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Rudern: Vom Industriehafen in die Bundesliga gerudert

Rudern : Vom Industriehafen in die Bundesliga gerudert

Neuss besitzt nicht allzu viele Bundesliga-Mannschaften. Zwei davon starten heute in Frankfurt auf dem Main in ihre Saison.

Es gibt bestimmt idyllischere Ruderstrecken als das Hafenbecken an der Neusser Hansastraße. An der Steuerbordseite türmen sich die Abraumhalden des einstigen Case-Geländes, backbord ragen die Speicher der Plange-Mühle empor. Und als Zuschauer kommen höchstens ein paar LKW-Fahrer der Spedition Ansorge in Frage, die mit ihren Vierzigtonnern am winzigen Bootshaus des Neusser Rudervereins vorbeidonnern.

Volle Kraft voraus: Der Männerachter des Neusser Rudervereins, hier beim letztjährigen Bundesliga-Renntag auf dem Münsteraner Aasee, will sich im Gesamtklassement der Zweiten Bundesliga nach vorne schieben. Foto: NRV

Die Athletinnen und Athleten des NRV, der 2014 sein hundertjähriges Bestehen feiert, stört das wenig. Sie bereiten sich mitten im Industriehafen auf die Saison in der Ruder-Bundesliga vor, die heute in aller Herrgottsfrühe mit den Rennen auf dem Main in Frankfurt beginnt und am 14. September auf der Hamburger Binnenalster endet.

Der Männerachter, der im zweiten Jahr in der Zweiten Bundesliga startet, trifft im ersten Zeitlauf um 7.45 Uhr auf den Wikingachter aus Berlin. "Das heißt spätestens um fünf Uhr aufstehen, besser noch ein bisschen früher", sagt Wolf Strauß, die "Leihgabe" des Düsseldorfer Rudervereins, "denn vier Stunden vor dem Start sollte der Kreislauf schon auf Touren sein."

Die Frauen können theoretisch ein bisschen länger liegen bleiben. Die "Rheinsprinter", wie sich die Startgemeinschaft aus Neusser RV und RC Germania Düsseldorf nennt, muss "erst" um 8.21 Uhr 'ran. Freilich muss die Crew um Schlagfrau Susanne Angenendt da schon hellwach sein, denn die Gegnerinnen vom Crefelder Ruderclub sicherten sich im Vorjahr den Titel in der Bundesliga der Frauen.

"Ein dicker Brocken zum Auftakt, aber andererseits auch gar nicht so schlecht", sagt Dorothea Redmann. Die Fachärztin für Orthopädie und Sportmedizin hat ihren Platz an den Skulls mit dem der Steuerfrau vertauscht. Sie weiß: "Im ersten Rennen des Tages kommt es auf die Endzeit an. Und die könnte im Duell mit einem starken Gegner besser sein als gegen ein schwächeres Boot." Um für die kräftezehrenden "Sprints" über 300 Meter — fünf stehen an einem Bundesliga-Tag auf dem Zeitplan — gerüstet zu sein, trainieren die "Rheinsprinter", im Vorjahr auf Rang neun der 15 Erstliga-Teams, vier Mal pro Woche, zur Hälfte im Neusser Hafenbecken 2, zur Hälfte im Düsseldorfer Medienhafen. "Wir haben das Glück, dass alle unsere Ruderinnen in der näheren Umgebung studieren oder arbeiten", sagt Dorothea Redmann mit Blick auf die 15 Ruderinnen umfassende Kaderliste.

Der Männer-Achter hat es da schwieriger. Fünf der 14 Crewmitglieder studieren und leben in Aachen. "Mit ihnen gemeinsam können wir nur am Wochenende trainieren", weiß Thorbjörn Dorow. An den anderen Tagen trainiert jeder für sich auf dem Ruderergometer. Trotzdem wollen die Neusser besser abschneiden als in ihrem Premierenjahr, als sie Platz acht im Schlussklassement belegten. "Weil wir jetzt viel mehr Erfahrung haben und eingespielter sind", sagt Bernhard Spanke. Der Routinier, zu lange zurückliegenden Jugend- und Juniorenzeiten im Einer bis hin zur Deutschen Vizemeisterschaft erfolgreich, fungiert zusammen mit Guido Groß als Teamleiter. Ausgerechnet er muss heute wegen Rückenbeschwerden passen.

Mitunter trainieren Frauen- und Männerachter auch gemeinsam. "Dann kriegen die Mädels einige Meter Vorgabe und wir versuchen, sie einzuholen", sagt Peter Stoffels, auch eine der routinierten Kräfte im NRV-Achter. Das simuliert nicht nur die Rennsituation während der Bundesliga, "sondern das motiviert auch ungemein."

Vielleicht so sehr, dass auch die harten Kerle des NRV dereinst in der Ersten Liga rudern werden. "Irgendwann wollen wir dahin", verrät Guido Groß, "aber unter den derzeitigen Bedingungen ist das verdammt schwierig." Ebenso schwierig, wie einmal selbst ein Bundesliga-Rennen auszurichten, vielleicht im kommenden, dem Jubiläumsjahr. Denn wer, bitteschön, verirrt sich schon an die Hansastraße?

(NGZ/ac)