Rhein-Kreis Neuss: Nach dem Brexit jetzt der Frexit?

Rhein-Kreis Neuss: Nach dem Brexit jetzt der Frexit?

Morgen startet Frankreich in die Präsidentschaftswahl. Vor allem der Europa-Kurs bereitet der Wirtschaft in der Region große Sorgen. Ein Frexit im Nachbarland würde auch die Wirtschaft im Rhein-Kreis und am mittleren Niederrhein treffen.

Das Schreckgespenst hat einen Namen: Marine Le Pen. Die Präsidentschaftskandidatin des rechtsextremen Front National will Frankreich aus der Eurozone führen und dem britischen Vorbild folgend ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft ihres Landes abhalten. Nach dem Brexit droht der Frexit - und der macht nicht an Landesgrenzen Halt. Die Wirtschaft im Rhein-Kreis und im Bezirk der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein blickt daher mit Sorge nach Frankreich. IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz findet deutliche Worte: "Insbesondere das Bestreben von Marine Le Pen, das Schengen-Abkommen aufzukündigen, beziehungsweise einen Austritt aus der EU herbeizuführen, birgt Sprengstoff für die weiteren wirtschaftlichen Beziehungen."

Im IHK-Bezirk haben 56 Unternehmen mit französischer Kapitalbeteiligung ihren Sitz, 29 davon im Rhein-Kreis Neuss. Das bekannteste Unternehmen ist der französische Mischkonzern Saint-Gobain, der Tochtergesellschaften in Neuss und Willich zur Herstellung von Kunststoffwaren unterhält. Insgesamt beschäftigen die 56 Unternehmen mit französischer Kapitalbeteiligung am Mittleren Niederrhein rund 2000 Menschen. Laut einer 2016 durchgeführten Sonderumfrage der IHK unterhalten 40 Prozent der auslandsaktiven Unternehmen am Mittleren Niederrhein Exportbeziehungen mit Frankreich, in der Industrie sind es sogar 54 Prozent. Und: Laut jüngst vom Statistischen Landesamt IT.NRW veröffentlichten Daten ist Frankreich das zweitwichtigste Exportland für die Wirtschaft in NRW - nach den Niederlanden, aber noch vor Großbritannien. Eine weitere Zahl verdeutlicht die Bedeutung des französischen Markts für die Region: Knapp 30 Prozent des Exporterlöses in NRW werden mit Metallen und chemischen Produkten erzielt. "Dies deutet darauf hin, dass auch die Wirtschaft am Mittleren Niederrhein überdurchschnittlich stark mit Frankreich verbunden ist - sind dies doch gerade Produkte, die in Leitbranchen der Region - Metallerzeugung, chemische Industrie - hergestellt werden", betont Steinmetz. Der Blick auf Frankreich sei daher besonders intensiv.

Morgen schreiten die rund 47 Millionen stimmberechtigten Franzosen zur Wahlurne und wählen ihren neuen Staatschef. Da im ersten Wahlgang vermutlich keiner der elf Kandidaten die absolute Mehrheit erhält, wird es am 7. Mai wohl zur Stichwahl zwischen den beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen kommen.

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Nicht nur Le Pen bereitet Kopfschmerzen. Der Sozialist Jean-Luc Mélenchon, ein ausgewiesener Europa- und Deutschlandkritiker, will die EU-Verträge neu verhandeln - und liebäugelt mit einem Ausstieg aus der Union. Ihm werden bei der Wahl durchaus Chancen eingeräumt. Sein Programm wird skeptisch beäugt. "Für die Wirtschaft hierzulande ist es aufgrund der engen Handelsbeziehungen wichtig, dass die französische Wirtschaft weiter wettbewerbsfähig bleibt", betont Steinmetz. "Mélenchon will die Rente mit 60, eine Wochenarbeitszeit von 32 Stunden, eine 100-prozentige Übernahme aller Krankheitskosten durch die Versicherung." Den staatlichen Brutto-Mindestlohn will er gleichzeitig von 1480 auf 1700 Euro anheben. "Unter diesen Maßnahmen würde die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Wirtschaft deutlich leiden."

Laut jüngsten Umfragen deutet alles auf eine Stichwahl zwischen Le Pen, die politisch am stärksten vom Anschlag am Donnerstagabend profitieren könnte, und dem pro-europäischen Emmanuel Macron hin. Dahinter lauern der Konservative François Fillon und Mélenchon.

(NGZ)
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