Insektensterben: Mehr Blüten für mehr Störche

Artenvielfalt im Kreis Wesel : Futtermangel trifft auch die Störche

Das Insektensterben macht Vögeln zunehmend zu schaffen. Naturschützer fordern mehr giftfreie Flächen für eine Rückkehr zur Artenvielfalt. Kommunen sollen beispielhaft vorangehen und Pachtverträge für ihre Areale anpassen.

Naturschutzorganisationen warnen landauf, landab vor verheerendem Einsatz von Herbiziden und Pestiziden. Sie beobachten einen Artenschwund, der sich besonders unter Insekten bemerkbar macht. Vielerorts ist auch die Politik schon aktiv geworden, lässt diese Mittel auf kommunalen Flächen nicht mehr vor oder hat es zumindest vor, entsprechende Verbote zu erteilen. Abgesehen von gravierenden volkswirtschaftlichen Verlusten, wenn die natürliche Bestäubung von beispielsweise Obstbäumen per Biene ausbleibt, macht sich giftbedingtes Insektensterben schon jetzt in Nestern bemerkbar. Viele Vögel finden nicht mehr genug Futter für ihre Jungen. Während der Nachwuchs verhungert, reiben sich auch die Eltern immer mehr auf.

Betroffen sind laut Experten im Grunde alle Arten von klein bis groß. Auch die mächtigen Störche, die sich wegen ihrer Rückkehr an den Niederrhein seit einigen Jahren besonderer Beliebtheit erfreuen. Die jüngste Trockenheit hat dazu beigetragen, dass wenig Regenwürmer zur Verfügung standen, welche ideal wären für die dünnen Hälse junger Störche. Dennoch ist Hans Glader von der Stiftung Störche NRW vergleichsweise zufrieden mit dem, was er zuletzt in den Nestern der Region zählen konnte.

Demnach sind in Bislich auf der Kirchenwoy und am Forellenstübchen jeweils drei sowie bei Heiligers und an der Straße Ronduit (neu) je zwei Junge zu verzeichnen. Im sogenannten Urnest in der Dingdener Heide sind es vier, in einem benachbarten scheinen es zwei bis drei zu sein, in Dingden selbst vier sowie in Ringenberg drei. Nester in Anholt (zwei Junge), Vehlingen (vier), Bocholt (drei) und Haldern (zwei) vervollständigen Gladers Beritt. Auf der linken Rheinseite soll in Perrich zuletzt noch gebrütet worden, in Ginderich ein Altvogel nicht zurückgekehrt sein. Indes mausert sich die Bislicher Insel weiter, wo drei neue Paare die Anzahl der besetzten Nester auf neun hochschraubten.

Glader stellt fest, dass die Storcheneltern mittlerweile auch Käfer, Kleininsekten, Spinnen und Schnecken verfüttern. In Wertherbruch hat die Stiftung eine 2,5 Hektar große Fläche gekauft, und im vergangenen Jahr eingesät. Entstehen soll eine artenreiche Blumenwiese. Verwendet wurde nur einheimische Blumensaat. Neonicotinoide hält Glader übrigens für schlimmer als Glyphosat, weil es nicht zerbrösele, sondern sich anhäufe und bei Bienen das Nervensystem angreife. Folge: Die Bienen finden nicht zu ihrem Stock zurück.

Peter Malzbender, Vorsitzender der Kreisgruppe Wesel des Naturschutzbundes (Nabu), macht schon seit Jahren auf Nahrungsmangel für Vögel aufmerksam. Er rät allen Vogelfreunden dazu, ihnen nicht nur im Winter, sondern ganzjährig ein geeignetes Futter im Garten anzubieten. Der Nabu selbst geht mit Projekten wie der Naturarena in Bislich oder dem Schmetterlingsgarten am Konrad-Duden-Gymnasium Wesel voran. Wichtiger noch sei laut Malzbender eine Vernetzung von Flächen, die nicht mit Spritzmitteln behandelt werden. Die Kreisverwaltung habe sich dazu bereits an die Kommunen gewandt.

Die Kreisgruppe Wesel des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) hat eine ähnliche Initiative gestartet und jetzt die Kommunen angeschrieben. Zu den Zielen gehört eine Regelung in Pachtverträgen zum Ausschluss von Pestiziden. Lediglich in Wesel hat die Politik bislang die Verwaltung angewiesen, zumindest den Verzicht auf Glyphosat zukünftig in die Pachtverträge aufzunehmen. Die Kommunen müssten aber mehr tun, um ihrer Verantwortung für die Artenvielfalt nachzukommen, sagt Bund-Vorsitzender Günther Rinke, dessen Anliegen von der SPD-Kreistagsfraktion unterstützt werden.

Während es hier vorrangig um giftfreie Flächen der öffentlichen Hand und die Anlage von Blühstreifen geht, appelliert Malzbender auch an Besitzer privater Gärten. Auch in diesen nehme pflanzlicher Artenreichtum ab und würden zu viele Spritzmittel verwendet. Zudem geht er mit ungeeigneten Insektenhotels ins Gericht. Immerhin aber gebe es eine enorme Nachfrage nach den vom Nabu angebotenen Konstruktionen: "In der Naturarena Auf dem Mars in Bislich hat ein Experte in sehr kurzer Zeit 30 verschiedene Insektenarten festgestellt."

(fws)