Beispiel lässt sich praktischerweise auch stängelweise ernten. Als Blumen eignen sich Stockrosen, die sich dann auch wieder selbst aussäen - so wird die Stadt noch bunter.

Urban Gardening funktioniert selbstverständlich auch auf dem Balkon. Geeignet als essbarer Sichtschutz zum Nachbarn sind zum Beispiel Feuerbohnen. Besonders attraktiv fürs grüne Wohnzimmer sind Duftpflanzen. Das Unternehmen "Die Stadtgärtner" bietet zum Beispiel einen Colastrauch, früher als Eberraute gebräuchlich, an, dessen ätherische Öle intensiv riechen. Zudem sind Pflanzkisten im Angebot, die jahrelang als Obstkisten im Alten Land im Dienst waren und dank eines wasserfesten Einsatzes eine Alternative zum Kübel sind. Für den Balkon eignen sich auch Zitronenverbene oder niedrig wachsende Kräuter wie Teppich-Poleiminze, Kümmel-Thymian und kriechendes Rosmarin. Und vielleicht schaut dann auch mal ein Schmetterling vorbei.

Egal wie man gärtnert und was man anbaut, die Naturerfahrung steht im Vordergrund - und das nachbarschaftliche Miteinander. Und so wird das gemeinschaftlich herangezogene Gemüse nach der Ernte auch gerne mal gemeinsam zubereitet und verspeist.

(RP)
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