Ratingen Der gute Deutsche

Düsseldorf · Josef Schiffer, der seit 2003 in Lintorf lebte, hat im Zweiten Weltkrieg durch eine mutige Befehlsverweigerung viele Italiener gerettet. Vergangene Woche ist der gebürtige Kalkumer im Alter von 96 Jahren gestorben. Lintorf und die italienische Stadt Aulla trauern. Eine Würdigung.

Lintorf/Aulla Als Josef Schiffer, Oberfeldwebel im Feuerwerkerdienst der deutschen Wehrmacht, 1944 nach Italien verlegt wurde und seinen Dienst in Pallerone in der Provinz Massa-Carrara (nördliche Toskana), antrat, konnte er nicht ahnen, dass er gut 50 Jahre später von der Bevölkerung der Region und vom Bürgermeister der Stadt Aulla, zu der Pallerone heute gehört, wie ein Staatsgast empfangen werden würde. Was hatte dieser Mann getan, dass sich Menschen aus einem von deutschen Truppen besetzten Land in Liebe und Dankbarkeit an ihn erinnerten?

Schiffer erhielt zunächst den Auftrag, in drei Fabriken für Schießpulver im Bezirk Lunigiana den Ablauf der Produktion zu überwachen und das Pulver an die deutsche Wehrmacht zu liefern. Die Arbeiter in den Werken Pallerone, Villafranca und Soliera sind Einheimische. Schiffer ist als Spezialist für Sprengstoff der Leiter der Fabriken und sein eigener Herr. Mit der Zeit lernt er die Arbeiter und deren Familien näher kennen. Er sieht ihre Nöte, hat Verständnis für sie.

Durchziehende deutsche Truppen nehmen Lebensmittel und Fahrzeuge mit, die den Einwohnern von Pallerone gehören. Josef Schiffer setzt sich bei den Offizieren für die Rückgabe ein. Bei Durchsuchungen kommt es zu Verhaftungen. Josef Schiffer gelingt es, seine Leute wieder freizubekommen. Seinen Einsatz für die Dorfbewohner begründet er stets mit der Wichtigkeit der ihm anvertrauten Rüstungsbetriebe. Wer will schon riskieren, die Versorgung der Wehrmacht mit Schießpulver und Sprengstoff zu behindern.

Ende 1944 fielen Bomben in Pallerone, Briten und Amerikaner flogen Angriffe auf die noch von den Deutschen gehaltenen Gebiete. Die Bewohner Pallerones flohen in die nahen Weinberge. In Notunterkünften versuchten sie, sich vor dem nahenden Winter zu schützen. Josef Schiffer duldete die Umsiedlung seiner Arbeiter nicht nur, er erlaubte ihnen sogar, sich vom Fabrikhof das nötige Material für den Bau der Hütten zu besorgen. "Er half jedem, der sich an ihn wandte", geben zwei Arbeiterinnen und zwei Arbeiter am 10. Januar 1946 zu Protokoll, als sie vor dem Amtsgericht Pontremoli eidesstattlich versichern, dass Josef Schiffer sich nicht wie ein Besatzer, sondern wie ein Freund verhalten habe.

Am 28. April 1945 kapitulierten die deutschen Truppen in Italien. Josef Schiffer bekam den Befehl, beim Rückzug die drei Pulverfabriken in die Luft zu sprengen. Die riesigen Mengen gelagerten Sprengstoffs hätten die meisten Häuser der umliegenden Dörfer zerstört und große Verluste unter der Zivilbevölkerung verursacht. Schiffer legte zwar befehlsgemäß die Sprengladung, zündete sie aber nicht. So bewahrte er die Orte vor der Zerstörung und ihre Bewohner vor dem Tod. Das war Befehlsverweigerung und hätte Schiffers Tod bedeuten können.

Drei Kameraden Schiffers wurden von italienischen Partisanen erschossen. Zwei junge Frauen aus Pallerone erkannten Josef Schiffer und retteten ihm das Leben, als sie dem Partisanenführer erzählten, was er für die Einwohner von Pallerone getan hatte. Schiffer blieb in der Toskana. Als er in amerikanische Gefangenschaft geriet, setzten sich ein Bischof sowie der Betriebsrat und die Belegschaft der Pulverfabrik von Pallerone für ihn bei den Amerikanern ein. Nach vierwöchiger Gefangenschaft wurde Josef Schiffer freigelassen. Erst 1965 kehrte er nach Deutschland zurück.

Zum 50. Jahrestag der Befreiung Italiens wurde Josef Schiffer nach Aulla eingeladen. In einer Feierstunde am 12. März 1995 auf dem Platz vor dem Rathaus von Aulla, an der Vertreter aus Politik und Verwaltung, ehemalige Frontsoldaten und Partisanen von damals sowie viele Einwohner Aullas teilnahmen, ehrte Bürgermeister Barani Josef Schiffer mit der Verleihung der goldenen Verdienstmedaille der Stadt. Tränen der Rührung flossen, als es ein Wiedersehen gab mit ehemaligen Arbeitern der Fabrik in Pallerone und mit den beiden Frauen, die ihm das Leben gerettet hatten. Die Medien berichteten ausführlich über dieses Ereignis.

Mehrmals ist Josef Schiffer seitdem in Italien gewesen. Jedesmal wurde er wie ein Staatsgast empfangen, so im März 1999, als bei einem Empfang in Aulla ein Buch mit dem Titel "Josef Schiffer, der gute Deutsche. Der Mann, der Pallerone gerettet hat" vorgestellt wurde.

Die größte Ehrung erfuhr Schiffer, als ihm am 2. Juni 1999, dem italienischen Nationalfeiertag, der italienische Generalkonsul in Köln im Auftrag seines Präsidenten den Titel "Commendatore della Repubblica" verlieh. In seiner Heimat wurde Schiffer erst 2003 mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Fragte man Josef Schiffer, warum er damals so gehandelt und wo er den Mut hergenommen habe, so antwortete er: "Ich war nicht besonders mutig. Man muss nur etwas Zivilcourage zeigen. Ich habe so gehandelt, wie ich es für nötig hielt."

Der Text ist eine Zusammenfassung des Berichts von Manfred Buer in der Quecke Nr. 70 vom Dezember 2000.

(RP)